Dennis Riehle

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19.04.2022

Des Genderns Grenzen…

Kommentar

Der Sprecher des Philosophischen Laienarbeitskreises, Dennis Riehle, hat folgende Stellungnahme veröffentlicht:

Mittlerweile scheint man sich auch in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Gedanken darüber zu machen, wie man dem Trend einer gendergerechten Sprache begegnet. Während in vielen Privatsendern eine geschlechterspezifische Ansprache bereits entfallen ist und stattdessen mit allgemein gehaltenen Floskeln aus „Hallo“ und „Tschüss“ gegrüßt wird, tut man sich damit im „Ersten“ wohl noch schwer – was der scheinbar einmalige Versuch von Chefsprecher Jens Riewa in der „Tagesschau“ deutlich gemacht hat.

Obwohl das generische Maskulinum über Jahrhunderte überlebt und lange Zeit auf wenig Kritik gestoßen war, hat in den vergangenen Jahren die Diskussion um pluralistische Ausdrucksweisen an Fahrt aufgenommen. Wissenschaftler sind der Überzeugung: Wenn wir in der Sprache Geschlechtervielfalt bewusst ausdrücken, sollen gerade bei jungen Menschen die Synapsen im Gehirn davon profitieren und von frühem Alter an lernen, dass Diversität zur Normalität gehört.

Diesem hehren Ansinnen steht aber gleichsam die Notwendigkeit zur Verständlichkeit von Gesprochenem und Geschriebenem gegenüber. Inwieweit Texte mit Doppelpunkten, Sternchen und Binnen-I noch flüssig vorgetragen oder wahrgenommen werden können, ist fraglich. Viel eher gerät sie ins Stocken, lässt den Hörer und Leser letztendlich grübeln. Das mag nicht schlecht sein, animieren solche Pausen doch zum Nachdenken über die Sinnhaftigkeit von Genderisierung.

Gleichsam unterbrechen sie das gleichmäßige Vortragen oder Lesen und fördern Verständnisschwierigkeiten. Und so wird mit manch gutgemeintem Anliegen der Verweiblichung von Sprechweise und Formulierung eine Verrohung von deutscher Sprache betrieben. Dass die Würdigung der unterschiedlichen Geschlechter im 21. Jahrhundert notwendig ist und sinnvoll erscheint, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich auch „Duden“ und Sprachwissenschaftlicher mit merkwürdigen und eigentümlichen Sonderzeichen à la „:“ oder „*“ innerhalb von Worten überaus schwertun.

Zweifelsohne kann der maßvolle Einsatz des „-in“ als Kompromiss gesehen werden: Liebe Leserinnen und Leser, wir sollten und an eine Sprache gewöhnen und ihr Vorschub leisten, die Bürgerinnen und Bürger im Geschlecht würdigt, es aber bei Menschinnen und Menschen nicht übertreibt. Schließlich ist das Deutsche durch zahlreiche Baustellen gefordert: Noch immer bricht Marmor, Stein und Eisen – und verzichtet auf die Pluralform des zugehörigen Verbes.

Und nicht nur des Nachts ersetzen Nominativ und Dativ den Genetiv. Und ob sich ein Kasus, Numerus und Genus auf einen Interrogativartikel oder das Substantiv beziehen – das spielt ohnehin kaum noch eine Rolle. Wenn im Sprachgebrauch aus Kilogramm nur noch „kg“ und bei den Uhrzeiten aus 20 Uhr 15 lediglich 20 15 übrigbleibt, wird die deutsche Sprache zu einer Dauerbaustelle, der es an Aufmerksamkeit bedarf.

Dennis Riehle - 05:42:57 @ Gesellschaft

04.04.2022

Der Veggie-Burger als Feigenblatt…

Der Philosophische Laienarbeitskreis hat laut seines Sprechers, Dennis Riehle, folgende Stellungnahme erarbeitet:

„Nachhaltigkeit“ – das Wort wird in Zeiten von „Fridays For Future“ und einer zunehmenden Ökologisierung sehr inflationär gebraucht. Zunächst einmal kann man davon ausgehen, dass eine „nachhaltige Lebensweise“ perspektivisch und mit Weitblick ausgerichtet ist. Sie beschränkt sich aber nicht allein auf Aktionismus von Umweltschutz oder Klimabewegung. Viel eher ist neben dem Aspekt eines ressourcenschonenden Verhaltens gleichsam auch die Sinnhaftigkeit des persönlichen Tuns für Erfolg und Begründbarkeit von Nachhaltigkeit heranzuziehen. Es geht also nicht allein um die Generationenfrage.

Zwar haben wir als Menschen den Auftrag, die Welt auch an die Nachkommen lebenswert zu hinterlassen. Dieser moralische Motor kann einerseits aus der religiösen Überzeugung erwachsen, wonach uns der Erdball von einem Gott lediglich zur Bewirtschaftung geschenkt ist und auch morgen noch zumindest in „Second Hand“-Qualität übergeben werden soll. Daneben kann es die ethische Verpflichtung sein, mit einem übereigneten Gut prinzipiell nicht ausbeutend, sondern verantwortungsvoll umzugehen. Dies gebietet allein der über die Völker hinausgehende Grundsatz von Gerechtigkeit und Solidarität, weil wir dem Umstand ins Auge sehen müssen und dürfen, dass uns diese Welt nicht alleine gehört. Ob nun christliche oder humanistische Beweggründe für unser Agieren ausschlaggebend sind: Nachhaltigkeit tun wir in erster Linie für uns selbst. Denn wir stehen während unseres Hierseins in der Verpflichtung zu Bescheidenheit. Es geht nicht um die Frage, ob genügend für mich da ist, sondern ob das Vorhandene für uns alle ausreicht. Schlussendlich kommen wir nicht um die Tatsache umhin, dass wir eine Gemeinschaft von Milliarden sind, für deren Wohl auch ich selbst zu sorgen habe.

Abgesehen von der tugendhaften Notwendigkeit, sich zwischenmenschlich mitfühlend zu zeigen, hat das sich und Anderen gönnende Agieren auch ganz praktische Anreize: In einem Zeitalter der Arbeitsteilung könnten wir als isolierte Lebewesen überhaupt nicht existieren. Wir brauchen die Schaffenskraft und Innovation des Gegenübers, damit er für sich haushalten kann – und wir selbst nicht hilf- und mittellos sind. Das „Geben“ und „Nehmen“ ist eine allzu obligatorische wie sinnreiche Übereinkunft in einer Solidargemeinschaft, in die wir als Menschen nun einmal gesetzt sind – und aus der wir, aus durchaus guten Gründen, nicht entfliehen können. Dieser Zwang zur Zwischenmenschlichkeit mag abhängig machen und die eigene Freiheit zweifellos tangieren. Letztlich führt er aber auch zur Erkenntnis: Nachhaltiges Wirken heute ist nicht nur für die Menschen der Zukunft elementar. Auch für uns ist es gleichsam existenzsichernd und für die Sicherung des Weiterlebens der Menschheit unabdingbar, wenn wir mit dem Gegebenen sparsam umgehen. Denn mit der „Ich“-Bezogenheit der Gegenwart würden wir schnell auf verlorenem Posten stehen, denn das Fakt der Endlichkeit kann früher eintreten als gedacht.

