Dennis Riehle

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an dieser Stelle haben Sie die Möglichkeit, in meinem Blog von mir verfasste Texte zu lesen. Darunter finden sich Pressemitteilungen, Leserbriefe und Standpunkte zu Themen der Zeit, kritische Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Entwicklungen sowie soziale und politische Meinungsbeiträge, die nicht den Anspruch erheben, in jedem Fall dem "Mainstream" zu entsprechen. Deshalb ist es nicht ausgeschlossen, dass Sie manche Beiträge nachdenklich machen oder gar Ihre eigene Gegendarstellung provozieren. Gerne können Sie mir deshalb auch Ihr Feedback unter Mail: Riehle@Riehle-Dennis.de zukommen lassen. Ich freue mich auf den Austausch mit Ihnen!


Ihr Dennis Riehle


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24.06.2022

Christsein im Wandel - Zwischen Sehnsucht und Enttäuschung über die Kirche…

Kommentar

Ich war schon früh von Kirche und Glaube fasziniert. Bereits beim Krippenspiel hatte ich stets eine feste Rolle, arbeitete mich vom Schaf zum Jesus hoch. Nach meiner Konfirmation übernahm ich Aufgaben in der Jugendarbeit, gestaltete Gottesdienste mit und war auch musikalisch fast jeden Sonntag aktiv. Zweifelsohne war meine Entscheidung, später einmal selbst Pfarrer werden zu wollen, schon während der Oberstufe gereift. Wenn da nicht während meiner Pubertät eine schwerwiegende psychische Erkrankung herangewachsen wäre.

Mit 17 Jahren war meine Zwangserkrankung voll ausgebrochen, psychiatrische und psychotherapeutische Hilfe wurden notwendig. Trotz der erheblichen Mehrbelastung stemmte ich mein Abitur mit gutem Ergebnis, wenngleich ich danach für einige Monate eine stationäre Unterstützung wahrnehmen musste. Nach meiner Rückkehr stand dann für mich eigentlich fest: Mit großer Leidenschaft und Hingabe wollte ich mein Theologie-Studium beginnen. Doch die Kirche fand das wohl keine passende Idee. Als ich mich über die Studienplätze informieren wollte und hierfür ein seelsorgerliches Gespräch mit einem klerikalen Amtsträger führte, spürte ich von Beginn an seine große Zurückhaltung und das Misstrauen mir gegenüber.

Die sehr direkte Aussage seinerseits schockierte mich dann aber schon: „Psychisch kranke Seelsorger braucht die Kirche nicht!“. Ja, solch eine Ansage hat gesessen – und in wenigen Sekunden einen ganzen Lebenstraum zerstört. Denn auch wenn es sich vielleicht nur um die Feststellung eines einzelnen Kirchenmitarbeiters handelte, vermochte sie möglicherweise doch eine strukturelle Überzeugung widerspiegeln und machte klar: Die Einrichtung, die in Nächstenliebe gerade den Kranken und Schwachen verbunden sein sollte, tat sich mit der Sensibilität und dem Feingespür in seelsorgerlich heiklen Situationen offenbar sehr schwer.

Zwar hätte ich Einlassungen als singuläre Meinung abtun und mich dennoch selbstbewusst dem Studium zuwenden können, doch in mir war mehr verletzt als lediglich eine stolze Eitelkeit. Immerhin hatte mich diese explizite und unmissverständliche Diskriminierung ins Herz getroffen. Kann und sollte ich Diener einer Kirche werden, die so offenbar und unverblümt meiner Persönlichkeit gegenüber Ablehnung und Herabwürdigung entgegenbrachte? Es brauchte mehrere Wochen, bis ich mich vom Schock erholte. Viele Gespräche brachten mich schlussendlich zur Konsequenz, die mir extrem schwerfiel – mir aber unausweichlich schien: Ich wendete mich einem neuen Studiengang zu und begann die Politikwissenschaften als eine Alternative, die ich weniger aus Überzeugung anging, sondern viel eher in der vermeintlichen Enttäuschung und Zurückweisung durch einen Mann der Kirche. Die menschlichen Abgründe dort hatten nicht nur meine Zustimmung zum Protestantismus, sondern auch zum Gottesglauben in Frage gestellt.

Denn in solchen Augenblicken fällt es schwer, zwischen dem Vater im Himmel und seinem weltlichen Bodenpersonal zu unterscheiden. Was mich hielt, war meine enge Bindung an meine Studierendengemeinde, in der ich stets willkommen gewesen bin und auch fortan meine Gaben einbringen durfte. Auch zu meiner Kirche vor Ort brach ich trotz der Erfahrungen den Kontakt nicht vollständig ab – bis zu dem Moment, als mir dort jegliche ehrenamtliche Aufgabe entzogen worden war. Nein, ins Gesicht sagte man mir nichts, sondern hatte mir kurzerhand eine hauptamtliche Kraft vorgesetzt, die mit sofortiger Wirkung meinen Platz einnahm. Hinter den Kulissen erfuhr ich, wonach man mir nach mehr als 800 Stunden freiwilligen Engagements für meine Gemeinde „Unzuverlässigkeit“ vorwarf, weil ich gesundheitlich nicht mehr in der Lage war, diese mehrmals wöchentlichen Nachmittage für die Kirche tätig zu sein. Dass dieser Vorwand aber nur die Spitze des Eisbergs gewesen sein musste, wurde mir durch einen vertraulichen Brief bewusst: Ein Gemeindeglied wandte sich anonym an mich und steckte mir zu: „Zusammenfassend waren einige Kirchengemeinderäte aufgrund Ihres Single-Lebens davon überzeugt, dass Sie homosexuell veranlagt sein müssen – deshalb wurden Sie von der Leitung aus der Übernahme weiterer Funktionen, vor allem in der Jugendarbeit, ausgeschlossen“.

Diese Darstellung passte gut in die Wahrnehmung meinerseits: Früher mir sehr verbundene Mitchristen wechselten neuerdings die Straßenseite, wenn sie mich kommen sahen. Hinter vorgehaltener Hand war mein Privatleben bis aufs Kleinste rekonstruiert worden. Sogar meine Gänge zum Psychotherapeuten wurden beobachtet. Und während ich vor einem riesigen Scherbenhaufen meiner kirchlichen Verbundenheit stand und das Geschehene überhaupt nicht begreifen konnte, wuchs die Verbitterung in mir beständig an. Kann ich solch einer Institution weiter angehören, die mir auf meinen mittlerweile auch körperlich stark reduzierten Zustand lediglich die Antwort gab: „Hätten Sie einmal mehr gebetet, wäre Ihnen all das nicht passiert!“ – oder war es an der Zeit für mich, einen Schlussstrich zu ziehen? Der Versuch, mich umgemeinden zu lassen, scheiterte an der merkwürdigerweise durch alle Pfarrhäuser der Umgebung gehenden Ablehnung meines Gesuchs zur Aufnahme. Und auf meine „Theodizée“-Frage wollte mir auch niemand Antwort geben.

