14.05.2022

Wer nicht segnet, versündigt sich!

Stellungnahme des Sprecher des Philosophischen Laienarbeitskreises, Dennis Riehle, zu den Segnungsgottesdiensten in der katholischen Kirche für queere Paare am 10. Mai 2022:

Wenn wir einen anderen Menschen segnen, setzen wir dem Wortursprung gemäß ein Zeichen. Wenn Pfarrer, Theologen und Laien ein Gegenüber segnen, erbitten sie für ihn Gottes Kraft, Zuspruch, Gnade und Schutz. Nicht wir selbst „kennzeichnen“ den Anderen, nur Gott selbst kann ihm seinen Segen geben. Wir sind lediglich das ausführende, irdische Instrument. Daher steht es uns auch nicht zu, den zu segnenden Mitmenschen zu beurteilen. 

Ob am Ende der Segen für ihn fließen wird, entscheiden nicht wir. Daher ist es eine Anmaßung gegenüber Gott, wenn wir das Spenden des Segens nur deshalb verweigern, weil wir solch ein „Abzeichen“ aus dogmatischen Gründen ablehnen. Wir sind Gottes Werkzeuge, um seinen Segen in der Welt zu verteilen und dabei nicht berechtigt oder befähigt, durch eigene Werturteile zu bemessen, wann jemand diesen Segen „verdient“ hat. 

Denn blicken wir auf die lutherische Lehre, steht er jedem Kind Gottes zu, bedingungslos. Daher ist es ein Frevel, wenn wir homosexuellen Paaren keinen Segen zusprechen. In der Bibel finden sich keine ernsthaften Argumente, wonach gleichgeschlechtlich orientierte Personen nicht von Gott bejaht würden. Blickt man auf die vielfach zitierten Schriftstellen im Tanach, sind sie unter kritischer Betrachtung häufig nur aus dem Zusammenhang gerissen, fragwürdig übersetzt oder der zeitlichen, gleichsam vergänglichen Moral geschuldet. Gott unterscheidet die Agape nicht. Aus seiner Perspektive gilt sie universell – und zwischen jedem Mann und jeder Frau gleichermaßen. 

Das Neue Testament hebt entsprechende Differenzierungen, insbesondere aus den Büchern Mose, faktisch wiederum auf. Zuneigung und Zweisamkeit zwischen Menschen, unabhängig ihrer biologischen Identität, können eben keine Sünde sein. Die Gebote zu Sittlichkeit und Verantwortung im Sexualverkehr gelten für alle, es gibt keinen Grund zur Behauptung, dass sie sich besonders und ausschließlich an Homosexuelle richteten. 

Es geht beim Segen nicht darum, ob wir als Erbetende für Gottes Fürsprache und Vermittler seines Lobpreises die Lebensweise des Anderen befürworten. Wir sind nicht seine Richter, sondern Anwälte der Liebe. In dieser Funktion entspricht es Arbeitsverweigerung, wenn wir den Ritus des Segens aus Aspekten der Tradition, Werte, Normen oder Befindlichkeiten nicht weitergeben wollen. 

So stünde es manch einem Priester gut zu Gesicht, sich selbst zurückzunehmen und die eigenen Ansprüche in den Hintergrund zu stellen. Denn die Annahme eines Menschen durch Gott obliegt nicht unserer Gutheißung. Sie ist vorbehaltlos und unbegrenzt.

Dennis Riehle - 03:35:16 @ Glaube

10.04.2022

Gedanken zum Osterfest 2022

Kann Gott Russland vergeben?
- Und dürfen wir trotz Butscha auf ein Osterwunder hoffen?

Verbrechen gegen die Menschlichkeit – diese Formulierung hören wir seit Beginn des Krieges in der Ukraine ständig. Hinter jeder dieser Meldungen steckt unsägliches Leid und Demütigung, das Nehmen von Würde und jeglicher Persönlichkeit. Ein Angriff, der auf Vernichtung ausgerichtet ist und offenbar von einem Staatslenker befohlen wird, der in seiner nostalgischen Vorstellung eines imperialistischen Russlands der vergangenen Jahrhunderte verharren will. Elend und Pein treffen jeden einzelnen Menschen im Donbass und anderen Regionen. Die Qualen sind auch für Außenstehende schwer erträglich.