Deshalb bedeutet Nachhaltigkeit schlussendlich auch, auf Bio-Lebensmittel, Windenergie oder Artenvielfalt nicht nur für ein besseres Gewissen zu setzen. Stattdessen geht es nicht um unser Ego, das wir aufhübschen können, wenn wir plakativ für erneuerbare Energien demonstrieren oder vegan essen. Ausnahmsweise geht es um etwas Größeres: Nachhaltiges Denken und Handeln lehrt uns Demut vor Schöpfung und der Selbstverständlichkeit des Verfügbaren und Verwertbaren, das wir leichtfertig verpulvern und verbrauchen, weil wir uns dessen Wert nicht bewusst sind. Ob nun durch Abholzung von Regenwäldern, Ausrottung von Elefanten, Zerstörung von Landflächen durch Krieg und Überdüngung, Nutzung von Braunkohle und kiloweises Verdrücken von Rindfleisch: Wir leben im Fokus der Kurzlebigkeit und sprechen uns übermenschliche Kräfte und Rechte zu, denn wir sind der Auffassung, dass wir die einzige Generation sind, der der Schatz der Erde zusteht. Nachhaltigkeit zu praktizieren, es ist daher vor allem ein ganz pädagogischer Auftrag, die menschliche Gier zu zähmen und das selbstzerstörerische Verhalten unserer eigenen Spezies nicht aus ideologischem Antrieb und weltanschaulicher Gepflogenheit einzudämmen – sondern, weil wir den transhumanistischen Reiz der Vollkommenheit und die scheinbare Unantastbarkeit des Menschen überwinden müssen. Denn ließen wir sie gewähren, ist schon bald „Schicht im Schacht“. Wir entziehen uns die Lebensgrundlage, weil wir nicht bis zum Übermorgen denken können und wollen. Es soll mir jetzt gutgehen, was interessieren mich die Rahmenbedingungen für das Dasein unserer Kinder.

Egozentrismus ist unser größter Feind, weshalb wir Nachhaltigkeit auch nicht als Monstranz auf Freitagsdemonstrationen vor uns hertragen und sie reflexartig, panisch und mit erhobenem Zeigefinger verordnen sollten. Ein Umdenken kann nur durch Einsicht gelingen, deshalb ist es unsere Aufgabe, tiefreichende Zusammenhänge zwischen der unmittelbaren Betroffenheit eines misanthropischen, flüchtigen Denkens und Wirkens klar zu machen und daneben auf den Mehrwert eines umsichtigen Handels jenseits des positiven Bewusstseins hinzuweisen. Nicht derjenige, der den sozial-ökologischen Wandel am lautesten ausruft, wird auch besonders authentisch nachhaltig leben. Im Gegenteil: Erst dann, wenn es selbstverständlich wird, den Regler der Heizung um zwei Punkte zu senken – nicht, weil es der Staat vorgeschrieben hat, sondern weil man auch mit 18 Grad Raumtemperatur zufriedenstellend wohnen kann –, ist Nachhaltigkeit zur Normalität geworden – ohne einschneidende Restriktion, sondern mit Verstand und Weitblick für das Machbare. Nachhaltigkeit ist überall dort möglich und notwendig, wo ein Weniger und Anders genügt, um zumutbaren Wohlstand für jeden erreichen zu können.

Dennis Riehle - 08:25:30 @ Gesellschaft

29.03.2022

Das Nötige tun, dem Möglichen widerstehen!

Leserbrief
zu: „Mehr Fortschritt wagen – Bündnis für Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit“, „Datenschutz Nachrichten“ 1/2022, S. 18ff.

Die noch recht neu im Amt befindliche „Ampel“-Koalition ist in nahezu allen Politikgebieten durchaus in der Lage, lange verschleppte Reformen endlich auf den Weg zu bringen. Denn sie verbindet im Gegensatz zu vorherigen Bündnissen verschiedene Flügel und Ideologien miteinander, die somit ein Handeln nicht nur auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner möglich machen, sondern tatsächlich weitreichende Transformationen anstoßen können. 

Dies gilt auch für den Bereich der Digitalisierung und des Datenschutzes: Mit dem Anteil der FDP als einer Verteidigerin der Freiheits- und Persönlichkeitsrechte einerseits, dem Anspruch der „Grünen“ zum Schutz der Bürgerrechte und der vermittelnden Position der SPD mit dem Wunsch nach einem angemessenen Spielraum des Staates zur Aufrechterhaltung von innerer Sicherheit und Reglementierung andererseits, sind zwar die Vorzeichen für schwierige Verhandlungen schon jetzt durchaus gesetzt. 

Allen beteiligten Parteien ist allerdings der Wert sensibler Daten von deutlich größerem Ansinnen als der bisher an der „Großen Koalition“ mitwirkenden CDU/CSU. Zweifelsohne hat man im Koalitionsvertrag recht, wenn beispielsweise die DSGVO als ein wesentliches Rüstzeug und als Rahmen für künftige Einzelgesetze angesehen wird. Gleichermaßen hat sich das Regelwerk auch Jahre nach seinem Inkrafttreten noch an vielen Stellen als wenig praxisnah herausgestellt. Die Diskussion darüber, wie größtmögliches Abschirmen von persönlichen Daten als grundgesetzlicher Auftrag mit dem Wunsch, das Leben durch Erfassung, Speicherung und den Austausch solcher Persönlichkeitsmerkmale einfacher gestalten zu wollen, erfordert insofern Feingefühl und muss abgewogen stattfinden. Denn die Offenherzigkeit der Menschen, mit ihren ureigenen Angaben immer öfter hausieren zu gehen und sie in sozialen Netzwerken einer breiten Öffentlichkeit unbedacht zur Verfügung zu stellen, ist tendenziell schon wieder rückläufig. 

Stattdessen haben die verschiedensten Skandale um die Zweckentfremdung von Daten durch Internetgiganten zu einem gesellschaftlichen Umdenken und einer neuen Selbstkritik in der Haltung der Bevölkerung gegenüber den eigenen Ansprüchen beigetragen. Zweifelsohne: Datenschutz muss an den geeigneten Stellen Hürden aufstellen, um in einer modernen Welt aus Datenfluten die missbräuchliche Nutzung sensibler Informationen auf ein vertretbares Maß zu reduzieren. Gleichsam dürfen Datenschutzgesetze gerade in heiklen und non-profitablen Bereichen nicht zu einer derart ausgeuferten Bürokratie führen, dass wirksames Arbeiten mit notwendigen Daten verunmöglicht wird. Und so sind Forderungen von Vereinen und gemeinnützigen Organisationen nach Entlastungen im Datenschutz nachvollziehbar. Unmissverständlich zurückgewiesen werden müssen dagegen Überlegungen auf europäischer Ebene, die Erfassung von biometrischen Komponenten weiter zu forcieren und deren Sammlung in Datenschutzbanken sogar zu zentralisieren. 

Ohnehin: In der Strafverfolgung und unter dem Vorwand der inneren Sicherheit darf es nicht zu weiteren Beschneidungen der persönlichen Integrität kommen. Im Zweifel muss das Verfassungsgericht dort auch künftig Grenzlinien ziehen, denn die Datensammelwut kann sogar auf die Meinung der Parteien übergreifen, die bislang als Bollwerk im Schutz vor dem gläsernen Bürger galten. Letztendlich hoffe ich, dass es sich die neue Koalition mit manch exekutiver Entscheidung, bei der es um die Daten von uns allen geht, deutlich schwerer tut als die „Durchwink“-Koalition aus Union und SPD der Vergangenheit, die viele Brüsseler Vorgaben unkommentiert passieren ließ. Dass Digitalisierung hilfreich sein kann, beweist die Lehre aus der aktuellen Corona-Pandemie deutlich: Wir hätten uns an vielen Stellen leichter getan und sicher manches Leben retten können, wenn Deutschland bereits stärker vernetzt gewesen wäre. Doch auch bei dieser Forderung darf es – wie bei jeder politischen Intervention – keine einfachen Antworten geben: Solange Datenverarbeitung im Verhältnis steht und überdies einer Mehrheit der Menschen zum unmittelbaren Nutzen ist, kann sie ein Segen sein. Gleichermaßen wird sie zum Fluch, wenn nicht mehr das Nötige zu ihrer Regulierung getan, sondern die Gier nach Machbarem selbstredend überwiegt.

Dennis Riehle - 11:21:20 @ Gesellschaft

11.03.2022

Ein „Danke“ ist heutzutage überbewertet!