Kirche würde sich nicht verändern und reformieren, wenn die Unzufriedenen von Bord gingen. Diesen weisen Spruch hörte ich aus meinem Freundeskreis sodann desöfteren. Allerdings: Wann ist die Grenze der Ertragbaren erreicht? Und wie stand es eigentlich um meinen Gottesglauben angesichts der Erkenntnis, dass wohl zumindest seine Kirche Menschen zu selektieren versuchte? Es dauerte Monate, bis ich eines Morgens mit der Gewissheit aufstand: Es geht nicht mehr! Ich möchte und kann ihr nicht länger angehören. Ich hatte gehadert und mit mir gerungen. Aber ich hatte nicht eben nur einen erheblichen Teil meiner geistlichen Überzeugung verloren, sondern vor allem den Halt in der Kirche. Trotz meiner Anstrengungen getreu des Mottos „Schwamm drüber!“ war es mir nicht gelungen, den entstandenen Graben zu kitten. Immer wieder machte ich mir selbst Vorwürfe: War vielleicht ich der Schuldige, der nun aus Missmut die Segel strich?

Im weiteren Verlauf wendete ich mich der humanistischen Szene zu. Meine ehemalige Kirche war mir mittlerweile egal, stattdessen stimmte ich in manch pauschale Verunglimpfung mit ein, die gerade von den evolutionären Humanisten gegenüber den Konfessionen verbreitet wurde – und ging zeitweise in meiner Wut über die Institution auf. Was sich allerdings im tiefen Innersten nicht verbergen ließ, das war meine grundständige Sehnsucht nach Gott, an dessen Existenz ich zwar immer öfter zweifelte, der mich aber nicht losließ. Im Nachhinein würde ich sagen: Gerade dieses kleine Flämmchen, das in meiner Seele loderte, macht seine fortdauernde Gegenwart offenbar. Es vergingen mehrere Jahre und ich merkte eine zunehmende Unzufriedenheit mit meiner Situation inmitten von Lästerern über Kirche und Glaube. Im Gegensatz zu ihnen war mir nämlich stets meine Verantwortung bewusst: Aus meiner persönlichen Erfahrung mit der Organisation und ihren Mitarbeitern wollte ich keinesfalls einem Anderen die Legitimation der Religion und Freiheit des Bekenntnisses zu Gott absprechen.

Es war ein Pfarrerwechsel und eine Einladung zum Trauergottesdienst für meine verstorbene Oma, der mich zum ersten Mal wieder in eine Kirche brachte. Und auch wenn sich aus dieser guten Begegnung am Ende doch keine dauerhafte Rückkehr entwickelte und man mir noch immer vorwarf, dass ich mit meiner liberalen Überzeugung von Gott und Schrift „Eulen nach Athen tragen würde“, habe ich mich versöhnt. Ich habe die Hand ausgestreckt, das war mir wichtig. Ich wünsche der Kirche nichts Schlechtes. Auch wenn für mich dort aktuell kein Platz scheint. Ich war, bin und bleibe Christ – evangelisch aus tiefer Verbundenheit und wegen meines Glaubens. Mittlerweile habe ich mich in Seelsorge und zum Prädikanten fortgebildet, meine Leidenschaft an Theologie und Philosophie ist zurückgekehrt und ich empfinde wieder eine unvoreingenommene Nähe zu Gott, mit dem ich in Dialog stehe und den ich nicht mehr für manches Fehlverhalten von Mitmenschen haftbar mache…

Dennis Riehle - 05:22:14 @ Glaube

16.06.2022

Wird Gott Putin seine Schandtaten vergeben?

Kommentar

Der russische Präsident hat am 24. Februar 2022 neue Tatsachen geschaffen: Durch einen anlasslosen Angriffskrieg überfiel er mit seiner Armee die Ukraine und brachte unendliches Leid und unmenschliche Not über das Nachbarland. Über die Beweggründe für das irrationale Handeln von Wladimir Putin kann man letztlich nur spekulieren. Wie so oft in der Geschichte, scheinen auch dieses Mal fadenscheinige Argumente bemüht worden zu sein: Mit einer zurechtgelegten Propaganda und dem Abdriften in eine Parallelwelt gelang es dem Machthaber im Kreml, auch eigene Bürger von seiner verschwurbelten Theorie zu überzeugen. Christen überall auf dem Globus fragen sich nun, wie solch eine Brutalität mit dem orthodoxen Bekenntnis Putins in Einklang zu bringen ist – und noch viel eher: Wird Gott diesem Despoten seine Taten verzeihen können? Schon bei manch anderen dunklen Gestalten der Vergangenheit ist diese Überlegung aufgekommen.

Beispielsweise wird bis heute im Rahmen der Holocaust-Theologie nicht nur die Debatte geführt, ob und warum sich Gott aus dem Massenmord an Millionen von Juden und Minderheiten herausgehalten hat und das Wüten der Nationalsozialisten scheinbar trotz seiner Allmacht geschehen ließ. Auch der mögliche Gedanke, wonach Jesus am Kreuz sogar für Verbrechen wie jene russischer Soldaten und Machthaber gestorben ist, mag für uns befremdlich klingen. Denn kann man diese Grausamkeit tatsächlich mit demselben Maß wie den Ehebruch oder das falsche Zeugnis wider unseres Nächsten messen? Oftmals herrscht noch immer die Theorie der bedingungslosen Sündenvergebung vor, die aber weder mit der kirchlichen Lehre, noch mit der biblischen Überlieferung in Einklang zu bringen ist. „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben“ (Mt 6,14 - LUT 1912) – ein eindeutiger Konditionalsatz aus den Evangelien, welcher uns klarmacht: Gottes Nachsehen ist an den Umgang mit dem Sünder auf Erden gekoppelt.

Damit muss nicht zwangsläufig eine juristische Verurteilung nach irdischen Gesichtspunkten gemeint sein. Viel eher hängt Gottes Umgang mit dem Rechtsbrecher der Zehn Gebote von dem Umstand des Verzeihens durch seine Mitmenschen ab. Und dabei verlangt Gott keinesfalls ein vorbehaltloses Entschuldigen. Die Sühne, die ein Verbrecher für seine Entgleisungen auf sich nehmen muss, sind eindeutig definiert: Erst, wenn Reue, Buße und Umkehr erkennbar und glaubwürdig sind, ermahnt uns Gott zur Annahme des Täters, bei dem er aber keine Unterschiede macht. Während es nach weltlichen Gesichtspunkten auf die Schwere des Vergehens ankommt, differenziert Gott zwischen dem beim Nachbarn Äpfel klauenden Jungen und dem Serienmörder nicht. Diese Auffassung mag mit unserem menschlichen Empfinden von Gerechtigkeit nur schwer zu vereinbaren sein. Doch gleichsam müssen wir feststellen: Ehrliches und fruchtbringendes Bedauern fällt dem Taschendieb leichter als dem Kriegsverbrecher. Denn es kommt wesentlich darauf an, ob der Betreffende sein Verhalten als falsch und unrecht anerkennt und gleichsam bereit und willens ist, sich für Versöhnung und Wiedergutmachung einzusetzen. Einen Freifahrtschein für jeden Menschen, um zur Rechten Gottes sitzend auf Nachsicht zu vertrauen, gibt es nicht.