Dass Unterdrückung, Folter und Tod schon seit Jahrtausenden praktiziert werden, daran erinnern wir uns als Christen in diesen Tag wiederum eindrücklich. Jesus Christus wird als Unschuldiger ans Kreuz genagelt. Er musste für seinen Glauben und seine Identität unbändige Schmerzen und stundenlanges Martyrium über sich ergehen lassen. Als König der Juden belächelt und verurteilt, aus den eigenen Reihen dem Feind verraten: Der Sohn Gottes konnte selbst nicht verstehen, warum er vom Vater verlassen wurde. In der prallen Sonne auf Golgatha zur Schau gestellt, dahinsiechend unter Bloßstellung.

Menschen waren seit jeher in der Lage, mit ihrem eigenen Gegenüber zutiefst verächtlich umzugehen. Ob das Kruzifix oder die Bomben in Kramatorsk: Sinnbildlich stehen sie für die Fähigkeit unserer Spezies, die eigenen Mitgeschöpfe auf perfideste Art und Weise ihrer Freiheit, den Rechten und des Lebens zu berauben. Wenn auch der Vergleich hinkt: Sie alle sind als Märtyrer für ihre Überzeugung von uns gegangen. Sie wurden verraten von den nahestehenden Jüngern einerseits, vom Brudervolk andererseits. Und am Ende steht über ihrem grausamen und würdelosen Tod die Frage des „Warums“.

Jesus konnte zunächst nicht begreifen, warum ihn Gott opfert. Weshalb er von der Welt gehen soll, obwohl er doch noch so viel vorhatte und gewahr war. Gerade beim Blick auf die vielen jungen Opfer des Krieges in der Ukraine gilt dieselbe Anklage: Wieso lässt man sie gehen, ihnen stand die Zukunft offen! Dass Christus den Sühnetod gestorben ist und damit die Sünden der Menschheit genommen hat, war ihm in der Drangsal verständlicherweise nicht klar. Stattdessen prangerte er die Tatenlosigkeit des Vaters im Himmel an. Und auch wir machen ihm Vorwürfe: Weshalb schreitest du nicht endlich ein?

Seit der Erfahrung des Massenmords durch die Nationalsozialisten haben viele Geistliche die Zuversicht aufgegeben, dass sich Gott zu irdischen Zeiten in das Weltgeschehen einmischen wird. Stattdessen ist seit dem alles Fassbare übersteigenden Weltkrieg mit der Vernichtung von Millionen Menschen unterschiedlichen Glaubens, Herkunft und sexueller Orientierung die Theodizée-Frage immer aktueller geworden. Kann ein allmächtiger Gott dem Bösen so reaktionslos gegenüberstehen? Warum lässt er dieses Leiden zu? Und muss sich unser Bild von ihm nicht ändern? Wissenschaftler haben seither die Holocaust-Theologie geprägt, welche uns seither ein neues Gottesbildes lehrt und den Fokus auf das unbeschränkte Handeln der Menschen verschiebt.

Weil Gott uns als seine Geschöpfe erschaffen hat, überlässt er uns die Freiheit, eigenverantwortlich zu handeln. Dieses unbändige Zeichen des Vertrauens bedingt gleichzeitig aber auch die kaum hinzunehmende Wahrheit: Für das Agieren der Menschen sind nur wir selbst zuständig. Autonomie kann nur dann in all seinen Facetten funktionieren, wenn wir auch in schwierigen und kaum vorstellbaren Situationen irdischen und menschgemachten Unheils die Konsequenzen für das entfesselte Verhalten von Anderen gemeinsam tragen. Zu dieser Überzeugung gehört dann auch: Wir können nicht nur in Lebenslagen der Schande und des Unfriedens auf Gottes Eingreifen pochen und ihn als Lückenbüßer verstehen. Nach dem Motto: Wenn es denn gut läuft, lass uns nur machen – doch wenn Putin die Weltordnung zerstören möchte, interveniere schnell! – So einfach geht Glaube nicht, er wäre sodann fatal.

Denn wir würden ewig hilfsbedürftige Kinder ohne eigene Souveränität und Autorität bleiben, würden wir diese Theorie bis zum Ende deklinieren. Schlussendlich hat auch Gott Jesus am Kreuz elendig zu Grunde gehen lassen. Er hat dieses Schauspiel der Ungerechtigkeit nicht gestoppt, sondern es bis zum tragischen Abschluss laufen lassen. Von der Auferstehung schien zu diesem Zeitpunkt kaum jemand geahnt zu haben. Und auch Christus verzweifelte. Seine Rückkehr aus dem Grab überraschte alle: Die Frauen, die den weggerollten Stein sahen, konnten ihren Augen nicht trauen. Sogar seine engsten Vertrauten erkannten ihn nach der Begegnung vorerst nicht. Viel zu unwahrscheinlich war das Wunder für unsere Vernunft und den Verstand gewesen.