Kommentar

Ich weiß nicht, ob es lediglich mir so ergeht: Unsere Gesellschaft des 21. Jahrhunderts befindet sich in einem massiven Wandel. Die Tendenz zu Narzissmus und Eigennutz scheinen erheblich gestiegen zu sein. Das Verteidigen der eigenen Rechte und Ansprüche mit Ellenbogen und Selbstverständlichkeit dürfte mittlerweile zum Tagesgeschäft jedes Einzelnen gehören. Man kann die Verrohung vieler Bevölkerungsteile nicht nur anhand der Zunahme von Gewalttaten gegenüber der öffentlichen Ordnung sichtbar machen. Viel eher hat sich auch die Etikette maßgeblich gewandelt.

„Früher“ noch war es gängig und gehörte zur Höflichkeit dazu, auf Mails oder Post zu reagieren. Heute bleiben wohl achtzig Prozent vom Gegenüber unbeantwortet. Wir haben keine Zeit mehr, uns mit Verbindlichkeit um soziale Beziehungen zu kümmern. Stattdessen pflegen wir unpersönliches Miteinander in immer neuen Kommunikationsmedien, Foren und Plattformen, die vor Verlogenheit und Wichtigtuerei nur so strotzen. Es geht uns allein um das „Ich“ – und wie wir es gegen den Rest der Welt durchsetzen können. Gleichermaßen sind Benimmregeln gänzlich in Vergessenheit geraten, ein „Bitte“ scheint aus dem Wortschatz umfänglich verschwunden zu sein.

Die Gereiztheit und Oberflächlichkeit sind nicht erst seit der Corona-Pandemie und des Ukraine-Krieges gewachsen. Der Umstand, dass wir offenkundig unter Dauerstress stehen, macht uns zu abgestumpften Wesen, denen selbst die grundlegenden Umgangsformen abhandengekommen sind. Die Verkürzung eines Gesprächs auf „LOL“, *freu* und sonstige Emojis trägt sicherlich auch dazu bei. Vieles, wofür man einst dankbar war, wird heute zu einer Normalität ohne jegliches Achselzucken. Erwartungshaltungen nehmen zu, aus Meinungen werden Rechte formuliert, auf denen man beharrt. Freundlichkeit und Zugewandtheit gehören der Vergangenheit an, die Stimmung im Land ist anders geworden.

Kurz angebunden zu sein und schnippisch, besserwisserisch und abgehoben zu reagieren, das gehört jetzt zum guten Ton. Argumente und Gründe zählen kaum mehr, viel eher hat die Rechthaberei die Oberhand gewonnen. Der Respekt vor einem pfleglichen Umgang miteinander hat keine Konjunktur mehr. Stattdessen steht derjenige hoch im Kurs, der sich polternd und lautstark zu Wort meldet. Die Anerkennung von anderslautenden Ansichten fällt immer mehr Menschen schwer, weshalb auch unsere demokratische Streitkultur ganz erheblich leidet. Doch was kann gegen diese Entwicklung getan werden? Letztlich reicht es manchmal, sich auf manch eine Lehre aus der Bibel zu besinnen: „Was du nicht willst, das man dir tut, füg’ auf keinem Andern zu!“.

Dennis Riehle - 11:38:27 @ Gesellschaft

03.03.2022

Psychosoziale Sprechstunde reaktiviert die Beratung für Flüchtlinge

Pressenotiz

Die ehrenamtliche Psychosoziale Sprechstunde in Konstanz nimmt ihre Mailberatung für Flüchtlinge wieder auf, nachdem zu erwarten ist, dass auch in der hiesigen Region Menschen aus der Ukraine ankommen werden und Unterstützung benötigen. Wie der Leiter des Angebots mitteilt, werde man insbesondere Psychologische Beratung und Seelsorge leisten, aber auch über die Ansprüche auf Sozialleistungen informieren, so Dennis Riehle. Er ist als Professioneller Berater ausgebildet und wurde im Sozialrecht zertifiziert. Zudem hat er eine Weiterbildung im Umgang mit Trauma und Traumafolgen. 

„Jetzt geht es darum, die bereits nach 2015 eingespielten Strukturen wiederzubeleben. Gerne will ich hierzu meinen Beitrag leisten und biete Hilfesuchenden eine Erstberatung an, sodass sie zumindest für den Anfang einen Überblick erhalten, wohin sie sich wenden können und welche Möglichkeiten zur Unterstützung für sie bestehen“, erklärt Riehle, der bereits vor sieben Jahren Asylsuchenden und Migranten beratend zur Seite stand und sich als Flüchtlingshelfer und in der Interkulturellen Kommunikation fortgebildet hat. 

„Ich bin mir sicher, dass wir als Gesellschaft mit einer überwältigenden Hilfsbereitschaft zeigen werden, wonach jeder Geflüchtete willkommen ist. Dieser Beitrag der Solidarität ist im Augenblick das Mindeste, was wir tun können“, zeigt sich Riehle überzeugt und verweist auf seine kostenfreie Beratung auf www.psychosoziale-sprechstunde.de. Datenschutz und Verschwiegenheit werden zugesichert, die Beratung kann auch anonymisiert in Anspruch genommen werden und steht sowohl den Flüchtlingen, aber auch in der Flüchtlingshilfe Tätigen überregional unentgeltlich bereit.

Dennis Riehle - 07:27:37 @ Gesellschaft

24.02.2022

Hemmungsloses Narrentreiben als Sinnbild einer Ich-Gesellschaft

Kommentar
zur Fastnacht in Kriegszeiten

Ich habe viel Verständnis für Brauchtum und Tradition. Gerade deshalb befürworte ich gleichermaßen, auch in Zeiten einer Pandemie nicht gänzlich auf Narretei zu verzichten. Doch wenn am Morgen eines beginnenden Krieges in Europa Wagen mit ohrenbetäubender Musik und Sprechchören durch die Straßen fahren und zur „Lebensfreude“ aufrufen, dann ist das ein Zeugnis von Geschmacklosigkeit.

Unbestritten hat man die Fastnacht – glücklicherweise – noch nie von Krisen und Katastrophen derart beeinflussen können, dass sie selbst in Phasen absoluten Säbelrasselns in der Welt auf die Verbreitung von Optimismus, Zuversicht und ein bisschen Lächeln verzichtet hätte. Ja, die fünfte Jahreszeit hat schon immer einen wichtigen Beitrag geleistet, um sich von irdischem Leid nicht derart in die Tiefe ziehen und zerbrechen zu lassen. Doch wenn man den Eindruck gewinnt, dass sich Karnevalisten hinter ihren Masken und Fröhlichkeit nicht nur vor der Realität zu verstecken versuchen, sondern gleichsam mit einer unangemessenen Art der Völlerei das Elend auf dem Globus negieren, ist dies eine Form der Respektlosigkeit und Ignoranz, die ich verurteile.

Fasching hat in der Vergangenheit zumindest auf Gegebenheiten Rücksicht genommen, indem man Aktivitäten und Trubel an die Realität anpasste. Gleichsam zeigt sich im Spiegel der Gesellschaft der 20er-Jahre im 21. Jahrhundert sehr eindrücklich, wonach zwischenmenschliche Sensibilität vollends an Bedeutung verloren hat und die individuelle Lust und Gier nach Spaß und Grenzenlosigkeit rote Linien des guten Geschmacks überschreitet und das Ellenbogen-Ich den Anspruch auf den eigenen Genuss jeglicher Solidarität mit Anderen voranstellt.

Niemand erwartet, dass wir angesichts noch so tragischer Bilder aus der Ukraine in eine kollektive Depression verfallen. Aber dass sich nicht nur in der Fastnacht immer öfter Empathielosigkeit über Verhältnismäßigkeit stellt, ist der klare Ausdruck einer zügellosen Zivilisation des Transhumanistischen, welche sich wohl nur durch das Erreichen einer eigenen Katharsis limitieren kann.

Ja, wir sollen und wollen auch in dunklen Stunden den Mut nicht verlieren und die Fastnacht als eine notwendige Zäsur im von Pein geprägten Alltag ausleben und uns von Wirklichkeiten zumindest für einen Moment ablenken. Ein Signal des Innehaltens kann sich aber auch anderweitig Bahn brechen als in sinnlosem und überschießendem Besäufnis und lautstarken Beats. Wo ist der Karneval geblieben, der trotz seiner Ausgelassenheit die Ernsthaftigkeit im Gedächtnis behielt und von Werten geleitet wurde?