Das göttliche Gericht bemisst sich zwar an anderen Gesichtspunkten, ist aber keinesfalls unvoreingenommen. Und nachdem Gott uns als seinen Ebenbildern bereits in den Büchern Mose die Fähigkeit geschenkt hat, zwischen „gut“ und „böse“ unterscheiden zu können, obliegt es auch uns, unseresgleichen bei Verfehlungen kritisch zu begegnen. Nein, die Aussage aus dem Matthäus-Evangelium ist kein Aufruf zu Selbstjustiz. Stattdessen ermutigt sie die Weltgemeinschaft, Straftäter auf Herz und Nieren zu überprüfen: Wie steht es um ihre Einsichtsbereitschaft und Eigenreflexion? Inwieweit dies nun vor einem Kriegsverbrechertribunal oder durch jeden einzelnen Christen von uns geschieht: Gott bindet sein Erbarmen mit dem Sünder an die Bereitschaft der Völker, jemandem aufgrund seines authentischen Schuldbewusstseins zu vergeben. Ob das nun bedeutet, dass Putin und seine Schergen in die Hölle wandern werden, weil ihnen offenkundig jegliche Aufrichtigkeit für ihr Tun fehlt, entscheiden schlussendlich nicht wir.

Ohnehin: Die Überzeugung an das Fegefeuer scheint in einer modernen Theologie des Protestantismus schon allein deshalb nicht mehr zeitgemäß, weil es dem menschlichen Hirn entsprang und wiederholt zum Missbrauch genutzt wurde. Aber auch die Rechtfertigungslehre Luthers macht deutlich: Läuterung geschieht eben nicht erst als Vorhut an der himmlischen Eingangspforte, sondern allein durch Christi Güte anhand unserer diesseitigen Bußfertigkeit. Insofern ist es nicht nur allein für unser Gewissen von großer Bedeutung und Tragweite, dass auch wir unser Urteil über einen Anderen nicht ohne Blick auf seine Reumütigkeit fällen. Auch Gott wird durch Jesus die Selbstanklage jedes Sünders in die Waagschale werfen, um den jenseitigen Stab über ihn zu brechen. Vielleicht ist diese Gewissheit in diesen Tagen tröstlich…

Dennis Riehle - 06:33:35 @ Glaube

02.06.2022

Mein persönliches Pfingstwunder…

Seit vielen Jahren engagiere ich mich in der sozialen Beratung von geflüchteten Menschen. Und so ist auch derzeit das Engagement vieler ehrenamtlicher Helfer erneut sehr gefragt. Mit der Ankunft von Kriegsopfern aus der Ukraine ist neben dem Staat auch die deutsche Zivilgesellschaft gefragt, sich für die Versorgung, Unterkunft und Eingliederung derjenigen einzusetzen, die aufgrund der russischen Bomben ihre Heimat verlassen mussten. Und all das klappte von meiner Stelle aus auch wunderbar. Bis vor eineinhalb Wochen…

Ganz kurzfristig rief mich ein Kollege an, ein junger Mann aus der Nähe von Kiew sei hier angekommen und benötige dringend eine erste Orientierung. Das was noch nichts Besonderes, denn solche Situationen sind in der jüngeren Vergangenheit häufig aufgetreten. Insofern empfing ich den Flüchtling Mitte 20 und freute mich, dass ich ihm zumindest bei der Suche nach einer Wohnung und der Vermittlung an die zuständigen Ämter und Behörden würde helfen können. Doch dann stand ich vor einem Problem: Bisher hatten die Geflüchteten mit guten Englischkenntnissen kommuniziert. Aber der bislang als Auszubildender in der Ukraine tätige Mann sprach lediglich Ukrainisch.

Eigentlich war auch das kein Hindernis, denn auf solche Momente waren wir bislang gut vorbereitet. Freiwillige Dolmetscher standen für gewöhnlich zu jeder Tages- und Nachtzeit bereit und sprangen bei Sprachbarrieren ein. Allerdings schien das dieses Mal anders zu sein: Egal, wohin ich telefonierte, ich bekam dieselbe Auskunft. Derzeit war kein Übersetzer vorhanden und die Nutzung einer etwaigen App wollte auch nicht wirklich gelingen. Seine wichtigsten Daten konnte mir Dimitri (Name geändert) auf ein Blatt Papier schreiben. Allerdings standen wir dann vor einer echten Hürde: Wie sollte ich alle Informationen übermitteln, wenn meine Kenntnisse bei Englisch und Französisch endeten, mein Gegenüber neben seiner Muttersprache aber lediglich ein paar Brocken Polnisch konnte?

Tatsächlich kann ich heute kaum noch schildern, was dann passierte. Aber es erinnerte mich an das Pfingstwunder: Dimitri und ich kämpften uns durch die wichtigsten Grundlagen für einen Neustart in Deutschland nach der Flucht aus der umkämpften Ukraine. Mit Händen und Füßen, Schreiben und Malen, einer Übersetzungs-Software und dem peniblen Versuch meinerseits und seinerseits, anhand der Worte des Anderen zumindest einzelne Wörter zu verstehen und zu deuten, mühten wir uns knapp drei Stunden durch Adressen, einen Dschungel an Paragrafen und Vorschriften und die nötigsten Angaben, die es Dimitri doch möglich machten, sich auf den Weg zum zuständigen Ansprechpartner zu machen.

Obwohl man die Sprache des Mitmenschen nicht kennt, scheint man sich verständigen zu können. So war es auch, als die Jünger am 50. Tag nach Ostern zu jener Zeit auf die Apostel trafen und gemeinsam Schawuot – das jüdische Wochenfest – zelebrierten. Nachdem Jesus seinen Jüngern bereits am Abend des Ostertages erschienen war und ihnen den Geist Gottes einhauchte (Joh 20,19-23), erzählt die Apostelgeschichte (Kap. 2, Vers 3 -13), dass am Pfingsttag die Begebenheit der „Zungen wie von Feuer“ auf die versammelte Gesellschaft herabkam und die Jünger die Apostel in ihrer eigenen Sprache reden hörten – obwohl sie sie eigentlich weder verstanden, noch zu sprechen beherrschten. Sie waren vom Heiligen Geist beseelt worden, der Brücken überwand und sie somit einander näherbrachte.

Ein Fest der Verständigung – wann könnte es passender sein als in Kriegszeiten! Ein Zufall, dass das Markusevangelium in Kapitel 1, Vers 10 den Geist als (Friedens-)Taube beschrieb, die sich bei der Taufe Jesus auf ihn setzte? Was als Geburtsstunde der Kirchen interpretiert wird, ist ein Augenblick der Versöhnung. Immerhin kann Sprache die Menschen über Grenzen der Völker hinweg verbinden – wenn wir einander zuhören und uns bemühen, die Botschaft des Gegenübers entsprechend zu erfassen. Auch bei meiner Begegnung mit Dimitri wirkte der Heilige Geist, davon bin ich überzeugt. Auch ich konnte ihn mit einer frohen Kunde in die Welt entlassen: Er ist nun in Sicherheit, wir werden uns um ihn kümmern und ihm ermöglichen, in Deutschland ein neues Leben beginnen zu können.

Während die Jünger der Verkündigung der christlichen Nachricht lauschten und sie danach verbreiteten, sind es auch heute die Rufe nach dem Ende der Gewalt, welche wir zum Pfingstfest unter die Gemeinschaft bringen sollten. Ich bin mir sicher, das Symbol der Taube wird in allen Herren Ländern gleich aufgefasst und gilt als Ermutigung und Auftrag, die friedenstiftenden Aspekte der Religionen zu Pentakoste hervorzuheben und auch dorthin zu tragen, wo derzeit noch immer Hass, Zwietracht und Missgunst herrschen.

