Dennis Riehle

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05.03.2022

Ehemaliges Parteimitglied kritisiert anhaltendes Russland-Verständnis der Linken

Pressenotiz

Diese Realitätsferne ist ekelhaft!

Nicht zuletzt der Konflikt zwischen Gregor Gysi und Sahra Wagenknecht hat zum Ausdruck gebracht: Innerhalb der Linken verlaufen weiterhin tiefe Gräben, was die Bewertung Russlands angeht. Diese Ansicht vertritt das ehemalige Konstanzer Mitglied der Linkspartei, der Autor Dennis Riehle. „Ich bin entsetzt darüber, wie naiv es in einigen Strömungen auch weiterhin zugeht“, erklärt der 36-Jährige, der sich heute deutlich von den außenpolitischen Positionen der LINKEN distanziert und attestiert, wonach man in weiten Teilen der westdeutschen Flügel der Partei mit kruden Vergleichen auf sich aufmerksam macht und die Großmachtphantasien des Kreml-Chefs teilt.

„Im Gespräch mit meinen früheren Genossen erfahre ich dieser Tage, dass es sich bei den Einlassungen Putins um ‚historische Reden‘ handele, deren ‚heroische Töne beneidenswert‘ seien und deren Bedeutung ‚über Generationen nachhallen‘ werde“, zeigt sich Riehle empört: „Das Einzige, was an den verschwurbelten und kruden Exkursen in die Vergangenheit des russischen Autokraten über viele Jahrhunderte im Gedächtnis bleiben wird, sind seine realitätsfernen und skandalösen Parallelen, die er von Napoleon bis Hitler zieht“, sagt Riehle. Ihn habe erschrocken und gleichermaßen bestürzt, wie gutgläubig und verblendet man trotz der offenbaren Kriegsverbrechen des russischen Regimes in beträchtlichen Teilen der LINKEN bleibe:

„Die Einsichtsfähigkeit Gysis und Wagenknechts sind keinesfalls repräsentativ. Viel eher zieht sich die blinde Russland-Liebe durch weite Teile der Partei. Sogar von Mitgliedern der Linkspartei, die weit nach dem Ende des Kalten Kriegs geboren wurden, höre ich Verbundenheit mit dem Traum eines Wiedererstarkens der kommunistischen Sowjetunion“, brüskiert sich Riehle, der vor allem aus sozialpolitischen Gründen eingetreten war: „Die sicherheits- und verteidigungspolitischen Überlegungen der LINKEN waren mir stets fremd, weil sie derart einseitig sind und blauäugig daherkommen. Selbstredend kann man sich irren. Aber wer angesichts der Dramatik der Bilder aus der Ukraine auch jetzt noch nicht die Kurve kriegt, hat für mich jegliches Mitgefühl verspielt“, führt Riehle aus.

„Es ist mehr als befremdlich, es ist vielmehr skandalös, wenn für die Bedenken des russischen Machthabers gegenüber der NATO noch immer Verständnis eingefordert wird, wie es in gewissen Strukturen der Linkspartei weiterhin geschieht. Ich habe von Seiten der AfD nichts Anderes erwartet. Letztendlich bestätigen mich die Einlassungen von sozialistisch denkenden Demokraten in meinem Freundeskreis aber darin, dass auch unter Linken ein unglaublicher Geschichtsrevisionismus vorherrscht. Ich bin froh, ausgetreten zu sein und mit der Ideologie gebrochen zu haben“, so der Konstanzer, der ergänzt:

„Wer es sich aus Gründen der weltanschaulichen Verbundenheit mit einem Diktator gemeinmacht, hat für mich jeglichen Respekt verloren und kann sich nicht auf Meinungsfreiheit berufen – denn auch eine Freundschaft im Geiste mit einem wildgewordenen Despoten in Moskau kann ein moralisches Verbrechen sein“. Zwar verurteile die LINKE vordergründig den Krieg, weil man sich ja noch immer als pazifistische Partei verstehe, betont Riehle. Im gleichen Atemzug werde aber die Aggression Amerikas als ein wichtiger Faktor für den Gewaltausbruch verurteilt.

„Es gab keinen Anlass, dass sich Russland von irgendjemanden hätte fürchten müssen. Selenski und die gesamte ukrainische Regierung wurden durch das Volk gewählt. Soll sich die Mehrheit der Menschen dort also für Neonazis stark gemacht haben?“, fragt Riehle abschließend – und fügt erneut an: „Dass man Putin heute sogar noch Anerkennung für seine absurden Gedanken entgegenbringen kann, ist schwer erträglich. Für mich sind das nicht mehr ernstzunehmende Verirrungen einer linken Schicht, die sich – ähnlich wie Impfgegner – von jeglicher Realität losgesagt haben“.

Dennis Riehle - 06:38:47 @ Politik