Dennis Riehle - 07:17:31 @ Gesellschaft

23.02.2022

Philosophischer Laienarbeitskreis: „Assistierter Suizid betrifft nicht nur das Selbstbestimmungsrecht!“

Pressemitteilung
Kritische Einlassung zur Bilanz der Sterbehilfe-Organisationen – „Politische Intervention nötig!“

Der Philosophische Laienarbeitskreis (PLAK) reagiert mit einer Stellungnahme auf die Vorstellung der „Bilanz“ der Arbeit der Sterbehilfe-Organisationen im Jahr 2021. Wie der Sprecher des PLAK mitteilt, habe man sich im Zusammenschluss auf eine Erklärung geeinigt, die kritisch mit den am 21.02.2022 präsentierten Zahlen zum „assistierten Suizid“ umgeht. Dennis Riehle (Konstanz) macht sehr deutlich, wonach man mit Befremden auf die nahezu heroisch dargestellte Statistik blickt: „Auch nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts halten wir jegliche Form der Beihilfe zum Selbstmord für zweifelhaft. Unter dem Vorwand, ein humanes Sterben zu ermöglichen, versteckt sich hinter den knapp 350 Fällen, bei denen man im letzten Jahr assistiert hat, eine Bankrotterklärung gegenüber den modernen Formen einer Sterbebegleitung hin zu einem natürlichen Tod. Und auch der Eindruck, dass hier doch eine zumindest als gewerbsmäßig wahrgenommene Unterstützung beim Sterben geleistet wird, lässt sich aus unserer Sicht nicht gänzlich von der Hand weisen“, so der 36-jährige PLAK-Sprecher, der allerdings eindeutig festhält: „Auch wir setzen uns für Eigenverantwortung und Selbstbestimmung ein und begrüßen daher die grundsätzliche Tendenz des Karlsruher Urteils unbestritten“. Jedoch habe jeder Verein und jede Institution, die auf deutschem Boden handele, „einen eindeutigen Auftrag zur Erhaltung des Lebens als oberstes Ziel unseres Grundgesetzes“, sagt Dennis Riehle. „Es müssen zuerst alle Anstrengungen unternommen werden, Menschen mit den Möglichkeiten der heutigen Palliativmedizin, psychologischen Begleitung und seelsorgerlichen Unterstützung im Sterbeprozess beizustehen“.

Es gibt aus Sicht des Arbeitskreises nur wenige Ausnahmen, in denen ein assistierter Suizid ethisch zu rechtfertigen sei: „Nur bei unheilbaren Erkrankungen, die auf Dauer zu einem über das Maß des Erträglichen hinausgehenden Leidens führen, kann überhaupt erst über solch eine Option nachgedacht und eine von Menschen herbeigeführte Verkürzung des Lebens in Betracht gezogen werden“, so Riehle. Regelhaft gebe es dafür aber keine Beispiele, an denen man sich orientieren könne, denn es sei stets eine überaus individuelle Beurteilung des Einzelfalls notwendig, in die einerseits eine fachkundige medizinische und psychologische Bewertung mehrerer Sachverständiger, andererseits aber auch eine eindeutige Willensbekundung des Betroffenen im Zustand klares Bewusstseins einfließen müsse. „Schlussendlich kann die vorübergehende Absicht zum Suizid hierfür selbstverständlich nicht genügen“. Stattdessen sei jedes Bemühen notwendig, präventive Maßnahmen, Aufklärung und Beistand zur Ermutigung voranzutreiben. „Wir schlagen neben der schmerzlindernden und würdevollen Gestaltung des Lebensende-Prozesses daher eine schon frühzeitig beginnende Intervention vor, die gerade bei seelischen Erkrankungen dazu beitragen soll, Phasen der Überdrüssigkeit überwinden zu können. Exemplarisch denken wir hierbei an einen deutlich niederschwelligeren Zugang zu Psychotherapie und Hilfsangeboten durch psychosoziale Wegweiser, die Implementierung geschulter Suizidpräventionisten, eine breitflächige Ausweitung fachspezifischer Beratung (Familien, Soziales, Sucht, Schulden, Trauma…), Edukationskampagnen und „Lebensfreude“-Kurse (z.B. im Rahmen von BGM…) sowie eine Veränderung des Gesellschaftsklimas“, wie der PLAK formuliert. „Wir sind der Ansicht, dass eine gewisse Dimension an Last zum Leben dazugehört, das nicht vorschnell durch die zeitgeistige Option des assistierten Suizids umgangen werden sollte. Denn ein Selbstmord hat stets systemische Konsequenzen, welche auch die Freiheit von Anderen tangieren. Daher kann man sich nicht einseitig auf Art. 2 GG zurückziehen“.

Der PLAK vermisst im Agieren der Sterbehilfe-Organisationen diesen erweiterten Blick auf unsere Verfassung und sieht eine allzu starke Fokussierung auf die Entscheidungsgewalt des Einzelnen: „Insbesondere die Aussage, man wolle im Falle von politischen Reglementierungen für den assistierten Suizid erneut vor Gericht ziehen, macht für uns deutlich, dass es hier eher um den Selbstzweck geht, weniger um eine ethische Austarierung unterschiedlicher Aspekte“, meint Riehle, der darauf verweist, dass Karlsruhe dem Gesetzgeber ausdrücklich Spielraum gegeben habe, Hürden aufzustellen“. Dahingehend sei es auch legitim, dass darüber diskutiert würde. „Die ständige Androhung mit einem Gang vor das Bundesverfassungsgerichts entlarvt die beteiligten Organisationen eines zu mangelhaften Einsatzes für den Lebenserhalt“, erklärt der PLAK – und fügt an: „Ein Selbstmord kann nicht rückgängig gemacht werden. Jeder Entschluss muss daher von jeglichem lobbyistischen Einfluss frei bleiben. Debattiert man mit Menschen, deren Suizid gescheitert ist, weiß man um deren häufige Dankbarkeit für das Fehlschlagen ihres Versuchs. Denn oftmals fehlt es ihnen an der Darlegung des umfangreichen Hilfsangebots für scheinbar ausweglose Lebenssituationen und der Fertigkeiten des palliativen Hospizwesens in Deutschland, das einen verlassenen und qualvollen Tod in den allermeisten Konstellationen verhindern kann. Daher befürworten wir durchaus, dass das Parlament über geeignete Mechanismen nachdenkt, um den assistierten Suizid in geordnete Bahnen zu lenken und einer geschäftsmäßig anmutenden Verwirklichung von Sterbehilfe-Organisationen einen Riegel vorschiebt“, sagt Riehle – und führt abschließend aus: „Wir haben momentan nicht unbedingt die Vermutung, wonach man in diesen Institutionen den Selbstmord als letztes Mittel ansieht. Das muss sich ändern“.

Hinweis: Wenn Sie unter suizidalen Gedanken oder Absichten leiden, kontaktieren Sie die Notrufnummer 112 oder wenden Sie sich an die nächstgelegene Psychiatrie oder die Telefonseelsorge unter 0800/1110111.

Dennis Riehle - 09:22:13 @ Gesellschaft

01.01.2022

Umdenken ausnutzen!

Leserbrief
zu: „Haftstrafe in USA um 100 Jahre verringert“, „t-online.de“ vom 31.12.2021

Protest aus der Bevölkerung und von Prominenten hat die amerikanische Justiz nun dazu bewegt, ein umstrittenes Urteil für einen Unfallfahrer von 110 auf 10 Jahre zu reduzieren. Schon allein der Umstand dessen, dass in den USA wohl zeitlich nahezu unbegrenzte Haftstrafen möglich sind, macht sehr deutlich, dass ein solches Rechtssystem nicht von einer für eine Demokratie notwendigen Verhältnismäßigkeit geprägt sein kann. Auch der Resozialisierungsgedanke geht vollends verloren, denn hinter solchen Beschlüssen wie dem anfänglichen steht allein die blinde Wut und der Grundsatz „Auge um Auge“. Hier geht es nur darum, Menschen wegzusperren und sie lebenslang aus dem Verkehr zu ziehen. 