Nein, ich glaube nicht daran, dass Putin dadurch seinen Feldzug beenden wird. Und doch setzen wir ihm als Christen mit Pfingsten einen Moment der Einigkeit aller Zivilisationen guten Willens entgegen. Gottes Geist wirkt unverhofft und überraschend. Er überwindet Grenzen dort, wo niemand sie für möglich hielt. Er befähigt uns, einander zu verstehen. Gerade das brauchen wir jetzt, wenn Gesprächskanäle zugeschüttet sind und die Diplomatie für den Frieden an ihr Limit gekommen ist. Zwischen mir und Dimitri hat die Kommunikation auf merkwürdige Weise funktioniert. Warum nicht auch anderswo?

Dennis Riehle - 06:55:33 @ Glaube

25.03.2022

Franziskus zwischen den Stühlen…

Leserbrief
zu: „Marienweihe für den Frieden“, „Die Tagespost“ vom 24.03.2022

Die Zeichen aus dem Vatikan angesichts des Krieges sind ambivalent. Während ich die deutliche Kritik von Papst Franziskus an der Ankündigung zahlreicher Staaten, ihre Verteidigungsausgaben erhöhen zu wollen, uneingeschränkt unterstütze, irritiert das von ihm angestrebte Gebet zur Weihung der Ukraine und Russlands mit dem „Unbefleckten Herzen Mariens“ doch sehr. Immerhin lässt diese Geste den Eindruck einer Gleichsetzung der beiden Konfliktparteien durch den Pontifex entstehen, welche die Täter-Opfer-Rollen negiert. Unbestritten ist: Wir müssen für den Frieden einstehen. 

Gleichermaßen wäre eine Differenzierung des katholischen Kirchenoberhaupts nötig gewesen: Es geht um die Bitten für die Aussöhnung der Völker und eine Einsicht der politischen Machthaber. Die Aussendung aus Rom kann allerdings auch missdeutet werden: Nein, ich will nicht Präsident Putin den Fürsprechern im Himmel anheimstellen. Denn ich bin mir sicher, dass Gott nicht wirklich zur Einsichtsfähigkeit des russischen Despoten sorgen kann. Stattdessen bete ich für die Menschen in der Ukraine, die Leid und Schmerz ausgesetzt sind. Für die Vertriebenen, Verletzten und Hinterbliebenen. Natürlich für jene Bürger in Russland, die offenen Herzens sind, den Kurs ihrer Führung zu verurteilen und sich gegen jegliche Gewalt aussprechen. Für die Armen, die die Sanktionen des Westens hart treffen. Und für alle Politiker guten Willens, die sich für Diplomatie und Waffenruhe einsetzen. 

Derartige Fürbitten kann ich gutheißen, nicht aber eine pauschale Vorbringung der Kriegstreiber vor den Herrn. Es war ein eklatanter Fehler in der Kommunikation des Heiligen Stuhls, die Franziskus in ein unglückliches Licht rückt: Auch wenn ich mir sicher bin, dass sein eigentliches Anliegen von den allermeisten Gläubigen verstanden wird, wäre eine Richtigstellung seiner Beweggründe hilfreich gewesen. Und natürlich weiß auch ich um das Ideal von Pazifismus und Verständigung. Und es ist moralisch und sittlich höchst verwerflich, dass auch Deutschland 100 Milliarden für die Armee investieren will. Doch Politik kann nicht alleine durch die Brille der Ethik blicken. Der Geist von Militarismus und Größenwahnsinn ist aus der Flasche, er lässt sich pragmatisch gesehen auf absehbare Zeit nicht mehr einfangen. 

Deshalb ist natürlich jegliche Anstrengung für Befriedigung und Heilung richtig und nötig  – und als Mann der Kirche kann und muss Franziskus solch eine Utopie weiterhin mit Nachdruck verfolgen. Dies kann durch Gebet zweifelsfrei gelingen. Allerdings muss er als Staatsoberhaupt und politisch Handelnder gleichsam verstehen, dass ein Bundeskanzler auf die völlig entfesselte Invasion Moskaus reagieren und Vorkehrungen treffen muss, um das eigene Land zu schützen. Nein, niemand will Aufrüstung. Sie ist falsch und der Ausdruck einer von vielen Konsequenzen menschlicher Perversion. Aber angesichts von Diktatoren bleiben praktisch gesehen wenige Alternativen, leider.

Dennis Riehle - 09:11:50 @ Glaube

02.02.2022

Auch in der evangelischen Kirche gibt es Ausgrenzung und Diskriminierung!

Pressenotiz

Nach dem öffentlichen Bekenntnis von 125 Mitarbeitern der katholischen Kirche zu ihrer sexuellen Orientierung und der Forderung nach Abschaffung arbeitsrechtlicher Konsequenzen für Angestellte, welche sich mit ihrer Homosexualität outen, weist der Konstanzer Laienprediger und Autor Dennis Riehle auf die Tatsache hin, dass Diskriminierung und Ausgrenzung auch in der evangelischen Kirche stattfinden. Der 36-Jährige hatte sich über viele Jahre in der Gemeindearbeit engagiert, ehe das Gerücht über sein Schwulsein aufkam: „Von einem Tag auf den anderen wurde mir ohne Begründung eine Hauptamtliche vorgesetzt, die völlig übereilt meine Aufgaben übernahm. Ich wusste anfangs nichts über die Ursachen für diesen Schritt, erfuhr aber später, dass ein Kirchenmitglied gefordert hatte, mich ‚zur Sicherheit und zum Jugendschutz‘ aus meinem Ehrenamt zu entfernen. Diesem Anliegen kam man dann ohne Gespräch mit mir oder irgendeine Prüfung der Aussagen des Mitgläubigen nach – man entledigte sich mir ohne einen Dank oder eine Anerkennung für hunderte Stunden Engagement. Stattdessen wechselten sogar andere Gemeindeanhänger die Straßenseite, weil man ‚mit einem Schwulen keine Kontakte haben will‘, teilte man mir über Dritte mit. Es gab da kaum jemanden, der in dieser Situation zu mir gehalten hatte. Ganz im Gegenteil: Man stützte sich bei alledem auf Vermutungen, weil ein Kirchengemeinderatsmitglied auf den Umstand hingewiesen hatte, dass ich ‚mit Mitte 20 ja noch immer Single sei und sonntags weiterhin alleine in den Gottesdienst‘ käme, das könne ja ‚nicht normal‘ sein“, erinnert sich Riehle an Aussagen der Gemeinde, die man ihm später auch direkt ins Gesicht gesagt hatte und dabei immer wieder auf die Bibel verwies: „Zusammenhanglose Verse aus den Büchern Mose oder dem Römerbrief – darauf baute man die fadenscheinige Argumentation auf – mit dem Hinweis, man werde für mich beten“.

