03.01.2022

Wo ist unser persönliches Bethlehem?

Leserbrief
zu: „Seelsorger:innen über die Jahreslosung 2022“, „evangelisch.de“ vom 02.01.2022

Es war zweifelsohne ein ambivalentes Weihnachten: Vielerorts hat die Floskel der „Stillen Nacht“ durch die Corona-Beschränkungen Wahrheitscharakter erhalten. Oftmals haben die unruhigen Proteste gegen die Politik das friedliche Fest lautstark durchbrochen. Und doch haben die meisten Menschen versucht, sich auch von der erneut ungewöhnlichen Situation nicht beirren zu lassen. Zweifelsohne wird auch 2022 nochmals Einiges von uns abverlangen. 

Wie gut, dass wir da noch die Worte von Friedrich Heinrich Ranke in den Ohren haben, der uns in seinem Kirchenlied „Herbei, o ihr Gläub’gen“ (EG 45/GL 143) aufruft, nach Bethlehem zu kommen. Das Reisen ist in Zeiten in einer Pandemie schwierig. Und wenn der Prophet den Berg nicht erreichen kann, muss es eben umgekehrt sein. Wo ist also unsere ganz persönliche Krippe, an der wir die Sorgen aus 2021, die Herausforderungen aus dem neuen Jahr ablegen können und darauf vertrauen dürfen, dass Gott sie in seinem Sohn annimmt? 

Wo steht der Stall in unserem Leben, den wir aufsuchen und in dem wir Nöte und Herausforderungen darzubringen vermögen? Welches ist der Ort, an dem wir uns besinnen und innehalten können? Schaffen wir uns ganz bewusst Wege, mit denen wir Kontakt zum Herrn aufnehmen können. Ob es das einkehrende Gebet ist, in dem wir unsere Gedanken übermitteln können. Ob es die Oasen-Momente der Auszeit sind, in denen wir wieder einmal zu uns finden und Abstand von aller Hektik, allem Trubel und dem Alltagsverdruss nehmen. Ob es die kleinen Dinge sind, die wir neu entdecken und die uns offenbar werden lassen, wie wertvoll unser Dasein ist. Ob es Freunde und Mitmenschen werden, welche wir in den nächsten Monaten wieder einmal hautnah aufsuchen, statt nur über Videochats mit ihnen zu kommunizieren.

Oder ob es ernstgemeinte Vorsätze sein mögen, vielleicht spiritueller oder seelsorgender Natur, mit denen wir uns etwas Gutes zu können – nicht das Ende vom Rauchen, viel mehr Sport oder weniger Arbeit, sondern Rituale und Methoden, die wir nicht nur zum Schein einhalten, um unser Gewissen zu erleichtern. Viel mehr braucht unsere Existenz nach diesen zerrütteten Wochen wieder Struktur und Halt, die wir nur mit bestätigenden und sinnstiftenden Formen der individuellen Erfüllung erreichen können. 

Fragen wir uns also, wohin uns der Stern lotst, wo unser ureigenes Bethlehem zu finden ist. Nehmen wir die Gelegenheit wahr, diesen Geburtsort als Sinnbild für einen Neustart unseres persönlichen Lebens zu begreifen. Nichts eignet sich besser als der Beginn eines Jahres, um sich glaub-würdige Gedanken darüber zu machen, welche Veränderungen tatsächlich notwendig und zielführend sind. Machen wir uns ehrlich mithilfe des Kindes dort in der Krippe, betrachten wir unser Hiersein mit seiner Unbeflecktheit, lassen wir los – und schaffen wir frische Perspektiven.

Dennis Riehle - 14:41:37 @ Glaube