Dennis Riehle

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Mein Motto: Ich denke quer, bin deshalb aber noch lange kein Querdenker!


Liebe Besucher,


an dieser Stelle haben Sie die Möglichkeit, in meinem Blog von mir verfasste Texte zu lesen. Darunter finden sich Pressemitteilungen, Leserbriefe und Standpunkte zu Themen der Zeit, kritische Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Entwicklungen sowie soziale und politische Meinungsbeiträge, die nicht den Anspruch erheben, in jedem Fall dem "Mainstream" zu entsprechen. Deshalb ist es nicht ausgeschlossen, dass Sie manche Beiträge nachdenklich machen oder gar Ihre eigene Gegendarstellung provozieren. Gerne können Sie mir deshalb auch Ihr Feedback unter Mail: Riehle@Riehle-Dennis.de zukommen lassen. Ich freue mich auf den Austausch mit Ihnen!


Ihr Dennis Riehle


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Dennis Riehle

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21.01.2022

Schlimmer geht immer – besonders in der katholischen Kirche!

Leserbrief
zu: „Katholische Kirche am Tiefpunkt“, „Die Rheinpfalz“ vom 21.01.2022

Es scheint für viele Medien und Gläubige noch immer eine Überraschung zu sein: Die Nachrichten über sexuellen Missbrauch in der Kirche beschäftigen uns mittlerweile seit Jahren. Und trotzdem vermögen es viele Kleriker, noch Schäfchen, aber auch die Presse nicht zu begreifen: Wegschauen, Decken, Leugnen und Beschönigen gehört für christliche Würdenträger zum Alltag. 

Die gespielte Empörung und das Entsetzen nach den wiederkehrenden Veröffentlichungen von Gutachten und Erkenntnissen in der Aufarbeitung der Misshandlung von Schutzbefohlenen innerhalb der Kirche sind natürlich längst nicht mehr glaubwürdig, sondern Ausdruck einer wirklich hohen kriminellen Energie, die dazu taugt, Relativierungen voranzutreiben, welche die eklatanten Missstände in den Strukturen der Kurie und der katholischen Dogmatik kaschieren. 

Letztendlich ist es fadenscheinig, naiv und berechnend zugleich, immer wieder von Einzelfällen zu sprechen und sich zu rechtfertigen, dass man als Führungsperson nicht die Aufsicht über alle Geschehnisse haben konnte, die sich in den Kirchen vor Ort manifestiert hatten: Es sind unzählige Fälle von Erniedrigung, Nötigung und Verführung junger Menschen, die gegenüber Priestern in einem gefühlten Abhängigkeitsverhältnis standen und sich deshalb nicht zu wehren wussten. 

Insofern ist das Verhalten der Pfarrer besonders verwerflich, denn sie haben nicht nur Gewalt gegenüber ihnen Anvertrauten ausgeübt, sondern im Wissen um ihre Stellung ihre Obrigkeit ausgenutzt und zu einer Übermächtigkeit pervertiert, die von tiefster Unmenschlichkeit zeugt. Ihre Taten sind vollends verabscheuungswürdig, aber gleichsam nicht ohne Motiv und Ursprung, immerhin ist die unantastbare Hierarchie in der Kirche der Schutzraum für pädophile Neigung durch die verpflichtende, biblisch wie theologisch nicht erklärbare Enthaltsamkeit und den Größenwahn des Katholizismus als religiöse Weltanschauung, die exegetisch Platz für das Recht der Unterdrückung einräumt. 

Die unerschütterliche Loyalität im gesamten Apparat der Kirche verhindert jegliche Aufklärung. Gleichsam trägt die von Obsession geprägte Atmosphäre auch wesentlich dazu bei, dass Pfarrer mit psychischen Auffälligkeiten und eigenen Erfahrungen der sexuellen Ausbeutung in der Kindheit und einer hieraus nicht seltenen entstandenen Reifungskrise in der persönlichen Biografie keinesfalls in die Lage versetzt werden, sich diesem Trauma zu stellen, sondern gar angestachelt werden, sie zu unterdrücken. 

Die mittelalterliche Rückwärtsgewandtheit in der katholischen Werteorientierung fördert die Ohnmacht derjenigen, die sich im Teufelskreis der geschlechtlichen Desorientierung  befinden. Um zu einer wahrhaftig fruchtbaren Erneuerung zu gelangen, bedürfte es einer Reformation und eines Umbruchs der gesamten Glaubenslehre, die es aber nicht geben wird. Denn das Bewahrende war schon seit jeher ein Wesensmerkmal der Kirche – und sei sie von noch so schweren Krisen und Erschütterungen heimgesucht. 

Sie nimmt den Verlust von Ansehen und die immer schneller wachsenden Zahlen bei den Austritten um jeden Preis hin, damit eine Katharsis vermieden werden kann und gewachsene wie zementierte Gepflogenheiten bleiben dürfen. Die Kirche ist Rückzugsort für verirrte Seelen – ein Großteil von ihren stammt aus den eigenen Reihen.