Riehle wollte eigentlich Theologie studieren, erhielt aber aufgrund einer Zwangsstörung, an der er seit dem 13. Lebensjahr litt, von einem ranghohen Würdenträger eine Absage: „Die Kirche braucht keine psychisch kranken Seelsorger“, entgegnete man ihm. „Ich bin heute froh, dass ich den Beruf des Pfarrers nicht gewählt habe, denn die Verlogenheit hätte ich nicht ertragen können“, berichtet Riehle jetzt, nachdem er sich zum Prädikanten fortbilden ließ, aber in der Kirche keinen Einsatz fand: „Man verwies mich auf verschiedene Aspekte, warum ich nicht zum freiwilligen Verkündigungsdienst zugelassen und stattdessen belächelt wurde. Handfeste Gründe gab es nicht“, erklärt der Journalist, der an einen Kirchenvertreter zurückdenkt, welcher Riehles liberale Ansichten beklagte: „Mit Ihrem Glauben tragen Sie Eulen nach Athen!“, war schlussendlich die entscheidende Feststellung, die Riehle zum Kirchenaustritt gebracht hat und nun eine konfessionsfreie Haltung einnehmen lässt: „Von der christlichen Überzeugung habe ich nicht abgelassen, auch wenn ich zwischenzeitlich arge Probleme mit einem liebenden und allmächtigen Schöpfer hatte. Mein Gottesbild hat sich allerdings gewandelt – und ich habe zumindest mit dem Lenker und Leiter im Himmel meinen Frieden geschlossen, was ich gegenüber der Kirche allerdings nicht behaupten kann“, so Riehle abschließend, der festhält: „Es ist klar, dass es in solch einer Institution eben auch nur menschelt. Aber selbst in der evangelischen Zunft nimmt man es mit dem Liebesgebot der Heiligen Schrift und dem verfassungsrechtlichen Grundsatz der Würde des Menschen nicht so ernst!“.

Dennis Riehle - 03:52:30 @ Glaube

21.01.2022

Schlimmer geht immer – besonders in der katholischen Kirche!

Leserbrief
zu: „Katholische Kirche am Tiefpunkt“, „Die Rheinpfalz“ vom 21.01.2022

Es scheint für viele Medien und Gläubige noch immer eine Überraschung zu sein: Die Nachrichten über sexuellen Missbrauch in der Kirche beschäftigen uns mittlerweile seit Jahren. Und trotzdem vermögen es viele Kleriker, noch Schäfchen, aber auch die Presse nicht zu begreifen: Wegschauen, Decken, Leugnen und Beschönigen gehört für christliche Würdenträger zum Alltag. 

Die gespielte Empörung und das Entsetzen nach den wiederkehrenden Veröffentlichungen von Gutachten und Erkenntnissen in der Aufarbeitung der Misshandlung von Schutzbefohlenen innerhalb der Kirche sind natürlich längst nicht mehr glaubwürdig, sondern Ausdruck einer wirklich hohen kriminellen Energie, die dazu taugt, Relativierungen voranzutreiben, welche die eklatanten Missstände in den Strukturen der Kurie und der katholischen Dogmatik kaschieren. 

Letztendlich ist es fadenscheinig, naiv und berechnend zugleich, immer wieder von Einzelfällen zu sprechen und sich zu rechtfertigen, dass man als Führungsperson nicht die Aufsicht über alle Geschehnisse haben konnte, die sich in den Kirchen vor Ort manifestiert hatten: Es sind unzählige Fälle von Erniedrigung, Nötigung und Verführung junger Menschen, die gegenüber Priestern in einem gefühlten Abhängigkeitsverhältnis standen und sich deshalb nicht zu wehren wussten. 

Insofern ist das Verhalten der Pfarrer besonders verwerflich, denn sie haben nicht nur Gewalt gegenüber ihnen Anvertrauten ausgeübt, sondern im Wissen um ihre Stellung ihre Obrigkeit ausgenutzt und zu einer Übermächtigkeit pervertiert, die von tiefster Unmenschlichkeit zeugt. Ihre Taten sind vollends verabscheuungswürdig, aber gleichsam nicht ohne Motiv und Ursprung, immerhin ist die unantastbare Hierarchie in der Kirche der Schutzraum für pädophile Neigung durch die verpflichtende, biblisch wie theologisch nicht erklärbare Enthaltsamkeit und den Größenwahn des Katholizismus als religiöse Weltanschauung, die exegetisch Platz für das Recht der Unterdrückung einräumt. 

Die unerschütterliche Loyalität im gesamten Apparat der Kirche verhindert jegliche Aufklärung. Gleichsam trägt die von Obsession geprägte Atmosphäre auch wesentlich dazu bei, dass Pfarrer mit psychischen Auffälligkeiten und eigenen Erfahrungen der sexuellen Ausbeutung in der Kindheit und einer hieraus nicht seltenen entstandenen Reifungskrise in der persönlichen Biografie keinesfalls in die Lage versetzt werden, sich diesem Trauma zu stellen, sondern gar angestachelt werden, sie zu unterdrücken. 

Die mittelalterliche Rückwärtsgewandtheit in der katholischen Werteorientierung fördert die Ohnmacht derjenigen, die sich im Teufelskreis der geschlechtlichen Desorientierung  befinden. Um zu einer wahrhaftig fruchtbaren Erneuerung zu gelangen, bedürfte es einer Reformation und eines Umbruchs der gesamten Glaubenslehre, die es aber nicht geben wird. Denn das Bewahrende war schon seit jeher ein Wesensmerkmal der Kirche – und sei sie von noch so schweren Krisen und Erschütterungen heimgesucht. 

Sie nimmt den Verlust von Ansehen und die immer schneller wachsenden Zahlen bei den Austritten um jeden Preis hin, damit eine Katharsis vermieden werden kann und gewachsene wie zementierte Gepflogenheiten bleiben dürfen. Die Kirche ist Rückzugsort für verirrte Seelen – ein Großteil von ihren stammt aus den eigenen Reihen.

Dennis Riehle - 06:01:14 @ Glaube

06.01.2022

Klerikale Anmaßung

Leserbrief
zu: Papst Franziskus kritisiert Paare, die keine Kinder bekommen wollen; WELT vom 06.01.2022

Die Zeiten, in denen sich die Kirche in das Privatleben von Menschen einzumischen vermochte, sind unzweifelhaft vorbei. Auch wenn es Papst Franziskus nicht wahrzunehmen vermag, ist auch der Katholizismus schon lange keine moralische Instanz mehr, der die Weltbevölkerung folgt – selbst unter den eigenen Anhängern dürfte die Zahl derjenigen stetig zurückgehen, die Rom noch als Autorität oder Maßstab für die eigene Alltagsführung anerkennt. 

Denn nicht nur der Umstand, dass die Dogmatik der Religionen für immer weniger Menschen überzeugend wirkt und als Orientierung in ethischen Belangen herhalten kann, macht sehr deutlich: Es obliegt sicherlich gerade nicht dem Pontifex, in Sachen Familienplanung weise Ratschläge zu geben. Ob sich ein Paar für Kinder entscheidet, ist ihre ureigenste Entscheidung, bei der sicherlich besonders der Zeigefinger aus dem Vatikan völlig obsolet erscheint. 

In welcher Form zwei Personen heute Verantwortung füreinander und gegenüber der Gesellschaft einnehmen, ist ihre Sache – rechthaberische Versuche, mit dem Bischofstab Eindruck zu schinden und das unterschwellige Gefühl zur Verpflichtung zu erzeugen, vor Gott und der Welt mit Nachwuchs für den Fortbestand der Erdenbevölkerung beizutragen und neues Leben zu schaffen, sind nicht nur vollends unangebracht und unnötig. Sie gehen auch an biblischer Lehrmeinung komplett vorbei. 