Dieser Anspruch passt nicht zu einem Land, das für sich westliche Standards in Anspruch nimmt. Dass der bürgerliche Widerstand nun offenbar auch bei manchem Politiker zu einem Umdenken geführt hat, sollte auch dafür ausgenutzt werden, sich der Todesstrafe als inhumanem Bestrafungsmittel endgültig zu entledigen. Der Staat ist nicht in der Position eines Henkers, ihm obliegt es, Straftäter zu Einsicht und Reue zu bewegen und sie in ein gewaltloses Leben zurückzuführen. 

Das kann nur gelingen, wenn er vom Ansinnen geleitet ist, menschliche Haftbedingungen zu schaffen und von den Tod bringender Quälerei durch Injektionen oder weiteren Grausamkeiten Abstand zu nehmen. So, wie in Verbrechern die Buße reifen muss, sollten sich auch die Vereinigten Staaten der Unsinnigkeit ihres derzeitigen Rechts- und Strafvollzugswesens bewusst werden. Seelenfrieden für Opfer und Hinterbliebene erreicht man nicht durch Rache, sondern lediglich durch ein Eingeständnis von Schuld und Läuterung eines Verurteilten und seiner Bereitschaft zur Rückkehr in ein sündenfreies Dasein. 

Es sollte nun allen Demokraten obliegen, die USA auf den rechten Weg einer vernünftigen Justiz zu leiten. Überdies: Auch in europäischen Gefängnissen mangelt es an Menschenwürde. Zwar kennen die meisten Länder auf unserem Kontinent ein differenziertes Bestrafungssystem. Doch auch hierzulande bedarf es einer dringenden Weiterentwicklung des Justizvollzugs – denn die Praxis zeigt uns, wonach Haftanstalten überall in der Welt in ihrer jetzigen Form Brutstätte neuen Unrechts sind.

Dennis Riehle - 07:35:12 @ Gesellschaft

31.12.2021

No same procedure again!

Gedanken zum Jahreswechsel 2021/2022

Es ist das zweite Silvester, das wir unter Corona-Bedingungen verbringen. Wieder starke Kontakteinschränkungen, erneut ohne Feuerwerk und die Party kann nicht stattfinden. Der Start nach 2022 wird also deutlich ruhiger ausfallen, als wir das aus der Vergangenheit gewohnt sind. Dennoch beklagen wir uns auf einem hohen Niveau. Immerhin müssen wir sehen, dass die Worte von Erich Kästner diesmal eine ganz praktische Bedeutung bekommen: „Wird’s besser? Wird’s schlimmer? fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich!“ – Unsere Ausgelassenheit könnte bei einem Altjahresabend ohne Rücksichtnahme wirklich manch einen von uns auf die Intensivstation bringen – nicht wegen Trunkenheit, sondern wegen Omikron!

Viele in der Gesellschaft haben die Pandemie satt. Und die Aussicht, dass das neue Jahr nochmals eine Steigerung der Dramatik bringen könnte, macht uns mürbe und ratlos. Trotzdem lassen uns „Boosterungen“ und die Verantwortlichkeit einer großen Mehrheit der Menschen doch hoffen – und vielleicht können wir in das Zitat des Komikers Oliver Kalkhofe einstimmen: „Uns allen wünsche ich, dass das nächste Jahr nur halb so bescheuert wird wie dieses“.

Wenn wir uns letztlich klarwerden wollen, dass eine Katastrophe von nahezu apokalyptischem Ausmaß trotz aller Widrigkeiten und des Elends, das wir in Krankenhäusern und in den ärmsten Regionen der Erde mit ansehen müssen, immernoch für die meisten von uns lediglich eine minimale Beeinträchtigung jenes Lebensstandards bedeutet, den die meisten Generationen vor uns nie erleben konnten, sollten wir beispielsweise auf Zeiten blicken, in denen es tatsächlich um das große Ganze ging. Dietrich Bonhoeffer schrieb in seinem letzten Lied zum Jahreswechsel, welches er noch vor dem Tod unter dem Nazi-Regime zu Papier bringen konnte, unter anderem folgende Worte: „Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern des Leid, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand“ (EG 65.3 – Evangelischer Presseverband für Baden e.V. (1995): Evangelisches Gesangbuch. Ausgabe für die Evangelische Landeskirche in Baden, Karlsruhe: 1. Auflage).

„Von guten Mächten“ – dieses Kirchenlied wird in den protestantischen Gemeinden an Silvester gesungen, weil es deutlich macht, dass wir auch mit dem Blick ins Ungewisse von morgen, diesem neuen Jahr, das vor uns steht, Vertrauen haben können. Egal, ob diese Zuversicht nun in einem Gott fußt oder in einer anderen Kraftquelle. Gerade in der Covid-Epidemie macht uns die Perspektive große Sorgen, dass wir gar nicht mehr aus der Endlosschleife herauskommen mögen. Unser Zähneklappern ist angesichts dessen, was Bonhoeffer bevorstand, aber äußerst relativ. Schlussendlich war dem Widerstandskämpfer klar, dass er ermordet würde. Und dennoch hatte er zumindest in seinen Liedzeilen keine Angst, sondern war sich gewahr, die bevorstehende Bürde anzunehmen – und mit Dankbarkeit zurückzublicken, mit Hoffnung gleichsam nach vorne. „Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen“ (Strophe 5) hat Bonhoeffer zwar gänzlich anders gemeint, aber sein Vers kann auf die heutige Zeit übertragen werden: In Momenten der Seuche ist von uns Zusammenhalt gefordert – und nicht ein Kleinklein der Unannehmlichkeiten, über die wir uns aktuell beschweren. Viel eher macht uns der gläubige Christ 1944/1945 deutlich, dass wir „getrost warten können, was kommen mag“ (Strophe 7).

Diese Gelassenheit war ihm wohl nur deshalb möglich, weil er sich der Endlichkeit klar war. Etwas, was uns in unseren Dekaden sichtlich schwerfällt. Wir verleben jeden neuen Tag, als gäbe es unendlich viele von ihnen. Und auch die Jahre vergehen ohne Bewusstsein, wonach sie nicht unzählig sind. Jochen Klepper schrieb 1938 ebenfalls in einem Lied zur Jahreswende (EG 64.4): „Der Mensch ahnt nichts von seiner Frist“. Ja, unsere Silvesterfeiern haben Konzept, mittlerweile sogar Corona-Routine. Wiederkehrend begehen wir den Übergang von einer Periode in die nächste ohne Wahrnehmung ihrer Einzigartigkeit. Wie viele Dinge in unserem Dasein zur bloßen Wiederkehr degradiert und damit zur Normalität erklärt werden, obwohl sie eigentlich etwas Besonderes sind, macht der Silvester-Klassiker „The same procedure as every year“ deutlich. Allein der Umstand, dass Millionen Zuschauer sich diesen Sketch jedes Jahr wieder im Fernsehen anschauen wollen, unterstreicht sehr eindrücklich, dass wir der Gleichförmigkeit und dem Alltagstrott verfallen und gegenüber der Wundersamkeit des Neuen vollends abgestumpft sind.

Bonhoeffer und Klepper konnten in existenzieller Notlage, die weit über die Eskalation der momentanen Corona-Lage hinausgeht, Genügsamkeit finden und mit dem Leben Frieden schließen, weil sie sich die Vergänglichkeit vor Augen geführt haben. Denn nur dann ist es auch für uns möglich, aus dem Hamsterrad auszubrechen und „uns böser Tage schwere Last“ (EG 65.2) entsprechend ohne Groll und Verzagen anzunehmen. Nein, das hat nichts mit einer etwaigen Todessehnsucht zu tun – im Gegenteil. Wenn wir um ein Ende in der näheren oder weiteren Ferne wissen, dann gelingt es uns viel leichter, das Hier und Jetzt zu würdigen und zu genießen. Solange wir in der Eintönigkeit der immer gleichen Vorsätze für das neue Jahr festhängen, verwehren wir uns eines Durchstartens in einen tatsächlichen Neuanfang. Nein, es braucht eben nicht „the same procedure as last year“. Viel eher sollten wir es wagen, die Prozedur zu durchbrechen und die Leier vom kiloweisen Abnehmen, weniger Alkohol Trinken und mehr Sport Treiben in 2022 durch etwas Mutigeres, Innovativeres ersetzen. Es ist dabei auch nicht verwerflich, sich zumindest ebenso für einige Minuten im neuen Jahr aus der medialen, politischen und gesellschaftlichen Tretmühle von Corona, Krankheit und Krise auszuklinken.