Und so kann die Parabel des Osterfestes nur vollendet werden, wenn wir den Karfreitag nicht isoliert betrachten. Doch mag angesichts der Bilder aus Butscha überhaupt jemand daran festhalten, dass Krieg und Gewalt überwunden werden können? Dass das Sterben nicht das Ende ist, diese Erkenntnis der christlichen Lehre mag gerade in diesen Tagen zynisch klingen. Gott hat seinen Sohn zurück ins Irdische geschickt, um den Menschen von seiner Auferstehung berichten zu können und ihnen Trost zu geben: Ich bin zurück! Ich habe den Tod überwunden! Und ich bin für eure Sünden gestorben! – Diese Aussagen entsprechen der österlichen Verkündigung, die in 2022 aktueller ist denn je. Wo wird das Geheimnis des Glaubens bei uns sichtbar sein?

Ich denke in diesen Tagen oftmals an die Jahre 1989 und 1990. Demonstrierende Menschen stellten sich bewaffneten Einheiten in der DDR gegenüber. Nach der wiederholten Niederschlagung von Protesten – schon zu Beginn des Mauerbaus – waren die Befürchtungen immens: Die sozialistische Partei würde mit aller Härte gegen das Aufbegehren der Bürger für ihr Freisein vorgehen. Das Blutvergießen hatten viele schon einprogrammiert. Doch es kam am Schluss völlig anders: Die friedliche Revolution gilt als Gegenpart zum Grauen von Hitlers Diktatur. Und der Fall der Mauer, das Ende des Kalten Krieges und das Zerschneiden des Eisernen Vorhangs waren diese unerwarteten, unwirklichen und gar mystischen Zeichen dessen, dass Wundersames möglich ist.

Dass in der Wendezeit Menschen ihre Schwerter zu Pflugscharen machten, diese Ankündigung des Propheten Micha (Kap. 4, 1-4) bewahrheitete sich. Biblisch gesehen würde man sagen: Gott hat auf seine Art gezeigt, dass er die Hände nicht im Schoß hält. Er hat Menschen friedlichen Willens befähigt, Versöhnung und Miteinander herbeizuführen. Er hat Christus sterben lassen, um ihn danach als Retter der Welt einzusetzen.
Der Vater im Himmel hat offenbar Gefallen an der Katharsis – am Zusammenbruch, aus dem Neues entsteht. Ja, er lässt Kriege geschehen – doch er lässt Menschen gerade in solchen Momenten über sich hinauswachsen. Millionen Europäer öffnen dieser Tage ihre Arme und heißen Flüchtende in ihren Häusern willkommen.

Nächstenliebe und Solidarität sind die Werkzeuge, die Gott uns allen an die Hand gibt, um Lehren aus der menschlichen Entgleisung ziehen zu können. Zwar lässt er die Passion geschehen und uns das Kreuz auf der Schulter tragen. Doch wir werden nicht am Boden verharren, sondern er richtet uns auf. Aus diesem Wissen heraus können wir manch Herausforderung des Morgen leichter bewältigen. Aber zweifelsohne: Es lässt keinen einzigen Toten auf den Schlachtfeldern der Ukraine wieder lebendig werden. Wir müssen radikal eingestehen: Wer auf Gottes Liebe baut, wird sie bis zum bitteren Ende ertragen. Das bedeutet schlichtweg auch: Es braucht Wege, mit den Sünden, der Schuld und der Schande eines Wladimir Putins und seiner Schergen umzugehen.

Gott kann von uns nicht verlangen, dass wir ihm und seinen Militärs für all ihre Verbrechen irgendwann vergeben oder verzeihen. Ob Gott dies tun wird, bleibt alleine seine Entscheidung. Christlicher Glaube kann eine Zumutung sein, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass Jesus auch für das Unfassbare gestorben ist und sogar denen die Last ihrer Taten nimmt, die in ihrem Großmachtstreben die Welt in Chaos und Trauer gestürzt haben. Das heißt aber in gleichem Atemzug nicht, dass sie sich weltlichen oder himmlischen Gerichten entziehen können. Sie werden sich nicht nur ihrem eigenen Gewissen gegenüber früher oder später verantworten müssen, sondern sich auch der menschlichen Justiz und Gottes Gerichtsbarkeit am Ende ihrer Tage stellen.