Schlussendlich hat der vermeintliche Vater im Himmel nämlich bereits in den ersten Büchern Mose deutlich zum Ausdruck gebracht, dass er uns Geschöpfen umfassende Freiheit gewährt (z.B. Genesis 3,4-5). Dazu gehört nach meinem Verständnis auch ausdrücklich die Fähigkeit zur vernunftorientierten, differenzierten und vor allem höchstpersönlichen Abwägung über die Frage, inwieweit es die eigene Situation, der Wunsch und das Seelenbefinden zulassen, sich bewusst und in Überzeugung für Nachkommen auszusprechen. 

Pauschalurteile von christlichen Hirten sind in der Moderne übergriffig und aus der Zeit gefallen. Mit dem Ansinnen, Kompass sein zu wollen, vergrault Jorge Mario Bergoglio weitere Schäfchen. Nicht nur in deutschen Bistümern wird man es ihm danken!

Dennis Riehle - 05:09:30 @ Glaube

16.12.2021

Segen für das Klima…

Leserbrief
zum Auftakt der protestantischen Hilfsaktion „Brot für die Welt“

Die deutschen Protestanten haben im Eröffnungsgottesdienst zu “Brot für die Welt” der politischen Klimaerweckung eine Bühne geboten: In der Detmolder Christuskirche feierte die Gemeinde zum Auftakt der bundesweiten Hilfsaktion unter liturgischer Mitwirkung der örtlichen “Fridays for Future”-Gruppe. Diese nutzte die Gelegenheit, um die Evangelische Kirche in ihrem Sinne zu kapern - und offenbar empörte sich keiner der Gläubigen. 

Im Gegenteil: Einstimmig wurden Pauschalisierungen hingenommen, die die Vertreterin der Protestbewegung aufbrachte. Ohne die dargestellten Kausalzusammenhänge kritisch zu hinterfragen, lauschten die Anwesenden dem erhobenen Zeigefinger. Während man nach außen nahezu scheinheilig und kräftig in die ersten Adventslieder einstimmte, dürfte manch ein Aktivist im Chorraum insgeheim wohl eher die Götzin Thunberg gepriesen haben. Fotos aus den Flutgebieten sorgten für Scham und Schuld, die menschgemachte Erderwärmung sei alleiniger Auslöser der extremen Wetterereignisse dieser Tage. Ein Schelm, wer dabei auf den Gedanken kommt, dass sich mit Panikmache am meisten Spendengeld akquirieren lässt.

Zweifelsohne: Die Wahrung der Schöpfung muss die Religionen etwas angehen. Und ja, sie sollen sich ausdrücklich gesellschaftsthematisch äußern und positionieren. Wenn sich aber Glaubensgemeinschaften vor den Karren einer aufbegehrenden Generation spannen und sich zum Multiplikator von Neubauers und Reemtsmas Parolen missbrauchen lassen, irritiert mich das. Kanzeln sollen dazu dienen, den Schäfchen die biblische Botschaft nahezubringen. Dazu gehört auch, sie zu einem ressourcenschonenden und nachhaltigen Verhalten zu ermutigen. 

Denn das dürfte im Sinne Gottes sein, der uns diese Erde unter der Maßgabe verantwortungsvollen Handelns überlassen hat. Predigten sind aber nicht dafür da, zu Aktionismus aufzurufen und Beklemmungsgefühle zu säen. Nicht das erste Mal lässt sich die Institution Kirche instrumentalisieren. Es gehört nicht zu ihren Aufgaben, lobbyistische Thesen ungeprüft und generalisiert zu verbreiten. Wir wissen bis heute nicht abschließend, welche anthropogenen Effekte auf das Klima Einfluss haben. Deshalb täten auch Christen gut daran, nicht blind auf scheinbar zeitgeistige Angstmacherei hereinzufallen und ihren Lebensstil statt aus dem Selbstzweck des Popularismus und wissenschaftlicher Modellrechnungen viel eher in Überzeugung und Glaube an einen respektvollen Umgang mit dem Geschenk des irdischen Daseins anzupassen. 

Wir sollten dabei auf die gottgegebene Vernunft vertrauen, weniger auf manch jugendliche Emotionalität und Naivität. Kirchen sind Orte des stillen Gebets und der überlegten Verkündigung, nicht der schrillen Töne und des lauten Geschreis. Wer politische Reden hören möchte, kann sich von unzähligen Talkshows aufreiben lassen. Wenigstens Gotteshäuser müssen Hallen der inneren Einkehr bleiben - wenn sie nicht bereits zu bloßen Sprachrohren des Mainstreams verdorrt sind.

Dennis Riehle - 09:28:23 @ Glaube

Ist Glaube ohne Kirche möglich?

Leserbrief
zu: „Gott ist immer für uns Menschen da!“, „Domradio“ vom 08.11.2021

Ich gehöre seit vielen Jahren nicht mehr der Kirche an, glaube aber weiterhin an Gott. Auch wenn ich eine Phase der Zuneigung gegenüber dem evolutionären Atheismus verspürt hatte, bin ich mittlerweile wieder zu christlichen Überzeugungen zurückgekehrt und behaupte, dass die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft zwar einen Rahmen für die Ausübung der eigenen Weltanschauung bietet. 

Und natürlich wissen wir um den Mehrwert der Gemeinschaft. Gemeinsames Singen, gemeinsames Beten und gemeinsames Feiern haben insbesondere in sozialer Hinsicht eine nachgewiesene Bedeutung. Das bedeutet aber keinesfalls, dass Glaube Kirche bedingt – oder umgekehrt. Zwar hat auch Jesus die Gemeinschaftlichkeit immer wieder betont. Und die Pfingstgeschichte macht deutlich, dass eine Bewegung im Sinne einer Kirche auch biblisch begründet ist. 

Dennoch gibt es aus meinem Verständnis keinen unmittelbaren oder gar zwingenden Zusammenhang zu unserem Gottesglauben. Denn wer sich – wie auch ich – Rituale des alltäglichen Lebens schafft, der kann ein religiöses Leben ohne die Zugehörigkeit zu einem Zusammenschluss führen. Denn die Nachfolge im Sinne Christi beruht vor allem auf der Ermutigung, das eigene Dasein in den christlichen Dienst zu stellen.  Dies kann in einem Verbund geschehen – letztlich bleibt der Glaube aber nicht nur Privatsache, sondern eine höchstpersönliche Entscheidung des Einzelnen, die er durch Erkenntnis und Fügung erlangt. Kirchen können die Überbringer der frohen Botschaft sein. Leider beschäftigen sie sich heute allzu sehr mit sich und den zeitgeistigen Fragen. 

Ihr seelsorgerlicher und verkündigender Auftrag ist in den Hintergrund getreten, weshalb wir im Sinne der lutherischen Anregung am „Priestertum aller Gläubigen“ festhalten sollten – und selbst die besten Prediger sind. Deshalb verkommt der Stellenwert der Kirche im Alltag der Menschen nicht ohne Grund zu einer Nebensache: Sie finden dort keine Antworten mehr, weil von den Kanzeln Politikerreden geschwungen werden, die wir gleichsam am TV-Bildschirm haben können. Deshalb verstehe ich es gut, wenn sich gläubige Christen der Kirche entsagen und stattdessen eine fromme Existenz abseits der Gemeinschaft wählen. 