Dennis Riehle - 06:01:14 @ Glaube

06.01.2022

Klerikale Anmaßung

Leserbrief
zu: Papst Franziskus kritisiert Paare, die keine Kinder bekommen wollen; WELT vom 06.01.2022

Die Zeiten, in denen sich die Kirche in das Privatleben von Menschen einzumischen vermochte, sind unzweifelhaft vorbei. Auch wenn es Papst Franziskus nicht wahrzunehmen vermag, ist auch der Katholizismus schon lange keine moralische Instanz mehr, der die Weltbevölkerung folgt – selbst unter den eigenen Anhängern dürfte die Zahl derjenigen stetig zurückgehen, die Rom noch als Autorität oder Maßstab für die eigene Alltagsführung anerkennt. 

Denn nicht nur der Umstand, dass die Dogmatik der Religionen für immer weniger Menschen überzeugend wirkt und als Orientierung in ethischen Belangen herhalten kann, macht sehr deutlich: Es obliegt sicherlich gerade nicht dem Pontifex, in Sachen Familienplanung weise Ratschläge zu geben. Ob sich ein Paar für Kinder entscheidet, ist ihre ureigenste Entscheidung, bei der sicherlich besonders der Zeigefinger aus dem Vatikan völlig obsolet erscheint. 

In welcher Form zwei Personen heute Verantwortung füreinander und gegenüber der Gesellschaft einnehmen, ist ihre Sache – rechthaberische Versuche, mit dem Bischofstab Eindruck zu schinden und das unterschwellige Gefühl zur Verpflichtung zu erzeugen, vor Gott und der Welt mit Nachwuchs für den Fortbestand der Erdenbevölkerung beizutragen und neues Leben zu schaffen, sind nicht nur vollends unangebracht und unnötig. Sie gehen auch an biblischer Lehrmeinung komplett vorbei. 

Schlussendlich hat der vermeintliche Vater im Himmel nämlich bereits in den ersten Büchern Mose deutlich zum Ausdruck gebracht, dass er uns Geschöpfen umfassende Freiheit gewährt (z.B. Genesis 3,4-5). Dazu gehört nach meinem Verständnis auch ausdrücklich die Fähigkeit zur vernunftorientierten, differenzierten und vor allem höchstpersönlichen Abwägung über die Frage, inwieweit es die eigene Situation, der Wunsch und das Seelenbefinden zulassen, sich bewusst und in Überzeugung für Nachkommen auszusprechen. 

Pauschalurteile von christlichen Hirten sind in der Moderne übergriffig und aus der Zeit gefallen. Mit dem Ansinnen, Kompass sein zu wollen, vergrault Jorge Mario Bergoglio weitere Schäfchen. Nicht nur in deutschen Bistümern wird man es ihm danken!

Dennis Riehle - 05:09:30 @ Glaube

03.01.2022

Wo ist unser persönliches Bethlehem?

Leserbrief
zu: „Seelsorger:innen über die Jahreslosung 2022“, „evangelisch.de“ vom 02.01.2022

Es war zweifelsohne ein ambivalentes Weihnachten: Vielerorts hat die Floskel der „Stillen Nacht“ durch die Corona-Beschränkungen Wahrheitscharakter erhalten. Oftmals haben die unruhigen Proteste gegen die Politik das friedliche Fest lautstark durchbrochen. Und doch haben die meisten Menschen versucht, sich auch von der erneut ungewöhnlichen Situation nicht beirren zu lassen. Zweifelsohne wird auch 2022 nochmals Einiges von uns abverlangen. 

Wie gut, dass wir da noch die Worte von Friedrich Heinrich Ranke in den Ohren haben, der uns in seinem Kirchenlied „Herbei, o ihr Gläub’gen“ (EG 45/GL 143) aufruft, nach Bethlehem zu kommen. Das Reisen ist in Zeiten in einer Pandemie schwierig. Und wenn der Prophet den Berg nicht erreichen kann, muss es eben umgekehrt sein. Wo ist also unsere ganz persönliche Krippe, an der wir die Sorgen aus 2021, die Herausforderungen aus dem neuen Jahr ablegen können und darauf vertrauen dürfen, dass Gott sie in seinem Sohn annimmt? 

Wo steht der Stall in unserem Leben, den wir aufsuchen und in dem wir Nöte und Herausforderungen darzubringen vermögen? Welches ist der Ort, an dem wir uns besinnen und innehalten können? Schaffen wir uns ganz bewusst Wege, mit denen wir Kontakt zum Herrn aufnehmen können. Ob es das einkehrende Gebet ist, in dem wir unsere Gedanken übermitteln können. Ob es die Oasen-Momente der Auszeit sind, in denen wir wieder einmal zu uns finden und Abstand von aller Hektik, allem Trubel und dem Alltagsverdruss nehmen. Ob es die kleinen Dinge sind, die wir neu entdecken und die uns offenbar werden lassen, wie wertvoll unser Dasein ist. Ob es Freunde und Mitmenschen werden, welche wir in den nächsten Monaten wieder einmal hautnah aufsuchen, statt nur über Videochats mit ihnen zu kommunizieren.

Oder ob es ernstgemeinte Vorsätze sein mögen, vielleicht spiritueller oder seelsorgender Natur, mit denen wir uns etwas Gutes zu können – nicht das Ende vom Rauchen, viel mehr Sport oder weniger Arbeit, sondern Rituale und Methoden, die wir nicht nur zum Schein einhalten, um unser Gewissen zu erleichtern. Viel mehr braucht unsere Existenz nach diesen zerrütteten Wochen wieder Struktur und Halt, die wir nur mit bestätigenden und sinnstiftenden Formen der individuellen Erfüllung erreichen können. 