Denn Jesu Tod ist kein Blankoscheck: Zwar verheißt er eine grenzenlose Annahme jedes Geschöpfes durch den Vater selbst. Aber er befreit uns nicht von dieser irdischen Hypothek, mit der wir zu Lebzeiten existieren müssen. Sie kann erdrücken und wird das Dasein erschweren. Denn auch der russische Machthaber wird mehr und mehr von den Impressionen eingeholt, die sein Gebaren illustrieren. Er wird vor den Spiegel treten und sich ins Gesicht schauen. Gott ist gnädig und unbestechlich gleichermaßen. Er erspart uns nicht die Konfrontation mit dem durch uns Verursachten, sondern führt uns das Fiasko mit aller Härte und Strenge vor Augen, das wir angerichtet haben. Und das Hinwegnehmen der Sünde gibt es bei ihm gleichsam nicht zum Nulltarif.

Es wird wesentlich darauf ankommen, inwieweit die Kriegstreiber dieser Welt eines Tages zur Buße fähig sein werden. Ob sie es schaffen werden, fruchtbringende Reue zu äußern – wir wissen es nicht. Worauf wir aber setzen können: Ostern verheißt uns Zuversicht in den dunkelsten Stunden. Wenngleich wir in den Augenblicken des Abgrundes nicht mehr an Perspektive denken, beweist uns die Geschichte eindrücklich: Schicksal und Krise haben weder in unserem eigenen Leben, noch in der Historie unseres Planeten das letzte Wort. Das Entsetzen von Maria am Kreuz wird vom entschwundenen Jesus aus der Grotte in Hoffnung gewandelt. Und die Tränen der Hinterbliebenen in Mariupol werden durch die Gesten aller Menschen guten Willens und mit einem Herzen in der Hand getrocknet werden. Der Ostersonntag macht den Karfreitag nicht ungeschehen, lässt ihn aber nicht unkommentiert stehen.

Dennis Riehle - 07:01:02 @ Glaube

26.03.2022

Jetzt erst recht – Glaube an den Frieden: Wer, wenn nicht wir Christen!

Leserbrief
zu: „Wir haben uns geirrt“, „Publik Forum“ 06/2022

Der Anwurf von Joachim Garstecki gegen „pax christi“ ist unbegründet: Kaum jemand konnte sich vorstellen, dass im 21. Jahrhundert in Europa der Krieg zurückkehren würde. Dass sich auch die katholische Friedensorganisation getäuscht hat, als es um die Frage der Einschätzung der Invasion Russlands in die Ukraine ging, ist nur allzu menschlich. Viel eher habe ich Respekt vor ihrem Eingeständnis: Mit einem derart entfesselten und von jeder Humanität losgelösten Angriff durch Machthaber Putin konnten die meisten außenstehenden Beobachter nicht rechnen. Und selbstredend war es nur allzu richtig, auch bis zum Schluss auf Diplomatie zu setzen. 

Dass der Kreml dem Westen derart offen ins Gesicht lügt, ist eine bittere Erkenntnis, die wir aber nicht erahnen konnten. Sicher vermochten Insider den steigenden Realitätsverlust des Despoten in Moskau und seine Unberechenbarkeit vermuten. Schlussendlich ist es aber Aufgabe einer christlichen Organisation, die sich für Pazifismus ausspricht, bis zuletzt für eine gewaltlose Lösung zu werben. Gutgläubigkeit und Naivität kann man insofern uns allen vorhalten, die wir an Ethik und Moral festgehalten haben und an völkerrechtliche wie zwischenstaatliche Vereinbarungen und Selbstverständlichkeiten nach dem Kalten Krieg glaubten. 

Nicht nur für „pax christi“ ist es eine zutiefst bedrückende Einsicht, dass wieder einmal ein Anführer in der Welt allen Konsens gebrochen und zivilisatorische Grundsätze über Bord geworfen hat. Bundeskanzler Scholz spricht von einer Zeitenwende – und damit verbunden ist auch ein Umdenken. Alle, die sich für Verständigung eingesetzt haben, müssen heute debattieren, ob sich die Hoffnung auf ein friedliches Miteinander in Luft aufgelöst hat und die Vision von einer Versöhnung unter den Menschen auf den Boden der Tatsachen zurückgefallen ist. Kritisch wird zu diskutieren sein, inwieweit Zuversicht durch die Realität eingeholt wurde. Hilflosigkeit, wie Garstecki es formuliert, drückt die Stellungnahme von „pax christi“ aber keinesfalls aus. Viel eher hinterfragt sie, inwieweit die Arbeit für den Frieden künftig von mehr Pragmatismus geprägt sein muss. 