Die Taufe ist universell gültig, sie ist nicht zeitlich oder an die Mitgliedschaft in einer Konfession gebunden. Unser Bekenntnis zu Gott formt sich aus der Zuwendung zu ihm, keinesfalls ist sie abhängig davon, ob ich in einer religiösen Gruppierung verwurzelt bin. Im Gegenteil: Oftmals sind wir heute durch die Kirchenmitgliedschaft von klein an sozialisiert worden und bekommen erst recht spät die Chance eingeräumt, souverän über die weitere Zugehörigkeit zu befinden. Daher ist das Freisein von der Institution ein gangbarer Weg der Emanzipation eines Jeden, der sich für seinen Gottesglauben ohne Kirche niemandem rechtfertigen muss. Viel eher geben uns die Worte der Schrift Anleitung genug, wie wir unsere irdische Existenz allein unter Segen und Zustimmung des Herrn behaupten können. Religiöse Praxis in Gemeinschaft kann Überzeugungen bestärken; sie ist für unseren Glauben aber nur ein Zubrot.

Dennis Riehle - 09:24:13 @ Glaube

Christlicher Tacheles

Leserbrief
zur Rückschau auf den Reformationstag 2021

Nach Jahrhunderten seit des Thesenanschlags von Martin Luther ist die Reformation aktueller denn je. Denn nicht nur die katholische Kirche hat momentan zu kämpfen. Teilweise muss der Protestantismus in Deutschland stellenweise sogar deutlich stärker an Mitgliedern federn lassen, als es bei den vom sexuellen Missbrauch und der Frage nach dem „Synodalen Weg“ gebeutelten Mitchristen der Fall ist. Die evangelische Seite muss sich in diesen Zeiten vor allem fragen, warum sie vom religiösen Verkündiger zum politischen Forderer geworden ist. 

Immer öfter greift sie in die Tagespolitik ein – und versteht sich damit als ein wesentlicher „Player“ in Themen wie Migration, Pluralismus und Armut. Zweifelsohne: Es war bereits das Ansinnen der Reformatoren, die Kirche auch zu einem Sprachrohr für gesellschaftliche Missstände zu machen. Und ich begrüße es zweifelsohne, dass sie sich in ihren Predigten zu den himmelschreienden Schieflagen auch in unserem Land äußert. Wer aber Politikerreden hören möchte, sollte in den Bundestag gehen. Von einer Kirche erwarte ich etwas anderes als latente Wahlwerbung. 

Die Rückbesinnung auf ihren wesentlichen Auftrag hat sie seit Jahren versäumt, obwohl viele ausgetretene Schäfchen den Finger genau in diese Wunde legen: Wer am Sonntag den Gottesdienst aufsucht, möchte auf Grundlage des Evangeliums eine Botschaft hören, die konkrete Anleitung für den Lebensalltag des Einzelnen gibt. Die EKD mit ihren Gliedkirchen fährt stattdessen seit geraumer Zeit den Kurs, auf einer Metaebene mitsprechen zu wollen – und vergisst dabei, dass es ihre eigentliche Aufgabe wäre, die Gläubigen in ihrer Existenz abzuholen. 

Gerade in Augenblicken der Krise und der persönlichen Schicksalsschläge muss der seelsorgerliche Dienst wieder sehr viel mehr Raum einnehmen. Kirche braucht neue Empathie für die Leiden der Menschen, statt abstrakt Sachpolitik zu kommentieren. Den Theologen sollte es Ansporn sein, von den Kanzeln für die Nachfolge Jesu zu begeistern – und anhand seines Werkes aufzuzeigen, wie das Leben auch in den schwierigen Momenten gelingen kann. Das biblische Wort gibt praktische Anweisungen für das Dasein in der Not, die uns Laien übersetzt und nahegebracht werden sollten. Christlicher Tacheles statt zeitgeistiges Gerede – das wünsche ich mir für die Kirche des 21. Jahrhunderts, die sich nicht nur am 31. Oktober der Klarheit von Wittenberg bewusst werden darf.

Dennis Riehle - 09:19:05 @ Glaube

Religionspolitischer Grenzgänger

Leserbrief
zu: „Kretschmann: Kirchensteuer bleibt erhalten“, „Eifelzeitung“ vom 26.10.2021

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat in jüngster Vergangenheit immer wieder mit Äußerungen auf sich aufmerksam gemacht, die für deutschlandweite Schlagzeilen gesorgt hatten. Unlängst hatte er sich in der Corona-Krise als ein strenger Hüter massiver Freiheitseinschränkungen hervorgetan und für die nächste Pandemie gefordert, dass man künftig von Beginn an noch stärker in das Alltagsleben der Menschen eingegriffen werden müsse. 

Er hatte dabei auch Notstandsgesetze ins Spiel gebracht, was für deutliche Kritik sorgte. Selbst das Bundesbildungsministerium stellte der Landesvater kurzzeitig in Frage – und nicht zuletzt in Sachen der anonymen Möglichkeit zur Anzeige von möglichen Steuersündern durch die Bürger, die sein Finanzminister lanciert hatte, gab er ein recht teilnahmsloses Bild ab. Nun meldet sich Kretschmann wieder zu Wort und stellt unverhohlen fest, dass die nächste Koalition – sofern es denn eine „Ampel“ sei – die Kirchensteuer nicht abschaffen würde. Ob sich der baden-württembergische Grüne in dieser Angelegenheit mit seinen Parteivorsitzenden abgesprochen hat, bleibt zunächst unklar. 

Viel grotesker wirkt bei seiner Aussage auch die Begründung: Laizisten müssten laut Kretschmann ja gar keine Kirchensteuer zahlen, weshalb sie sich dann überhaupt aufregten – fragte er. Als konfessionsfreier Christ möchte ich meinem Ministerpräsidenten entgegenhalten: Es sind auch meine Steuergelder, die dafür eingesetzt werden, dass in unseren Finanzämtern Angestellte des Landes Mehrarbeit leisten, um Abgaben für die Religionsgemeinschaften einzuziehen. Jeder von uns finanziert diesen „Service“ für sie mit – egal, ob man deren Mitglied ist. Kaum ein Amtsträger hat in der jüngeren Vergangenheit eine derartige Verwobenheit zwischen der persönlichen Zuneigung zur Kirche und seinen politischen Forderungen gezeigt. Der Glaube ist die Privatsache eines Jeden. 

Sobald daraus aber die Absicht erwächst, eine im säkularen Gemeinwesen ohnehin schwierige Verknüpfung von weltanschaulichen Institutionen und der öffentlichen Hand krampfhaft zu verteidigen und zu befördern, wird daraus zurecht ein umstrittenes Politikum. Kretschmann vermischt nach meinem Empfinden seine christliche Verwurzelung mit der ihm als Mitglied eines Verfassungsorgans auferlegten Neutralität. Dieses Verhalten scheint mir deshalb durchaus bedenklich, weil er in seiner Funktion nicht zum ersten Mal eine offenherzige und einseitige Solidarität mit den christlichen Konfessionen erklärt. Religionsfreiheit steht auch ihm zu, sie wird in seinem Falle aber durch das Staatsfundamentalprinzip der religiösen Unabhängigkeit beschnitten. Amtsmüdigkeit wird allerdings nicht der Grund dafür sein, dass der Ministerpräsident in Sachen Christusverliebtheit die ihm gebotene Zurückhaltung manches Mal außer Acht lässt. Denn in dieser Hinsicht wandelte er stets über Grenzen.