Fragen wir uns also, wohin uns der Stern lotst, wo unser ureigenes Bethlehem zu finden ist. Nehmen wir die Gelegenheit wahr, diesen Geburtsort als Sinnbild für einen Neustart unseres persönlichen Lebens zu begreifen. Nichts eignet sich besser als der Beginn eines Jahres, um sich glaub-würdige Gedanken darüber zu machen, welche Veränderungen tatsächlich notwendig und zielführend sind. Machen wir uns ehrlich mithilfe des Kindes dort in der Krippe, betrachten wir unser Hiersein mit seiner Unbeflecktheit, lassen wir los – und schaffen wir frische Perspektiven.

Dennis Riehle - 14:41:37 @ Glaube

28.12.2021

Warnt nicht, zaudert nicht – denn es gibt Grund zur Freude

Gedanken zum Weihnachtsfest 2021

Schon das zweite Jahr in Folge befinden wir uns in einer besonderen Situation. Noch immer sind wir der Corona-Pandemie ausgeliefert – und müssen auch diesmal das Christfest unter Einschränkungen feiern. Wenn wir auf die vergangenen Monate zurückblicken, dann keimten die ersten Perspektiven auf. Durch Impfungen und das bessere Wetter schien sich die Lage zu entschleunigen. Und doch kommen wir nicht zur Ruhe. Seit Wochen gehen die Kurven wieder nach oben, die Zahl der Betroffenen steigt. Wir müssen weiterhin wachsam sein und dürfen nicht nachlassen in unseren Bemühungen, „Covid-19“ entsprechend Einhalt zu gebieten.

Gleichsam war es im zu Ende gehenden 2021 auch die Zeit der Warnenden. Ob nun vor der nächsten Welle des Virus, den Folgen des Klimawandels oder einer möglichen politischen Instabilität und des wirtschaftlichen Abschwungs – selten habe ich so oft von Mahnungen zur beständigen Vorsicht gelesen, die uns über die Medien und im Alltag erreicht haben. Wie gut ist es da, dass wir nun endlich wieder einmal diese Worte hören: „Fürchtet euch nicht!“ (Lukas 2,10 – Lutherbibel 1912). Diese himmlischen Chöre und ihre Verheißung tun not in solchen Tagen! Immerhin sind wird gebeutelt und gezeichnet von Entbehrung und Bekümmerung.

Nein, es geht überhaupt nicht darum, leichtsinnig oder naiv in das neue Jahr zu gehen. Stattdessen ermutigen und erinnern uns die Worte des Engels an ein gewisses Urvertrauen des Menschen, welches wir durch immer häufigere Reflexe und Panik zu vergessen drohen. Ganz unabhängig davon, ob wir an einen Gott glauben: Wir benötigen einen grundlegenden Halt und ein Fundament, das erdet und in schwierigen Augenblicken nicht verzweifeln lässt. Orientierung gab vor über 2000 Jahren der „Stern von Bethlehem“. Und heute? Ist es die Inzidenz oder das 1,5-Grad-Ziel, das uns leitet und im politischen wie privaten Handeln lenkt?

Ähnlich, wie uns der Evangelist von der Engelskunde berichtet, so hat auch der Liederdichter Fritz Baltruweit 1981 an jeden von uns den Ausruf gerichtet: „Fürchte dich nicht“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 643.1, Ausgabe Baden, Karlsruhe: Evangelischer Presseverband für Baden e.V., 1. Auflage, 1995) – und er stellt unverhohlen fest: „Gefangen in deiner Angst. Mit ihr lebst du“. Das klingt zunächst wenig erbaulich, aber trotzdem ist es wahr: Mit unseren Sorgen und Nöten müssen wir einfach zurechtkommen. Es ist die Bestimmung unserer vernunftgeleiteten Spezies, das Dasein auch in Momenten der Furcht zu durchstehen.

Jeder von uns trägt sein eigenes Kreuz mit sich. Und oftmals habe ich in diesem Jahr in meiner ehrenamtlichen Arbeit in der Selbsthilfe und bei sozialen Vereinen gehört, wie Einsamkeit und Isolation zu einer wahren Seuche geworden sind. Sie belasten uns psychisch – und es ist dringend vonnöten, dass wir im Frühjahr endlich wieder zu neuer Gesellschaftlichkeit und menschlicher Nähe zurückkehren. Denn sie sind es, die uns letztlich Kraft und Energie spenden – und uns vor emotionaler Verarmung bewahren. Nicht selten haben mir Menschen im Gespräch gesagt, wie sehr ihnen die zweifellos nötigen Beschränkungen eine Pein sind.

Am Himmel über dem Heiligen Land verkündigte damals die Engelsstimme „große Freude“, Lukas erzählt an oben genannter Stelle davon. Maria und Josef hatten einen ebenso beschwerlichen Weg zurückzulegen und waren ausgemergelt von der langen Reise und der frustranen Suche nach einer Herberge. Für sie war es nur wichtig, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen – und es anschließend in Windeln gewickelt in die Krippe zu legen. Gleichsam tat sich Unsicherheit bei ihnen auf, denn die Nachricht, dass die Mutter den Heiland geboren habe, machte nicht nur die sie selbst nahezu sprachlos – fast die ganze Welt stand vor dem Umbruch.