Christian Morgenstern hat das Zitat geprägt: „Wir brauchen nicht so fortzuleben, wie wir gestern gelebt haben. Machen wir uns von dieser Anschauung los, und tausend Möglichkeiten laden uns zu neuem Leben ein“. Finden wir also neue Formen der persönlichen Erfüllung und nehmen wir uns Werte für 2022 vor, die nicht nur den eigenen, oberflächlichen Anschein wahren sollen, sondern stattdessen mit Solidarität verbunden sind. Das ist in Phasen der Pandemie nicht nur ein Trend und Kult, sondern auch ein Gewinn für das persönliche Dasein. Ob es nun der Vorsatz ist, mit mehr Achtsamkeit durch die Zeit zu gehen – und damit nicht nur unsere Umwelt bewusster wahrzunehmen und die Schönheit der irdischen Existenz zu spüren, sondern auch befähigt zu sein, Missstände von Anderen zu erkennen und Mitgefühl zu zeigen. Oder vielleicht ein bisschen mehr Nachhaltigkeit. Nicht im Sinne einer ideologisierten Kasteiung, sondern eines bewussten Verzichts von Luxusgütern, die uns von der Wesentlichkeit der Gegenwart ablenken und gleichsam dafür sorgen, dass unsere Welt ungerechter und ausgebeutet wird. Oder auch ein Plus an Bescheidenheit und Zufriedenheit, welche uns deutlich machen, dass wir auch dann im Wohlstand und in Freiheit leben, wenn vorübergehend manch ein Grundrecht eingeschränkt ist und wir statt des Besuchs im Nobelrestaurant oder in der abendlichen Diskothek wieder einmal ein Buch zur Hand nehmen oder eine CD auflegen – und uns an der Schlichtheit des Glücklichseins erfreuen können. In jedem Fall gilt: Machen wir es anders als sonst, denn nur Veränderung rüttelt wach und erdet – und macht das Hiersein zu mehr denn nur Gewohnheit…

Dennis Riehle

Dennis Riehle - 07:44:46 @ Gesellschaft

27.12.2021

Vor der eigenen Haustür kehren…

Leserbrief
zu: „Stoße mich daran, dass kleine Richterlein sich hinstellen und 2G im Einzelhandel kippen“, „WELT“ vom 27.12.2021

Ja, in einer Demokratie darf man Gerichtsurteile kritisieren. Gleichsam ist die Unabhängigkeit der Justiz eines der höchsten Güter, die wir als gewachsener Freiheitsstaat zu verteidigen haben. Deshalb ist es vollkommen richtig, dass Minister Buschmann dem Weltärzte-Präsidenten diesen Umstand nach dessen Kritik an Entscheidungen deutscher Richter über die Zulässigkeit von 2G-Regeln nochmals deutlich vor Augen hält. 

Der Respekt vor unserem Rechtsstaat gebietet es ausdrücklich, auch Beschlüsse anzunehmen, die man aus Sicht eines Mediziners in der derzeitigen Lage nicht verstehen kann. Doch es liegt nicht zuletzt an der Inkonsistenz der Meinungen aus Montgomerys Zunft, dass Beschränkungen aufgehoben werden. Letztlich ist die Rechtsprechung auf die fachkundige Expertise angewiesen, die sich gerade in diesen Tagen als sehr unstet erweist. Weder Epidemiologen, noch Infektiologen sind sich über das pandemische Geschehen einig. 

Worauf soll sich ein fachfremder Jurist schlussendlich stützen, wenn nicht einmal Intensiv- und Hausärzte die Lage einhellig beurteilen? Gleichsam macht die Individualität der Urteile deutlich, dass sich Gerichte mit großer Besonnenheit und Differenziert mit der Frage und Abwägung der Einschränkung von Grundrechten und den der jeweiligen Regionalität verhältnismäßig angepassten und notwendigen wie vertretbaren Maßnahmen auseinandersetzen, die manche Teile der Politik im Gießkannenprinzip verteilen. Richter haben zu prüfen, ob der Staat angemessene Schritte ergreift, um die Bevölkerung einerseits zu schützen – und andererseits die Freiheitsrechte jedes Menschen so weit wie möglich aufrechtzuerhalten. 

Dass sich manch ein Arzt aus seiner Perspektive heraus beständig härtere Einschnitte wünscht, mag für ihn nachvollziehbar sein. Gleichermaßen hat er dann aber auch zu akzeptieren, dass es Aufgabe der Justiz ist, gewissem Aktionismus Einhalt zu gebieten. In der Manie der vierten Welle und des bevorstehenden Überwiegens der Omikron-Variante sind viele Forderungen überzogen und ideologisch-wissenschaftlich aufgeladen. Es braucht Instanzen, die verhindern, dass sich Politiker zu Getriebenen der Panikschieber machen und in ihrem Gestaltungsspielraum oftmals über die Stränge schlagen. 

Montgomery täte gut daran, vor der eigenen Haustür zu kehren. Denn auch seine Verlautbarungen sind von dauernder Reflexhaftigkeit geprägt. Doch sie hilft uns nicht weiter. Während viele Ärztevertreter den Menschen eine Impfpflicht aufbürden möchten, so verschreiben die Gerichte einigen Mahnern und Warnern dieser Tage Besonnenheit und Bedacht. So funktioniert ein Verfassungsstaat – und ich bin froh darüber.

Dennis Riehle - 11:35:23 @ Gesellschaft

16.12.2021

Diktatur-Vergleiche hinken (fast) immer…

Leserbrief
zu: „Die Impfpflicht ist eine verfassungswidrige Anmaßung des Staates“, „WELT“ vom 02.12.2021

Der frühere SPD-Bundesminister Schily lässt mit einer Äußerung aufhorchen: Nicht einmal im autoritären China gibt es eine allgemeine Impfpflicht, sagt er – und bezeichnet die angedachte Regelung für Deutschland als „unverantwortlich“ und „anmaßend“. Auch ich habe mich als Betroffener einer anhaltenden Impfkomplikation lange Zeit skeptisch gezeigt, ob solch ein Schritt in der Bundesrepublik verfassungsgemäß und gleichsam sinnvoll wäre. Nicht nur die Endlosschleife des Corona-Virus und die dramatischen Ausmaße der vierten Welle haben mich jedoch umdenken lassen: 

Was zunächst wie ein staatlich verordneter Druck aussehen mag, ist letztlich der einzige Weg, damit wir gemeinsam wieder unabhängiger leben können. Freiheit gibt es nicht ohne Solidarität, weshalb eine verpflichtende Impfung aus meiner heutigen Sicht unabdingbar ist, um die Pandemie irgendwann einmal hinter uns lassen zu können. Niemand wird bei der Impfpflicht in die Arztpraxis gezerrt werden. Allerdings wäre das Gebot zur Immunisierung bei Nichtbeachtung wohl mit einem Bußgeld verbunden. Jedoch verstehe ich solch eine Konsequenz nicht als Ausdruck eines Zwangs, sondern als klares Signal an unsere Gesellschaft zum Zusammenhalt. 

Natürlich kann man Gesundheit nicht verordnen. Trotzdem wäre eine Impfpflicht eine Mahnung für alle jene, die bis heute den Ernst der Lage nicht verstanden haben: Es geht in der Frage um einen Schutz vor dem Virus nicht nur um unsere eigene Unversehrtheit, sondern auch um die Verantwortung gegenüber Anderen und insbesondere dem Personal im medizinischen und pflegerischen Gesundheitswesen. Wir leben in einem Sozialstaat, in dem es das Grundgesetz nach meiner Auffassung nicht nur zulässt, sondern gar gebietet, dass der Einzelne in der Abwägung seine Souveränität dem Gemeinwohl und dem Leben von Vielen unterordnet. 

