Dennis Riehle

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01.01.2022

Umdenken ausnutzen!

Leserbrief
zu: „Haftstrafe in USA um 100 Jahre verringert“, „t-online.de“ vom 31.12.2021

Protest aus der Bevölkerung und von Prominenten hat die amerikanische Justiz nun dazu bewegt, ein umstrittenes Urteil für einen Unfallfahrer von 110 auf 10 Jahre zu reduzieren. Schon allein der Umstand dessen, dass in den USA wohl zeitlich nahezu unbegrenzte Haftstrafen möglich sind, macht sehr deutlich, dass ein solches Rechtssystem nicht von einer für eine Demokratie notwendigen Verhältnismäßigkeit geprägt sein kann. Auch der Resozialisierungsgedanke geht vollends verloren, denn hinter solchen Beschlüssen wie dem anfänglichen steht allein die blinde Wut und der Grundsatz „Auge um Auge“. Hier geht es nur darum, Menschen wegzusperren und sie lebenslang aus dem Verkehr zu ziehen. 

Dieser Anspruch passt nicht zu einem Land, das für sich westliche Standards in Anspruch nimmt. Dass der bürgerliche Widerstand nun offenbar auch bei manchem Politiker zu einem Umdenken geführt hat, sollte auch dafür ausgenutzt werden, sich der Todesstrafe als inhumanem Bestrafungsmittel endgültig zu entledigen. Der Staat ist nicht in der Position eines Henkers, ihm obliegt es, Straftäter zu Einsicht und Reue zu bewegen und sie in ein gewaltloses Leben zurückzuführen. 

Das kann nur gelingen, wenn er vom Ansinnen geleitet ist, menschliche Haftbedingungen zu schaffen und von den Tod bringender Quälerei durch Injektionen oder weiteren Grausamkeiten Abstand zu nehmen. So, wie in Verbrechern die Buße reifen muss, sollten sich auch die Vereinigten Staaten der Unsinnigkeit ihres derzeitigen Rechts- und Strafvollzugswesens bewusst werden. Seelenfrieden für Opfer und Hinterbliebene erreicht man nicht durch Rache, sondern lediglich durch ein Eingeständnis von Schuld und Läuterung eines Verurteilten und seiner Bereitschaft zur Rückkehr in ein sündenfreies Dasein. 

Es sollte nun allen Demokraten obliegen, die USA auf den rechten Weg einer vernünftigen Justiz zu leiten. Überdies: Auch in europäischen Gefängnissen mangelt es an Menschenwürde. Zwar kennen die meisten Länder auf unserem Kontinent ein differenziertes Bestrafungssystem. Doch auch hierzulande bedarf es einer dringenden Weiterentwicklung des Justizvollzugs – denn die Praxis zeigt uns, wonach Haftanstalten überall in der Welt in ihrer jetzigen Form Brutstätte neuen Unrechts sind.

Dennis Riehle - 07:35:12 @ Gesellschaft