Eine „Stille Nacht“ lag über dem Stall, letztendlich war die drängende Frage, wie es weitergeht – 2021 ist es nicht anders. So viele Variablen, so zahlreiche Modelle, wie unser Kontinent in die nächsten Jahrzehnte kommt. Doch was bringt uns Ruhe in unsere aufgewühlten Seelen? Baltruweit lässt uns nicht mit der Angst zurück. Er formuliert in der zweiten Strophe seines bereits erwähnten Liedes: „Getragen von seinem Wort, von ihm lebst du“. Es ist also beispielsweise dieses Wort des Engels. Aber nicht nur seines. Viel eher ist es auch der alltägliche Zuruf unserer Mitmenschen, von dem wir zehren und profitieren können.

Jeder von uns hat in diesem Jahr vermutlich größere Hürden nehmen und sich an verschiedenen Stellen kasteien müssen. Andere wiederum mussten wahrhaftig Leid ertragen. Ob bei der Unwetterkatstrophe, am Intensivbett des infizierten Angehörigen oder durch eigene Verwundung, Schicksale und Verlust. Auch nach meinem heftigen Krankheitsschub im Sommer habe ich mich danach gesehnt, eine frohe Botschaft zu hören, die von Frieden und Gnade handelt. Weihnachten bietet die Gelegenheit, nach vorne zu schauen, einen Neubeginn zu wagen und noch einmal durchzustarten. Mitten im Winter beginnt neues Grün zu sprießen.

Nachdem wir in Besinnung auf die metaphorisch und symbolträchtig anmutende Geschichte der Jesu-Geburt gelauscht haben, dürfen wir uns der eigenen und persönlichen Quellen rückversichern und uns bewusstwerden, dass sie in der Lage sind, uns durch tiefe Täler zu begleiten und uns in Richtung Vitalität, Aufbruch und Geborgenheit zu tragen. Schöpfen wir Mut und Zuversicht, dass nicht die Furcht oder die Warnungen siegen werden. Stattdessen ist es die Hoffnung auf Freudseligkeit und die Versöhnung mit unseren eigenen und den Schmerzen der Anderen, die befreiend wirkt. Loslösung vom Vergangen lässt uns wachsen.

Mit unserer Angst müssen wir uns zwar abfinden, aber sie bleibt nicht singulär in unserem Alltag und Leben stehen. Baltruweit sprach vom „Wort“. Es steht sinnbildlich für alles, was uns durch unsere Mitgeschöpfe an Gutem zuteilwird. Wie dankbar war ich über jedes Mitfühlen, Ablenken und Rückendecken. Wir sind als Menschen zum Kommunizieren und Interagieren befähigt und können auf verschiedenen Wegen miteinander in Verbindung treten. Ob in Form von Sprache oder sensiblen Gesten, durch Zuwendung oder gar Liebe. Das ist das Geschenk, welches uns zugutekommt – und dessen wir uns nicht nur zum Christfest klar werden sollten.

Als soziale Geschöpfe können wir Krisen durchwinden, weil wir einander haben und Solidarität zeigen können. Wie deutlich wurde das doch in den Hochwassergebieten in diesem Jahr! Schlussendlich wird nicht der Fall zu Boden das Letzte sein, sondern das Aufstehen nach oben. Weil wir uns als Sozietät haben, muss uns nicht mulmig sein. Den Schrecken der Dunkelheit überwinden wir mit der Macht der Engelszungen. Freude soll mit uns sein, weil jeder Tag uns die Chance zum Neuen schenkt. Lassen wir uns beeindrucken von den Worten und Werken, welche uns von unseren Nächsten beschert werden – nicht nur unter dem Weihnachtsbaum…

Dennis Riehle

Dennis Riehle - 05:06:57 @ Glaube

21.12.2021

Stell’ dir vor, es weihnachtet sehr - und keinen interessiert’s…

Leserbrief
zu: „Wie Weihnachten in die Welt kam und warum Luther das Christkind erfand“, „Stimme“ vom 20.12.2021

Es wird Weihnachten - und keiner feiert?! Ja, diese Wochen sind schwer. Ob es nun die direkten und mittelbaren Folgen von Corona oder ganz persönliche Schicksale dieses Jahres sind: Wir sind eingeladen, all unsere Sorgen und Nöte an die Krippe zu tragen und sie bei Jesus abzulegen. Das Kind in seiner Geburt symbolisiert nicht nur den Neuanfang in aller Krise. 

Es macht uns im Wissen und in der zwingenden Parabel zwischen Christfest und Ostern gleichermaßen bewusst, wonach es für eine Katharsis des Leidens bedarf, um anschließend in Hoffnung und Zuversicht wieder erwachsen zu können. Inwieweit eine Pandemie oder jedes andere Gebrechen nötig sind, gestärkt in die Zukunft gehen zu können, vermag niemand so recht zu beantworten. 

Dennoch können wir beim Blick nach Bethlehem feststellen, dass es manchmal lediglich die anfänglich unscheinbar wirkenden Selbstverständlichkeiten braucht, um Ermutigung zu erfahren. 

Es sind die kleinen Zeichen der Menschlichkeit, die wir in einer Dekade mancher Überheblichkeit und Egozentrik übersehen, obwohl sie unserem sozialen Miteinander überhaupt erst diese Wärme geben, die auch Maria und Josef ihrem geborenen Baby im Stall inmitten von Tieren und Stroh schenkten.
 