Ich bin aber auch dafür, dass die allgemeine Impfpflicht Ausnahmen kennen muss: Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen und Immundefiziten müssen das Recht besitzen, nach eingehender Aufklärung und Beratung durch entsprechende Fachärzte die Immunisierung zu verweigern. Denn im Gegensatz zum Robert-Koch-Institut gehe ich davon aus, dass ein deutlich größerer Personenkreis zu dem Klientel gehört, für das das Risiko einer schwerwiegenden Impfnebenwirkung nicht im Verhältnis zum Nutzen der Impfung steht. Insofern wünsche ich mir von der Politik zwar ein entschlossenes, aber durchaus differenziertes Vorgehen – und keine demokratischen Vergleiche mit Diktaturen.

Dennis Riehle - 09:30:28 @ Gesellschaft

Wahrhaftigkeit oder Spiel?

Leserbrief
zu: „Verzicht auf bewaffnete Drohnen erhöht ‚Risiko der Truppe‘“, „FAZ“ vom 02.11.2021

Es hätte mich sehr gewundert, wenn der Befehlshaber für die Auslandseinsätze nicht irgendwann mit der Aussage auf sich aufmerksam gemacht hätte, wonach er für die Truppe bewaffnete Drohnen fordert. Deshalb ist seine aktuelle Einlassung wenig verwunderlich, aus pazifistischer Sicht aber gleichsam inakzeptabel. Wenngleich die Argumente mittlerweile ausgetauscht sein dürften, bleibt die ethische Frage gestellt. In Zeiten von nicht-analogen Konflikten muss sich die Menschheit ohnehin mit ganz grundsätzlichen Aspekten befassen: Sollen, können und dürfen wir alles, was möglich ist, auch tatsächlich umsetzen? 

Wann ist die Gefahr zu hoch, dass uns die menschenerschaffene Technik und Digitalisierung selbst übermannt? Und welche Grenzen des Transhumanismus dürfen wir allein aus moralischen Gründen nicht überschreiten, um uns vor den Folgen unseres eigenen Handelns zu bewahren? Würde diplomatische Völkerverständigung gelingen und die Vernunft des Menschen funktionieren, bräuchten wir uns um Kampfdrohnen keinerlei Gedanken machen. Doch allein das Beispiel der Atomkraft zeigt, dass Ideologien und Machtbestrebungen jeglichen Verstand außer Kraft setzen und zunächst für friedliche Verwendung gedachte Mittel zweckentfremdet werden. 

So ist es auch im aktuellen Beispiel: Diese fliegenden Objekte können für die Zivilisation eine wichtige Erleichterung bringen. Doch je weiter sich der Mensch von seiner Naturbeschaffenheit entfernt und zwischen den Urzustand und sich selbst immer weitere Mechanik setzt, umso mehr verliert er das Gespür für die Auswirkungen seines Agierens. Wer aus weiter Entfernung Drohnen lenken und mit einem einzelnen Knopfdruck Tod bringen kann, dürfte im Zweifel schon allein deshalb zum Waffengebrauch bereit sein, weil er vor dem Bildschirm jegliche Empfindung für die Realität verliert. 

Das machen Verhaltensbeobachtungen gerade bei jungen Personen, die unter exzessivem und nahezu suchtartigem Gaming leiden, überaus deutlich. Wir kommen dann nicht umhin, uns in eine Scheinwelt zu begeben und den Kontakt zur Wirklichkeit zu verlassen. Damit entfällt auch jegliches Gefühl der Sittlichkeit und der Respekt vor dem tatsächlichen Leben. Es wird auch dem erfahrenen Militär nicht gelingen, den nötigen Abstand zu wahren und die gebotene Zurückhaltung zu üben. Dafür würde es dem in der Einsatzzentrale sitzenden Bundeswehrangehörigen mithilfe der Idealisierung des Hybriden zu leicht gemacht, bei Bedarf den Gegner per Mausblick zu eliminieren. 

Unabhängig vom Faktum, dass gerade in einer flexibilisierten Zukunft der Dialog gegenüber einem vorschnellen Kriegseinsatz ohnehin an Bedeutung gewinnen muss und Gewalt als Mittel zur Lösung von Krisen geächtet werden sollte, wird die Wertegemeinschaft nicht umhinkommen, sich auf ihre Verantwortung zu besinnen und unser Dasein nicht zu einem Spiel verkommen zu lassen.

Dennis Riehle - 09:22:18 @ Gesellschaft

Kaputte Menschen helfen niemandem…

Leserbrief
zu: „Berufungsverfahren im Fall Assange: Das letzte bisschen Hoffnung“, „taz“ vom 30.10.2021

Ob es unerträgliche Bilder der Missstände aus französischen Gefängnissen sind, der brutale Drill in Vollzugseinrichtungen der USA oder die aktuell wiederum sichtbar gewordenen Auswirkungen der Inhaftierung von Assange: Wir müssen zur Erkenntnis gelangen, dass der Strafvollzug in seiner bisherigen Form menschenrechtlich im 21. Jahrhundert nicht mehr zu rechtfertigen ist. Zahlreiche Erfahrungen haben belegt, dass der Resozialisierungsgedanke mit dem Einsperren in Zellen nicht zu erreichen ist. Im Gegenteil: „Schwedische Gardinen“ bringen Gewalt und Zwietracht, Radikalisierung und Ausgrenzung sowie psychische und körperliche Verkümmerung mit sich. 

In den seltensten Fällen wird das Ziel erlangt, das sich manch ein Justizpolitiker bis heute ausmalt: Geläuterte Verbrecher, die in der Haft auf den rechten Weg zurückgekehrt sind. Gefängnisse befördern kriminelle Energie, weil sie Bandenmäßigkeit unterstützen und zu andauerndem Selbstschutz nötigen. Jahrelanges Leben in einem abgeschotteten Raum, in dem sich im Zweifel gegenseitige Reibereien zwischen den Insassen zu einer ungünstigen Solidargemeinschaft entwickeln, läuft jedweder anthropogenen Bestimmung entgegen und erzeugt deshalb zwangsweise eine Verhaltensänderung im negativen Sinn. 

Andauernde Oktroyierung lassen Menschen emotional verrohen und begünstigen ein weiteres Abrutschen in die Straffälligkeit. Und auch dem Ansinnen der Reue, Buße oder Sühne wird kein Gefallen getan, weil eine erzwungene Einsicht weder glaubwürdig, noch beständig ist. Das Rufen nach „Auge um Auge“ mag aus Sicht von Opfern verständlich sein, es führt aber keineswegs zu (Rechts-)Frieden. Immerhin kann Vergebung nur dann geschehen, wenn ein Ausgleich zwischen Täter und Geschädigtem gelingt. Mit einem Einkerkern mag ein Straffälliger zwar aus dem Sinn sein; seine Rückführung in die Gesellschaft wird aber mit größter Wahrscheinlichkeit misslingen. 

Niemandem ist geholfen, wenn Täter zu kaputten Menschen werden. Deshalb ist es angezeigt, dass sich die Zivilisation mit der Frage beschäftigt, wie Gerechtigkeit aussehen kann – ohne die Haft in ihrem bisherigen Verständnis. Nein, das ist kein Plädoyer für Straflosigkeit, sondern eine andere Form der Ahndung. Konzepte und Vorschläge gibt es reichlich – wie die Auferlegung von sozialer Arbeit bei leichteren Delikten, den Einsatz von Fußfesseln oder den Hausarrest. Daneben sollte zwingend darauf hingearbeitet werden, die psychologische Unterstützung von Straffälligen auszuweiten, Prävention zu verstärken und den Dialog zwischen Schädigendem und Geschädigtem zu forcieren. Das mögen zwar in vielerlei Hinsicht noch utopische Ideale sein. Wenn wir dem Anspruch an eine humanitäre Bestrafung aber mit Ernsthaftigkeit vorantreiben wollen, dürfen wir nicht auf die Parolen am Stammtisch lauschen, der von der Realität in Gefängnissen keine Ahnung hat. Versöhnung muss die Errungenschaft des modernen Rechtswesens werden.