Es ist allerdings nicht vordergründig ihre Aufgabe, politische Antworten zu geben. Stattdessen ist es nur allzu konsequent, auch weiterhin an Utopien festzuhalten, die Kompass für alle Gläubigen sein müssen, welche nicht nur auf eine Zeit nach Putin blicken, sondern auf die Überwindung von Krieg und Gewalt durch göttlichen Frieden bauen. Im Augenblick ist es eine rationale, gleichsam für jeden Pazifisten vollkommen unbefriedigende Feststellung, dass wir angesichts der neuerlichen Offenbarung eines menschlichen Tyrannen nur mit irdischen Reflexen handeln können. Da ist es eine allzu verständliche Panikreaktion, aus dem eigenen Sicherheitsbedürfnis heraus nach mehr Verteidigung zu schreien. 

Die Herausforderung für die Friedensorganisationen wird es sein, diese Maschinerie der Aufrüstung mit einem klaren Bekenntnis zu den eigenen Idealen zu durchbrechen. Wer, wenn nicht Christen, können und müssen auch im Angesicht von Leid und Pein mit Gottvertrauen gegen die Barbarei ankämpfen. Gebet, Protest und Solidarität sind keine leeren Worthülsen, sondern haben in der Geschichte bereits Waffen zum Schweigen gebracht. Standhaftigkeit statt Verzweiflung, Mut zum weiteren Dialog und Gewissheit um das Unbesiegbare des Guten: Derartige Zeichen und Signale erwarte ich von „pax christi“. Sie sollte sich nicht den journalistischen Stempel als die Resignierende aufdrücken lassen.

Dennis Riehle - 08:05:26 @ Glaube

25.03.2022

Franziskus zwischen den Stühlen…

Leserbrief
zu: „Marienweihe für den Frieden“, „Die Tagespost“ vom 24.03.2022

Die Zeichen aus dem Vatikan angesichts des Krieges sind ambivalent. Während ich die deutliche Kritik von Papst Franziskus an der Ankündigung zahlreicher Staaten, ihre Verteidigungsausgaben erhöhen zu wollen, uneingeschränkt unterstütze, irritiert das von ihm angestrebte Gebet zur Weihung der Ukraine und Russlands mit dem „Unbefleckten Herzen Mariens“ doch sehr. Immerhin lässt diese Geste den Eindruck einer Gleichsetzung der beiden Konfliktparteien durch den Pontifex entstehen, welche die Täter-Opfer-Rollen negiert. Unbestritten ist: Wir müssen für den Frieden einstehen. 

Gleichermaßen wäre eine Differenzierung des katholischen Kirchenoberhaupts nötig gewesen: Es geht um die Bitten für die Aussöhnung der Völker und eine Einsicht der politischen Machthaber. Die Aussendung aus Rom kann allerdings auch missdeutet werden: Nein, ich will nicht Präsident Putin den Fürsprechern im Himmel anheimstellen. Denn ich bin mir sicher, dass Gott nicht wirklich zur Einsichtsfähigkeit des russischen Despoten sorgen kann. Stattdessen bete ich für die Menschen in der Ukraine, die Leid und Schmerz ausgesetzt sind. Für die Vertriebenen, Verletzten und Hinterbliebenen. Natürlich für jene Bürger in Russland, die offenen Herzens sind, den Kurs ihrer Führung zu verurteilen und sich gegen jegliche Gewalt aussprechen. Für die Armen, die die Sanktionen des Westens hart treffen. Und für alle Politiker guten Willens, die sich für Diplomatie und Waffenruhe einsetzen. 