Lassen also auch wir uns anstecken von der Wundersamkeit der Heiligen Nacht, die über den Karfreitag hinausstrahlt und uns erfahren lässt, dass mit Elend und Pein vielleicht doch nicht das letzte Wort gesprochen ist.

Dennis Riehle - 06:18:46 @ Glaube

16.12.2021

Segen für das Klima…

Leserbrief
zum Auftakt der protestantischen Hilfsaktion „Brot für die Welt“

Die deutschen Protestanten haben im Eröffnungsgottesdienst zu “Brot für die Welt” der politischen Klimaerweckung eine Bühne geboten: In der Detmolder Christuskirche feierte die Gemeinde zum Auftakt der bundesweiten Hilfsaktion unter liturgischer Mitwirkung der örtlichen “Fridays for Future”-Gruppe. Diese nutzte die Gelegenheit, um die Evangelische Kirche in ihrem Sinne zu kapern - und offenbar empörte sich keiner der Gläubigen. 

Im Gegenteil: Einstimmig wurden Pauschalisierungen hingenommen, die die Vertreterin der Protestbewegung aufbrachte. Ohne die dargestellten Kausalzusammenhänge kritisch zu hinterfragen, lauschten die Anwesenden dem erhobenen Zeigefinger. Während man nach außen nahezu scheinheilig und kräftig in die ersten Adventslieder einstimmte, dürfte manch ein Aktivist im Chorraum insgeheim wohl eher die Götzin Thunberg gepriesen haben. Fotos aus den Flutgebieten sorgten für Scham und Schuld, die menschgemachte Erderwärmung sei alleiniger Auslöser der extremen Wetterereignisse dieser Tage. Ein Schelm, wer dabei auf den Gedanken kommt, dass sich mit Panikmache am meisten Spendengeld akquirieren lässt.

Zweifelsohne: Die Wahrung der Schöpfung muss die Religionen etwas angehen. Und ja, sie sollen sich ausdrücklich gesellschaftsthematisch äußern und positionieren. Wenn sich aber Glaubensgemeinschaften vor den Karren einer aufbegehrenden Generation spannen und sich zum Multiplikator von Neubauers und Reemtsmas Parolen missbrauchen lassen, irritiert mich das. Kanzeln sollen dazu dienen, den Schäfchen die biblische Botschaft nahezubringen. Dazu gehört auch, sie zu einem ressourcenschonenden und nachhaltigen Verhalten zu ermutigen. 

Denn das dürfte im Sinne Gottes sein, der uns diese Erde unter der Maßgabe verantwortungsvollen Handelns überlassen hat. Predigten sind aber nicht dafür da, zu Aktionismus aufzurufen und Beklemmungsgefühle zu säen. Nicht das erste Mal lässt sich die Institution Kirche instrumentalisieren. Es gehört nicht zu ihren Aufgaben, lobbyistische Thesen ungeprüft und generalisiert zu verbreiten. Wir wissen bis heute nicht abschließend, welche anthropogenen Effekte auf das Klima Einfluss haben. Deshalb täten auch Christen gut daran, nicht blind auf scheinbar zeitgeistige Angstmacherei hereinzufallen und ihren Lebensstil statt aus dem Selbstzweck des Popularismus und wissenschaftlicher Modellrechnungen viel eher in Überzeugung und Glaube an einen respektvollen Umgang mit dem Geschenk des irdischen Daseins anzupassen. 

Wir sollten dabei auf die gottgegebene Vernunft vertrauen, weniger auf manch jugendliche Emotionalität und Naivität. Kirchen sind Orte des stillen Gebets und der überlegten Verkündigung, nicht der schrillen Töne und des lauten Geschreis. Wer politische Reden hören möchte, kann sich von unzähligen Talkshows aufreiben lassen. Wenigstens Gotteshäuser müssen Hallen der inneren Einkehr bleiben - wenn sie nicht bereits zu bloßen Sprachrohren des Mainstreams verdorrt sind.

Dennis Riehle - 09:28:23 @ Glaube

Ist Glaube ohne Kirche möglich?

Leserbrief
zu: „Gott ist immer für uns Menschen da!“, „Domradio“ vom 08.11.2021

Ich gehöre seit vielen Jahren nicht mehr der Kirche an, glaube aber weiterhin an Gott. Auch wenn ich eine Phase der Zuneigung gegenüber dem evolutionären Atheismus verspürt hatte, bin ich mittlerweile wieder zu christlichen Überzeugungen zurückgekehrt und behaupte, dass die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft zwar einen Rahmen für die Ausübung der eigenen Weltanschauung bietet. 

Und natürlich wissen wir um den Mehrwert der Gemeinschaft. Gemeinsames Singen, gemeinsames Beten und gemeinsames Feiern haben insbesondere in sozialer Hinsicht eine nachgewiesene Bedeutung. Das bedeutet aber keinesfalls, dass Glaube Kirche bedingt – oder umgekehrt. Zwar hat auch Jesus die Gemeinschaftlichkeit immer wieder betont. Und die Pfingstgeschichte macht deutlich, dass eine Bewegung im Sinne einer Kirche auch biblisch begründet ist. 