Dennis Riehle - 09:20:45 @ Gesellschaft

Im Zweifel: Enteignungen

Leserbrief
zu: „Keine Industriebetriebe: Ärzte für neue Klinikfinanzierung“, „FAZ“ vom 01.11.2021

Die Corona-Pandemie hat auf dramatische Weise deutlich gemacht, wie sehr wir unser Gesundheitssystem kaputtgespart haben. Auch wenn es weiterhin eines der besten in der Welt ist, zeigen der Überlebenskampf vieler Kliniken, der verkümmerte Pflegeschlüssel in der stationären Versorgung oder das völlig realitätsfremde Pauschalisierungssystem in der Vergütung den politischen Irrsinn der letzten Jahre und Jahrzehnte auf. 

Dass die Krankenhauslandschaft zugunsten von immer weiter spezialisierten Fachzentren ausgedünnt wird, ist ebenso wenig zielführend wie die Annahme, dass ein Klinikum „rentabel“ sein muss. Der seit langem andauernde Trend, Gesundheit kommerzialisieren zu wollen, ist eine beängstigende Entwicklung angesichts der knappen Intensivbetten in der Covid-19-Krise und dem wachsenden „Drehtür-Effekt“: Wenn Patienten aus Kostengründen frühzeitig entlassen werden und am nächsten Tag wegen neuer Beschwerden aber neu vorstellig sein müssen, wirft dieses für den Betroffenen stressreiche und durchaus gefährliche Prozedere mehr Gewinn ab, als wenn er sich lange genug auf Station kurieren würde. 

Dieser Perversion zeigt deutlich auf: Das Gesundheitswesen muss endlich wieder in die öffentliche Hand zurück. Es ist die grundgesetzlich geschützte Aufgabe des Staates, Daseinsvorsorge zu leisten und den Bürger vor Krankheit zu bewahren. Aus diesem Verfassungswort leitet sich die unmittelbare Notwendigkeit ab, jegliches Profitstreben in der stationären Behandlung zu beenden und im Zweifel durch enteignende Maßnahmen zu gewährleisten, dass Einrichtungen des Gesundheitssystems zurück in die hoheitliche Verantwortung der Länder übertragen werden. 

Perspektivisch muss gesichert bleiben, dass jeder Bürger in Deutschland innerhalb von 15 Minuten in einem Krankenhaus sein kann – und in maximal 30 Kilometer Entfernung zumindest eine Klinik der Zentralversorgung mit fachmedizinischen Abteilungen erreicht. Bundespolitisch braucht es darüber hinaus eine Abwendung von der Subventionierung der privatwirtschaftlichen Gesundheitsanbieter und ein Eintreten für die krankheits- und personenindividuelle Bezahlung der tatsächlichen Aufwände von stationären Einrichtungen. Daneben ist die Überarbeitung der Personalverteilung, die attraktivere Berufsgestaltung, eine gesteigerte Entlohnung für Pflegekräfte und der Ausbau der sektorenübergreifenden Versorgung angezeigt.

Dennis Riehle - 09:19:56 @ Gesellschaft

Todesstrafe: Billig, feige und naiv

Leserbrief
zu „Mörder stirbt nach 21 Minuten Todeskampf“, „BILD“ vom 29.10.2021

Viele Opfer von Gewalttaten haben oftmals nur eine einzige Forderung: Genugtuung. Dass sich hinter dieser zunächst verständlichen Emotion nicht selten der Wunsch nach Rache versteckt, machen nicht nur Parolen an Stammtischen deutlich. Populistische und polemische Rufe nach Gerechtigkeit im biblischen Sinn: „Auge um Auge“ – solch ein Verständnis von Bestrafung ist mit einem aufgeklärten Rechtssystem nicht mehr vereinbar. 

Wenngleich es jeder menschlich nachvollziehen mag, dass Geschädigte ihren Peinigern nicht selten den Tod an den Hals wünschen mögen, bleibt das bestialische und grausame Verurteilen zum Ableben durch Giftspritze, Erschießung oder den Henker ein Relikt des Mittelalters, als die Sozialisation des Menschen noch nicht derart fortgeschritten war, dass Reue, Sühne und Buße in den Wortschatz der Gesellschaft Eingang gefunden hatten. Man entledigte sich derjenigen, die schlimmste Taten begangen hatten – sparte damit Geld und Personal. Letztendlich schien man auch weite Teile der Bürger dabei hinter sich zu haben, denn von einer unantastbaren Würde, die jedem Menschen zuteilwird, wusste man damals noch nichts. 

Und auch heute haben viele Länder dieser Erde weiterhin nicht begriffen und verinnerlicht, dass es einem demokratischen Justizwesen wohl keinesfalls gut zu Gesicht steht, wenn sich der Staat nicht nur moralisch auf die Ebene von Tätern stellt. „Aus den Augen, aus dem Sinn“ – so vermag mancher Politiker extremistischer Parteien denken, die nichts davon halten, eine zweite Chance zu geben und wiedereingliedern zu wollen. Da sind Straftäter stigmatisiert und gebrandmarkt, werden weggesperrt und liegen dem Steuerzahler allzeit auf der Tasche. Zweifelsohne mag man sich fragen, ob der Tod einem solchen Dahinvegetieren nicht sogar vorzuziehen wäre. Dennoch rechtfertigt im 21. Jahrhundert nichts länger die Todesstrafe, weil sie letztlich ein Ausdruck von Dummheit und Einfältigkeit ist. Denn es mag leicht sein, aus einem Miteinander jene zu sieben, die aus Sicht der Proleten und aus der Engstirnigkeit von Hetzern heraus nichts anderes verdient haben, als für ihre Taten mit dem Ende des irdischen Daseins bezahlen zu müssen.

Machtausübung und Härte – der Staat soll zeigen, dass auch er in der Lage ist, über Menschenleben bestimmen zu können. Allerdings ist genau das nicht seine Aufgabe. Denn er ist als rechtsstaatliche Institution und Behüterin der Verfassung schon deshalb nicht dazu ermächtigt, seinen Bürgern nach der Existenz zu trachten, weil er als letzte Instanz für diese Vergeltung nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden kann. Außerdem besitzt er aus ethischer Perspektive die Verpflichtung dazu, friedenstiftend zu wirken und dabei allseits bewahrend vorzugehen. Denn wir wissen darum, dass die Todesstrafe höchstens kurz befriedigt, ehe die Skrupel aufkommen, ein weiteres Leben unnützerweise genommen zu haben. Schließlich zerstört sie nur ein zusätzliches Dasein, die Abgeltung verschwindet nach wenigen Augenblicken wieder – weil nun keine Chance mehr besteht, ein Verbrechen unter Nutzung aller Synergien dialogisch aufzuarbeiten. 

Die Todesstrafe verhindert jegliche Buße und verabsolutiert den Staat zum Souverän. Diese Umdrehung des demokratischen Verständnisses der Gegenwart befähigt weltliche zur unirdischen Gerichtsbarkeit. Das ist eine Anmaßung und lässt jede Zivilisation tief sinken, weil sie somit ihren humanistisch erworbenen Normen selbst nicht mehr standhalten kann. Mit dem Sterben eines Sträflings wird kein Opfer je wieder lebendig. Allein als Gegenschlag Verurteilte zu opfern, ist sinnfrei und erfolglos. Denn ein denkbares Ziel, das unter der Schrecklichkeit einer Tat allenfalls noch zur Lösung angestrebt werden kann, ist Versöhnung. Sie hätte einen Mehrwert und könnte Ruhe zurückbringen. Die Todesstrafe dagegen hinterlässt unnötige Wunden, Fragen, Endlosigkeit und Schuld.

Dennis Riehle - 09:15:34 @ Gesellschaft