Derartige Fürbitten kann ich gutheißen, nicht aber eine pauschale Vorbringung der Kriegstreiber vor den Herrn. Es war ein eklatanter Fehler in der Kommunikation des Heiligen Stuhls, die Franziskus in ein unglückliches Licht rückt: Auch wenn ich mir sicher bin, dass sein eigentliches Anliegen von den allermeisten Gläubigen verstanden wird, wäre eine Richtigstellung seiner Beweggründe hilfreich gewesen. Und natürlich weiß auch ich um das Ideal von Pazifismus und Verständigung. Und es ist moralisch und sittlich höchst verwerflich, dass auch Deutschland 100 Milliarden für die Armee investieren will. Doch Politik kann nicht alleine durch die Brille der Ethik blicken. Der Geist von Militarismus und Größenwahnsinn ist aus der Flasche, er lässt sich pragmatisch gesehen auf absehbare Zeit nicht mehr einfangen. 

Deshalb ist natürlich jegliche Anstrengung für Befriedigung und Heilung richtig und nötig  – und als Mann der Kirche kann und muss Franziskus solch eine Utopie weiterhin mit Nachdruck verfolgen. Dies kann durch Gebet zweifelsfrei gelingen. Allerdings muss er als Staatsoberhaupt und politisch Handelnder gleichsam verstehen, dass ein Bundeskanzler auf die völlig entfesselte Invasion Moskaus reagieren und Vorkehrungen treffen muss, um das eigene Land zu schützen. Nein, niemand will Aufrüstung. Sie ist falsch und der Ausdruck einer von vielen Konsequenzen menschlicher Perversion. Aber angesichts von Diktatoren bleiben praktisch gesehen wenige Alternativen, leider.

Dennis Riehle - 09:11:50 @ Glaube

28.02.2022

Gottes Frieden geht anders…

Pressenotiz

Der Philosophische Laienarbeitskreis hat angesichts des Krieges in der Ukraine folgende Stellungnahme verfasst:

Mein Gott, mein Gott, warum hast du uns verlassen? – In Anlehnung an Jesu Worte mag es dieser Tage vielen Menschen in aller Welt so ergehen: Sie fragen sich, weshalb es dieser allmächtige Schöpfer erneut zugelassen hat, dass ein sinnloser Krieg unser Miteinander erschüttert. Nicht erst seit dem Holocaust fällt es auch vielen Christen schwer, an diesen theistischen Lenker zu glauben. 

Lässt er uns mit dem Wahnsinn einzelner Staatenlenker schon wieder alleine? Wie können wir ihm angesichts der schrecklichen Bilder von Zerstörung und Leid noch vertrauen? Und weshalb vermag er es offenbar wiederkehrend nicht, Riegel vor einen selbstherrlichen Politiker zu schieben? Die Enttäuschung und die Verzweiflung angesichts seiner offenbaren Untätigkeit muss letztendlich zu Zweifeln führen. Wieder kommt die „Theodizée“-Frage auf – und sie lässt uns mit Kopfschütteln zurück. 

Doch schon Zofia Jasnota formulierte in seinem Lied „Unfriede herrscht auf der Erde“ (EG 663, Evangelischer Presseverband für Baden, 1. Auflage, 1995) von 1977, dass „Gott selbst es sein wird“, der der Welt Frieden schenkt. Dabei handelt es sich aber eben nicht um diesen menschlichen Pazifismus, den wir uns vorstellen. Bereits im Rahmen der Schöpfungsgeschichte wird klar, wonach Gott die Eigenverantwortung und Freiheit seiner Ebenbilder als das wohl höchste Gut an uns irdische Wesen geschenkt hat. 

Er befähigt uns zur Einsicht, was „gut“ und „böse“ ist. Dazu gehört letztlich auch der schwer zu fassende Umstand, dass es Menschen gibt, die ihre eigene Interpretation dazu haben. Auch Putins wirre Vorstellungen müssen wir unter diesem Aspekt als eine völlige Zumutung hinnehmen, wenn wir uns gleichzeitig bewusst werden: Gott ist kein Lückenfüller, der uns in glückseligen Zeiten selbstständig agieren lässt und den wir lediglich in Krisen zu Rate ziehen können. Wenn wir uns vollständig auf ihn einlassen, bedeutet das auch, mit menschgemachten Katastrophen umzugehen. 