Dennoch gibt es aus meinem Verständnis keinen unmittelbaren oder gar zwingenden Zusammenhang zu unserem Gottesglauben. Denn wer sich – wie auch ich – Rituale des alltäglichen Lebens schafft, der kann ein religiöses Leben ohne die Zugehörigkeit zu einem Zusammenschluss führen. Denn die Nachfolge im Sinne Christi beruht vor allem auf der Ermutigung, das eigene Dasein in den christlichen Dienst zu stellen.  Dies kann in einem Verbund geschehen – letztlich bleibt der Glaube aber nicht nur Privatsache, sondern eine höchstpersönliche Entscheidung des Einzelnen, die er durch Erkenntnis und Fügung erlangt. Kirchen können die Überbringer der frohen Botschaft sein. Leider beschäftigen sie sich heute allzu sehr mit sich und den zeitgeistigen Fragen. 

Ihr seelsorgerlicher und verkündigender Auftrag ist in den Hintergrund getreten, weshalb wir im Sinne der lutherischen Anregung am „Priestertum aller Gläubigen“ festhalten sollten – und selbst die besten Prediger sind. Deshalb verkommt der Stellenwert der Kirche im Alltag der Menschen nicht ohne Grund zu einer Nebensache: Sie finden dort keine Antworten mehr, weil von den Kanzeln Politikerreden geschwungen werden, die wir gleichsam am TV-Bildschirm haben können. Deshalb verstehe ich es gut, wenn sich gläubige Christen der Kirche entsagen und stattdessen eine fromme Existenz abseits der Gemeinschaft wählen. 

Die Taufe ist universell gültig, sie ist nicht zeitlich oder an die Mitgliedschaft in einer Konfession gebunden. Unser Bekenntnis zu Gott formt sich aus der Zuwendung zu ihm, keinesfalls ist sie abhängig davon, ob ich in einer religiösen Gruppierung verwurzelt bin. Im Gegenteil: Oftmals sind wir heute durch die Kirchenmitgliedschaft von klein an sozialisiert worden und bekommen erst recht spät die Chance eingeräumt, souverän über die weitere Zugehörigkeit zu befinden. Daher ist das Freisein von der Institution ein gangbarer Weg der Emanzipation eines Jeden, der sich für seinen Gottesglauben ohne Kirche niemandem rechtfertigen muss. Viel eher geben uns die Worte der Schrift Anleitung genug, wie wir unsere irdische Existenz allein unter Segen und Zustimmung des Herrn behaupten können. Religiöse Praxis in Gemeinschaft kann Überzeugungen bestärken; sie ist für unseren Glauben aber nur ein Zubrot.

Dennis Riehle - 09:24:13 @ Glaube

Christlicher Tacheles

Leserbrief
zur Rückschau auf den Reformationstag 2021

Nach Jahrhunderten seit des Thesenanschlags von Martin Luther ist die Reformation aktueller denn je. Denn nicht nur die katholische Kirche hat momentan zu kämpfen. Teilweise muss der Protestantismus in Deutschland stellenweise sogar deutlich stärker an Mitgliedern federn lassen, als es bei den vom sexuellen Missbrauch und der Frage nach dem „Synodalen Weg“ gebeutelten Mitchristen der Fall ist. Die evangelische Seite muss sich in diesen Zeiten vor allem fragen, warum sie vom religiösen Verkündiger zum politischen Forderer geworden ist. 

Immer öfter greift sie in die Tagespolitik ein – und versteht sich damit als ein wesentlicher „Player“ in Themen wie Migration, Pluralismus und Armut. Zweifelsohne: Es war bereits das Ansinnen der Reformatoren, die Kirche auch zu einem Sprachrohr für gesellschaftliche Missstände zu machen. Und ich begrüße es zweifelsohne, dass sie sich in ihren Predigten zu den himmelschreienden Schieflagen auch in unserem Land äußert. Wer aber Politikerreden hören möchte, sollte in den Bundestag gehen. Von einer Kirche erwarte ich etwas anderes als latente Wahlwerbung. 

Die Rückbesinnung auf ihren wesentlichen Auftrag hat sie seit Jahren versäumt, obwohl viele ausgetretene Schäfchen den Finger genau in diese Wunde legen: Wer am Sonntag den Gottesdienst aufsucht, möchte auf Grundlage des Evangeliums eine Botschaft hören, die konkrete Anleitung für den Lebensalltag des Einzelnen gibt. Die EKD mit ihren Gliedkirchen fährt stattdessen seit geraumer Zeit den Kurs, auf einer Metaebene mitsprechen zu wollen – und vergisst dabei, dass es ihre eigentliche Aufgabe wäre, die Gläubigen in ihrer Existenz abzuholen. 

Gerade in Augenblicken der Krise und der persönlichen Schicksalsschläge muss der seelsorgerliche Dienst wieder sehr viel mehr Raum einnehmen. Kirche braucht neue Empathie für die Leiden der Menschen, statt abstrakt Sachpolitik zu kommentieren. Den Theologen sollte es Ansporn sein, von den Kanzeln für die Nachfolge Jesu zu begeistern – und anhand seines Werkes aufzuzeigen, wie das Leben auch in den schwierigen Momenten gelingen kann. Das biblische Wort gibt praktische Anweisungen für das Dasein in der Not, die uns Laien übersetzt und nahegebracht werden sollten. Christlicher Tacheles statt zeitgeistiges Gerede – das wünsche ich mir für die Kirche des 21. Jahrhunderts, die sich nicht nur am 31. Oktober der Klarheit von Wittenberg bewusst werden darf.