Dennis Riehle - 09:11:33 @ Glaube

Wir müssen nicht alles wissen, um gut zu leben…

Hörergedanken
zu: „Neue Erkenntnisse aus der Hirnforschung: Sitzt Gott im Gehirn?“, „Deutschlandfunk Kultur“ vom 24.10.2021

Schon allein die Begrifflichkeit stellt einen Widerspruch in sich dar: Wenn Forscher auf die Suche nach dem „Gottesbeweis“ gehen, muss ihre Mission unzweifelhaft scheitern. Denn bereits die Definition des Gottes lässt es nicht zu, ihn nachzuweisen. Zwar schaffen wir es heute, manch ein Naturgesetz zu beschreiben. Woher es kommt, wie es entstanden ist und wie es funktioniert – all das stellt uns aber vor große Rätsel. Die Faszination über die Entstehung des Universums lässt uns nicht los, weil wir als Menschen mit unserer Unvollkommenheit nicht umgehen können. Es ist uns nicht begreiflich zu machen, dass es etwas gibt, was wir mit unserem begrenzten Verstand nicht verstehen können. Ungewissheit bedeutet auch Unsicherheit.

Das Geheimnis eines Gottes ist es, dieses Defizit durch den Glauben des Menschen auszugleichen. Wir werden mit größtmöglicher Wahrscheinlich nie zu dem Punkt gelangen, an dem unsere Überzeugungen in Wissen übergehen. Immerhin scheint die Transzendenz nicht messbar zu sein. Alle Parameter, die wir kennen, haben bislang nicht ausgereicht, einen abschließenden Befund über die Existenz eines Gottes erheben zu können. Und das ist auch richtig so! Denn er würde jegliches Geheimnis, jegliche Größe und jegliche Autorität verlieren, würde er sich durch ein Gen, ein Molekül oder ein sonstiges Teilchen belegen lassen.

Viele Religionen gehen davon aus, dass Gott nicht nur außerhalb unseres Bewusstseins existiert, sondern auch erlebbar und spürbar, vielleicht sogar fassbar ist. Denn nicht nur die fernöstlichen Religionen sehen ihre Götter in Form von Tieren, Naturereignissen und Ritualen als innerhalb ihrer Erfahrung wahrnehmbar an. Und auch das Christentum begnügt sich nicht mit einem transzendenten Gott: Die Lehre der Trinität zeigt auf, dass es in ihrer Glaubenslehre nicht nur den schöpferischen Gottvater gibt, von dem wir uns kein Bild machen sollen – und der damit unerreichbar ist. Viel eher wird Gott sowohl im Heiligen Geist, vor allem aber in seinem „eingeborenen Sohn“ Jesus immanent. Durch ihn wird der mythische Herrscher schlussendlich personifiziert und damit den Menschen auf der Welt nahbar gemacht. Doch können wir daraus ableiten, dass Christus = Gott ist? Sind Donner und Blitz ein göttliches Zeichen oder gar Gott selbst? Oder finden wir ihn beispielsweise im Bild der Schlange, des Affen oder der Ziege wieder? Bedeutet Immanenz eine Gleichsetzung, eine Deckungsgleichheit?

Gerade der Pantheismus meint beispielsweise, dass Gott in allem steckt. Ob in einem Stein, in einem Auto oder in einem Menschen. Besonders strikte Auslegungen dieser religionsphilosophischen Lehre gehen davon aus, wonach Natur, Umwelt und Universum mit Gott identisch seien. Damit wäre es nicht schwierig, ihn zu erfahren. Wir müssten wohl nur einen Baum umarmen – und hätten dadurch unmittelbaren Kontakt zu Gott persönlich. Schlussendlich argumentieren Pantheisten damit, dass die gesamte Schöpfung dem Ursprung eines undefinierten Gottes entstammt ist – und er bis heute in Sämtlichem und Jedem zu finden ist. Sicherlich mag diese Überzeugung gerade unter der Fragestellung, woher wir kommen, wer uns gemacht hat, was uns am Leben erhält und welcher materiellen und immateriellen Herkunft wird sind, Vieles beantworten. Wenn man Gott aber mit dem Weltall gleichsetzt, macht man es sich weltanschaulich recht einfach. Denn tatsächlich könnte man dann von einem Beweis sprechen, immerhin ist in diesem Fall der Glaube doch selbsterklärend: Alles, was ist, ist Gott.

Vielleicht bin ich für diese Annahme doch zu sehr naturwissenschaftlich geprägt, als dass ich mir die Antwort auf die Gottesfrage derart leicht machen würde. Ich bin der festen Überzeugung: Alles Existierende ist von Gott beseelt, weil ich davon ausgehe, dass er es erschaffen hat. Dennoch ist Gott für mich von der Welt verschieden. Er offenbart seine geistige Anwesenheit symbolhaft in seinen Geschöpfen, ist letztlich aber „nur“ Konstrukteur des Seins. Insofern ist er der Erbauer des Hauses, aber nicht das Holz, aus dem es errichtet wurde. Er besitzt ein Copyright für sein Werk, muss dafür aber nicht ständig selbst präsent sein, um den Menschen daran zu erinnern. Würde Gott sich mit der Gesamtheit der Dinge identifizieren, würde ihm viel von seiner Wundersamkeit verlorengehen. Und auch die Dreieinigkeitslehre springt bei mir nicht an. Für mich gibt es keinen Gottessohn. Jesus ist eine herausragende Persönlichkeit von vielen, der man aufgrund ihres größtenteils vorbildhaften Verhaltens nachfolgen und das Leben nach ihr ausrichten kann. Sieht man mehr in ihm, steigt die Gefahr der menschlichen Überhöhung.

Die Heraushebung und Glorifizierung eines einzelnen Menschen, der Gott auf die Erde bringen soll, damit wir das Handeln und Denken seines Vaters besser nachvollziehbar können, ist mir fremd. Denn ich halte mich an die Aussage des Römerbriefs: „Gottes Wege sind unergründlich!“ – und damit gilt auch: Gott möchte nicht verstehbar sein, er will eben gerade nicht als Mensch verstanden werden. Immerhin ist er gemäß Philipper „höher als all unsere Vernunft“. Er zeigt sich nach meiner festen Annahme allegorisch und demonstriert sich immateriell. Schlussendlich findet er sich stellvertretend als Ausdruck vor allem in der Zwischenmenschlichkeit wieder. Dafür spricht auch eine eindeutige Aussage der Heiligen Schrift, die nicht nur von Theologen als universell gesehen wird – und damit über allen anderen Darlegungen der Bibel steht. Im 1. Johannesbrief wird beschrieben, was wir unter ihm verstehen sollen: „Gott ist die Liebe“. Doch auch damit können wir ihn nicht dokumentieren. Er bleibt mit seiner Agape eine Metapher und entfaltet sich, ohne sich zu vergegenständlichen. Ich bin froh darüber, dass wir ihn nicht greifen können. Denn es tut uns gut, wenn wenigstens ein metaphysisches und übersinnliches Phänomen unentschlüsselt bleibt. Das bewahrt uns vor transhumanistischer Hybris…

Dennis Riehle - 09:07:51 @ Glaube