Gleichsam wäre es falsch, ihm eine vollständige Abwendung von der Welt vorzuwerfen. Denn es ist seine eigene Art und Weise des Beistands, den er uns auch dann zuteilwerden lässt, wenn wir seine Abwesenheit beklagen – weil wir seine Form des Friedens nicht verstehen und erkennen können. Solidarität und Humanität sind seine Möglichkeiten des Ausdrucks von Versöhnung. Und sie merken wir auch im Ukraine-Krieg 2022 erneut: 

Es sind diese unfassbaren Gesten der Mitmenschlichkeit, von Trost und der ausgestreckten Hand, die weite Teile der in- und ausländischen Zivilbevölkerung den Opfern dieses unerträglichen Konfliktes zukommen lassen. Die Suppe, die sie für die Flüchtenden kochen. Matratzen und Tücher zum Schlafen in den eigenen vier Wänden für die Schutzsuchenden von nebenan. Transparente und Banner bei den unzähligen Demonstrationen und Protesten. All das ist Gottes Friede.

Kontakt: info@philosophischer-laienarbeitskreis.de

Dennis Riehle - 11:55:51 @ Glaube

14.02.2022

Möge sich die Kirche auf den Heiligen Valentin rückbesinnen!

Leserbrief
zu: „Ein Gottesdienst für Paare und Verliebte“, „Badische Zeitung“ vom 12.02.2022

Mittlerweile ist er  vor allem für die Wirtschaft zu einem Ereignis geworden, an dem der Absatz von Blumen, Pralinen und Parfüm ins Unermessliche steigt. Doch in Wahrheit steckt hinter dem Valentinstag ein ernster Hintergrund: Der heilige Schutzpatron, der dem 14. Februar seinen Namen gab, war ein Verfechter der Liebe zwischen allen Menschen. Er hat diejenigen getraut, die ausgegrenzt und von der Gesellschaft verachtet wurden. 

Wie hochaktuell ist diese Thematik beispielsweise durch das Outing von Kirchenmitarbeitern geworden, die sich zu ihrer sexuellen Orientierung und Identität bekannt haben. Sie sind der Überzeugung, dass Liebe überall dort sei, wo auch Gott ist. Er unterscheidet nicht, ob sich Männer und Frauen gegenseitig oder auch untereinander lieben. Viel eher ging der Heilige Valentin davon aus, dass auch diejenigen unter dem Segen des Herrn und dem Schutz dieser neuerdings als „Verantwortungsgemeinschaft“ bezeichneten Verbindung zweier Menschen unterschiedlicher Couleur stehen, die in der Öffentlichkeit keine Anerkennung fanden – aufgrund von Vorurteilen, Stigmatisierung und der überholten Überzeugung, Liebe könne nur zwischen Heterosexuellen stattfinden. 

Letztendlich haben bereits viele Verse aus der Heiligen Schrift diese dogmatische Verirrung widerlegt. Und auch zahlreiche Liederdichter haben sich mit der Frage befasst, wie es sich denn jetzt mit der Liebe verhält. Wenn wir die Zusage aus dem 1. Johannesbrief ernstnehmen und davon ausgehen, dass Gott selbst die Liebe sei, wird sich der kritische Christ von heute zu Recht echauffieren: Angesichts von Leid, Katastrophen und persönlichen Krisen fällt es schwer, das Bild eines ausschließlich liebenden Gottes aufrechtzuerhalten. Doch ich möchte entgegenhalten: Liebe ist nicht eindimensional. Wir verbinden mit ihr ausschließlich emotional Positives. Doch ist es nicht der größte Liebesbeweis, dass uns Gott als souveräne und eigenverantwortliche Wesen geschaffen hat? 

Ernst Hansen schreibt in seinem Text aus dem Evangelischen Gesangbuch (Ausgabe Baden), Nr. 653 unter dem Titel „Gottes Liebe ist wie Gras und Ufer“ in der ersten Strophe: „Frei sind wir da, zu wohnen und zu gehen. Frei sind wir, ja zu sagen oder nein“. Liebe hat tausende Gesichter – und zu ihr gehört nicht nur die subtile Äußerung von Gefühlen, sondern auch der Zuspruch: Weil ich dich liebe, lasse ich dich los. Gott schenkt uns die Unabhängigkeit, er traut uns zu, selbst zu entscheiden und zu wirken. Daraus folgt letztlich auch der Umstand, dass es Liebe ist, wenn wir einmal stürzen. Denn die oftmals falsch verstandene Allmacht Gottes ist eben kein Garantieschein, dass wir von Pein und Qual verschont werden. 