Dennis Riehle - 09:19:05 @ Glaube

Religionspolitischer Grenzgänger

Leserbrief
zu: „Kretschmann: Kirchensteuer bleibt erhalten“, „Eifelzeitung“ vom 26.10.2021

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat in jüngster Vergangenheit immer wieder mit Äußerungen auf sich aufmerksam gemacht, die für deutschlandweite Schlagzeilen gesorgt hatten. Unlängst hatte er sich in der Corona-Krise als ein strenger Hüter massiver Freiheitseinschränkungen hervorgetan und für die nächste Pandemie gefordert, dass man künftig von Beginn an noch stärker in das Alltagsleben der Menschen eingegriffen werden müsse. 

Er hatte dabei auch Notstandsgesetze ins Spiel gebracht, was für deutliche Kritik sorgte. Selbst das Bundesbildungsministerium stellte der Landesvater kurzzeitig in Frage – und nicht zuletzt in Sachen der anonymen Möglichkeit zur Anzeige von möglichen Steuersündern durch die Bürger, die sein Finanzminister lanciert hatte, gab er ein recht teilnahmsloses Bild ab. Nun meldet sich Kretschmann wieder zu Wort und stellt unverhohlen fest, dass die nächste Koalition – sofern es denn eine „Ampel“ sei – die Kirchensteuer nicht abschaffen würde. Ob sich der baden-württembergische Grüne in dieser Angelegenheit mit seinen Parteivorsitzenden abgesprochen hat, bleibt zunächst unklar. 

Viel grotesker wirkt bei seiner Aussage auch die Begründung: Laizisten müssten laut Kretschmann ja gar keine Kirchensteuer zahlen, weshalb sie sich dann überhaupt aufregten – fragte er. Als konfessionsfreier Christ möchte ich meinem Ministerpräsidenten entgegenhalten: Es sind auch meine Steuergelder, die dafür eingesetzt werden, dass in unseren Finanzämtern Angestellte des Landes Mehrarbeit leisten, um Abgaben für die Religionsgemeinschaften einzuziehen. Jeder von uns finanziert diesen „Service“ für sie mit – egal, ob man deren Mitglied ist. Kaum ein Amtsträger hat in der jüngeren Vergangenheit eine derartige Verwobenheit zwischen der persönlichen Zuneigung zur Kirche und seinen politischen Forderungen gezeigt. Der Glaube ist die Privatsache eines Jeden. 

Sobald daraus aber die Absicht erwächst, eine im säkularen Gemeinwesen ohnehin schwierige Verknüpfung von weltanschaulichen Institutionen und der öffentlichen Hand krampfhaft zu verteidigen und zu befördern, wird daraus zurecht ein umstrittenes Politikum. Kretschmann vermischt nach meinem Empfinden seine christliche Verwurzelung mit der ihm als Mitglied eines Verfassungsorgans auferlegten Neutralität. Dieses Verhalten scheint mir deshalb durchaus bedenklich, weil er in seiner Funktion nicht zum ersten Mal eine offenherzige und einseitige Solidarität mit den christlichen Konfessionen erklärt. Religionsfreiheit steht auch ihm zu, sie wird in seinem Falle aber durch das Staatsfundamentalprinzip der religiösen Unabhängigkeit beschnitten. Amtsmüdigkeit wird allerdings nicht der Grund dafür sein, dass der Ministerpräsident in Sachen Christusverliebtheit die ihm gebotene Zurückhaltung manches Mal außer Acht lässt. Denn in dieser Hinsicht wandelte er stets über Grenzen.

Dennis Riehle - 09:11:33 @ Glaube

Wir müssen nicht alles wissen, um gut zu leben…

Hörergedanken
zu: „Neue Erkenntnisse aus der Hirnforschung: Sitzt Gott im Gehirn?“, „Deutschlandfunk Kultur“ vom 24.10.2021

Schon allein die Begrifflichkeit stellt einen Widerspruch in sich dar: Wenn Forscher auf die Suche nach dem „Gottesbeweis“ gehen, muss ihre Mission unzweifelhaft scheitern. Denn bereits die Definition des Gottes lässt es nicht zu, ihn nachzuweisen. Zwar schaffen wir es heute, manch ein Naturgesetz zu beschreiben. Woher es kommt, wie es entstanden ist und wie es funktioniert – all das stellt uns aber vor große Rätsel. Die Faszination über die Entstehung des Universums lässt uns nicht los, weil wir als Menschen mit unserer Unvollkommenheit nicht umgehen können. Es ist uns nicht begreiflich zu machen, dass es etwas gibt, was wir mit unserem begrenzten Verstand nicht verstehen können. Ungewissheit bedeutet auch Unsicherheit.

Das Geheimnis eines Gottes ist es, dieses Defizit durch den Glauben des Menschen auszugleichen. Wir werden mit größtmöglicher Wahrscheinlich nie zu dem Punkt gelangen, an dem unsere Überzeugungen in Wissen übergehen. Immerhin scheint die Transzendenz nicht messbar zu sein. Alle Parameter, die wir kennen, haben bislang nicht ausgereicht, einen abschließenden Befund über die Existenz eines Gottes erheben zu können. Und das ist auch richtig so! Denn er würde jegliches Geheimnis, jegliche Größe und jegliche Autorität verlieren, würde er sich durch ein Gen, ein Molekül oder ein sonstiges Teilchen belegen lassen.

