05.08.2022

Ehrenamtliche Beratungsstelle hilft bei Wiedereingliederung nach Gefängnisaufenthalt

Pressenotiz
Leiter der Psychosozialen Sprechstunde Konstanz betrachtet Strafvollzug des 21. Jahrhunderts kritisch

Die Psychosoziale Sprechstunde in Konstanz hat in der ersten Jahreshälfte 2022 insgesamt 12 Personen beraten, die straffällig geworden waren und nach Gefängnisaufenthalt oder Verurteilung eine Wiedereingliederung versuchten. Wie der Leiter des ehrenamtlichen Angebots, Dennis Riehle, in einer entsprechenden Aussendung feststellt, ging es vor allem um Fragen nach Anspruch auf Sozialleistungen, Unterstützung bei der Wohnungssuche, Rückkehr in den Arbeitsmarkt und seelische Probleme.

Der Psychologische, Sozial- und Integrationsberater beschreibt die oftmals großen Herausforderungen für Menschen nach einer Haft- oder Bewährungsstrafe: „Weiterhin bleiben Betroffene diskriminiert und stigmatisiert. Mit einem solchen Eintrag im Lebenslauf lässt es sich gerade im Beruf nur schwer Fuß fassen. Und auch die persönlichen Kontakte zu Freunden und Angehörigen sind nicht selten abgebrochen, es findet eine Entfremdung und häufig eine Zurückweisung statt, was die straffällig Gewordenen in eine zusätzliche Belastungssituation führt, in der sie Unterstützung und psychischen Beistand benötigen. Gerade Haftentlassene sind durch den Gefängnisaufenthalt wiederkehrend traumatisiert und haben enorme Schwierigkeiten, sich zu resozialisieren. Insofern muss man im 21. Jahrhundert durchaus die Frage stellen, ob der Justizvollzug in seiner bisherigen Form tatsächlich noch zeitgemäß und mit dem Verständnis universeller Menschenrechte vereinbar ist. Immerhin wird mit dem derzeitigen Wegsperren oftmals keine Reue und Einsicht bei den Straftätern bewirkt, ganz im Gegenteil“, meint Dennis Riehle.

„Das Klima in der Haft befördert allzu oft neue Gewalt und lässt emotional abstumpfen. Durch die Abschottung verlieren Gefangene jeglichen Anschluss an das gesellschaftliche Leben und es bedarf eines unheimlichen Aufwandes, diese Distanz nach der Rückkehr in die Freiheit abzubauen. Ob es nicht andere Wege für die Ahndung von Straftaten gibt und inwieweit bereits bestehende Alternativen ausgebaut werden sollten, muss die Politik klären. Die ethische Auseinandersetzung lässt in jedem Fall vermuten, dass die bisherige Praxis erhebliche Kollateralschäden hinterlässt, die nicht im Verhältnis zum Sühnegedanken stehen und daher überdacht werden sollten. Bis zu einem Kurswechsel werde ich mich auch weiterhin für die Anliegen und Anfragen von Menschen offen zeigen, die straffällig geworden sind. Sie haben es verdient, unvoreingenommen betrachtet und mit ihrer persönlichen Lebensgeschichte und den individuellen Beweggründen für ihr Fehlerverhalten respektiert zu werden“, so Riehle. Es brauche eine Enttabuisierung des Themas in der Öffentlichkeit, damit eine Veränderung zivilisatorisch mitgetragen wird, erklärt der gelernte Laienprediger, der abschließend feststellt: „Vergebung und Versöhnung muss im Mittelpunkt jeglicher strafrechtlichen Aufarbeitung von Vergehen und Verbrechen stehen, diesbezüglich braucht es deutlich mehr Anstrengungen“.

Die Psychosoziale Sprechstunde ist als ehrenamtliches Angebot bundesweit kostenlos und niederschwellig per Mail erreichbar: beratung@psychosoziale-sprechstunde.de.

Dennis Riehle - 06:25:16 @ Gesellschaft