Viele Religionen gehen davon aus, dass Gott nicht nur außerhalb unseres Bewusstseins existiert, sondern auch erlebbar und spürbar, vielleicht sogar fassbar ist. Denn nicht nur die fernöstlichen Religionen sehen ihre Götter in Form von Tieren, Naturereignissen und Ritualen als innerhalb ihrer Erfahrung wahrnehmbar an. Und auch das Christentum begnügt sich nicht mit einem transzendenten Gott: Die Lehre der Trinität zeigt auf, dass es in ihrer Glaubenslehre nicht nur den schöpferischen Gottvater gibt, von dem wir uns kein Bild machen sollen – und der damit unerreichbar ist. Viel eher wird Gott sowohl im Heiligen Geist, vor allem aber in seinem „eingeborenen Sohn“ Jesus immanent. Durch ihn wird der mythische Herrscher schlussendlich personifiziert und damit den Menschen auf der Welt nahbar gemacht. Doch können wir daraus ableiten, dass Christus = Gott ist? Sind Donner und Blitz ein göttliches Zeichen oder gar Gott selbst? Oder finden wir ihn beispielsweise im Bild der Schlange, des Affen oder der Ziege wieder? Bedeutet Immanenz eine Gleichsetzung, eine Deckungsgleichheit?

Gerade der Pantheismus meint beispielsweise, dass Gott in allem steckt. Ob in einem Stein, in einem Auto oder in einem Menschen. Besonders strikte Auslegungen dieser religionsphilosophischen Lehre gehen davon aus, wonach Natur, Umwelt und Universum mit Gott identisch seien. Damit wäre es nicht schwierig, ihn zu erfahren. Wir müssten wohl nur einen Baum umarmen – und hätten dadurch unmittelbaren Kontakt zu Gott persönlich. Schlussendlich argumentieren Pantheisten damit, dass die gesamte Schöpfung dem Ursprung eines undefinierten Gottes entstammt ist – und er bis heute in Sämtlichem und Jedem zu finden ist. Sicherlich mag diese Überzeugung gerade unter der Fragestellung, woher wir kommen, wer uns gemacht hat, was uns am Leben erhält und welcher materiellen und immateriellen Herkunft wird sind, Vieles beantworten. Wenn man Gott aber mit dem Weltall gleichsetzt, macht man es sich weltanschaulich recht einfach. Denn tatsächlich könnte man dann von einem Beweis sprechen, immerhin ist in diesem Fall der Glaube doch selbsterklärend: Alles, was ist, ist Gott.

Vielleicht bin ich für diese Annahme doch zu sehr naturwissenschaftlich geprägt, als dass ich mir die Antwort auf die Gottesfrage derart leicht machen würde. Ich bin der festen Überzeugung: Alles Existierende ist von Gott beseelt, weil ich davon ausgehe, dass er es erschaffen hat. Dennoch ist Gott für mich von der Welt verschieden. Er offenbart seine geistige Anwesenheit symbolhaft in seinen Geschöpfen, ist letztlich aber „nur“ Konstrukteur des Seins. Insofern ist er der Erbauer des Hauses, aber nicht das Holz, aus dem es errichtet wurde. Er besitzt ein Copyright für sein Werk, muss dafür aber nicht ständig selbst präsent sein, um den Menschen daran zu erinnern. Würde Gott sich mit der Gesamtheit der Dinge identifizieren, würde ihm viel von seiner Wundersamkeit verlorengehen. Und auch die Dreieinigkeitslehre springt bei mir nicht an. Für mich gibt es keinen Gottessohn. Jesus ist eine herausragende Persönlichkeit von vielen, der man aufgrund ihres größtenteils vorbildhaften Verhaltens nachfolgen und das Leben nach ihr ausrichten kann. Sieht man mehr in ihm, steigt die Gefahr der menschlichen Überhöhung.

Die Heraushebung und Glorifizierung eines einzelnen Menschen, der Gott auf die Erde bringen soll, damit wir das Handeln und Denken seines Vaters besser nachvollziehbar können, ist mir fremd. Denn ich halte mich an die Aussage des Römerbriefs: „Gottes Wege sind unergründlich!“ – und damit gilt auch: Gott möchte nicht verstehbar sein, er will eben gerade nicht als Mensch verstanden werden. Immerhin ist er gemäß Philipper „höher als all unsere Vernunft“. Er zeigt sich nach meiner festen Annahme allegorisch und demonstriert sich immateriell. Schlussendlich findet er sich stellvertretend als Ausdruck vor allem in der Zwischenmenschlichkeit wieder. Dafür spricht auch eine eindeutige Aussage der Heiligen Schrift, die nicht nur von Theologen als universell gesehen wird – und damit über allen anderen Darlegungen der Bibel steht. Im 1. Johannesbrief wird beschrieben, was wir unter ihm verstehen sollen: „Gott ist die Liebe“. Doch auch damit können wir ihn nicht dokumentieren. Er bleibt mit seiner Agape eine Metapher und entfaltet sich, ohne sich zu vergegenständlichen. Ich bin froh darüber, dass wir ihn nicht greifen können. Denn es tut uns gut, wenn wenigstens ein metaphysisches und übersinnliches Phänomen unentschlüsselt bleibt. Das bewahrt uns vor transhumanistischer Hybris…

Dennis Riehle - 09:07:51 @ Glaube