Stattdessen ist es auch die Liebe von fürsorgenden Eltern, wenn sie ihr Kind irgendwann in die weite Welt entsenden, um Erfahrungen zu sammeln. Ohne die Erkenntnis, dass unser irdisches Dasein nicht ohne Gefahren ist, können wir schon deshalb nicht überleben, weil es uns an der Einsicht fehlt, wonach man nach dem Fallen auch wieder aufstehen kann. Und dabei hilft uns Gott allemal. Er streckt die Hand aus, damit wir vom Boden hochkommen. Durch Menschen, die uns in den schwierigsten Augenblicken an der Seite stehen, zuhören und uns trösten. Durch die kleinen Gesten des Alltags, die aus unserem Radar verschwinden – und das Leben doch so kostbar machen. 

Und durch die Zuversicht, dass nach den Tälern auch wieder Höhen kommen werden. Dessen können wir uns gewiss sein, weil Gott schon so oft indirekt ins Weltgeschehen eingegriffen hat. Wir sollten also verstehen, dass Gottes Liebe nicht plump ist, sondern sich im endlosen Vertrauen äußert, wonach wir als seine Geschöpfe über richtig und falsch befinden können. Diese Fähigkeit erlaubt uns auch, zu dem Urteil zu kommen, dass Valentin recht hatte: Liebe ist überall, wo Menschen sind – weil wir uns als Abbild Gott bezeichnen dürfen.

Dennis Riehle - 07:05:54 @ Glaube

02.02.2022

Auch in der evangelischen Kirche gibt es Ausgrenzung und Diskriminierung!

Pressenotiz

Nach dem öffentlichen Bekenntnis von 125 Mitarbeitern der katholischen Kirche zu ihrer sexuellen Orientierung und der Forderung nach Abschaffung arbeitsrechtlicher Konsequenzen für Angestellte, welche sich mit ihrer Homosexualität outen, weist der Konstanzer Laienprediger und Autor Dennis Riehle auf die Tatsache hin, dass Diskriminierung und Ausgrenzung auch in der evangelischen Kirche stattfinden. Der 36-Jährige hatte sich über viele Jahre in der Gemeindearbeit engagiert, ehe das Gerücht über sein Schwulsein aufkam: „Von einem Tag auf den anderen wurde mir ohne Begründung eine Hauptamtliche vorgesetzt, die völlig übereilt meine Aufgaben übernahm. Ich wusste anfangs nichts über die Ursachen für diesen Schritt, erfuhr aber später, dass ein Kirchenmitglied gefordert hatte, mich ‚zur Sicherheit und zum Jugendschutz‘ aus meinem Ehrenamt zu entfernen. Diesem Anliegen kam man dann ohne Gespräch mit mir oder irgendeine Prüfung der Aussagen des Mitgläubigen nach – man entledigte sich mir ohne einen Dank oder eine Anerkennung für hunderte Stunden Engagement. Stattdessen wechselten sogar andere Gemeindeanhänger die Straßenseite, weil man ‚mit einem Schwulen keine Kontakte haben will‘, teilte man mir über Dritte mit. Es gab da kaum jemanden, der in dieser Situation zu mir gehalten hatte. Ganz im Gegenteil: Man stützte sich bei alledem auf Vermutungen, weil ein Kirchengemeinderatsmitglied auf den Umstand hingewiesen hatte, dass ich ‚mit Mitte 20 ja noch immer Single sei und sonntags weiterhin alleine in den Gottesdienst‘ käme, das könne ja ‚nicht normal‘ sein“, erinnert sich Riehle an Aussagen der Gemeinde, die man ihm später auch direkt ins Gesicht gesagt hatte und dabei immer wieder auf die Bibel verwies: „Zusammenhanglose Verse aus den Büchern Mose oder dem Römerbrief – darauf baute man die fadenscheinige Argumentation auf – mit dem Hinweis, man werde für mich beten“.

Riehle wollte eigentlich Theologie studieren, erhielt aber aufgrund einer Zwangsstörung, an der er seit dem 13. Lebensjahr litt, von einem ranghohen Würdenträger eine Absage: „Die Kirche braucht keine psychisch kranken Seelsorger“, entgegnete man ihm. „Ich bin heute froh, dass ich den Beruf des Pfarrers nicht gewählt habe, denn die Verlogenheit hätte ich nicht ertragen können“, berichtet Riehle jetzt, nachdem er sich zum Prädikanten fortbilden ließ, aber in der Kirche keinen Einsatz fand: „Man verwies mich auf verschiedene Aspekte, warum ich nicht zum freiwilligen Verkündigungsdienst zugelassen und stattdessen belächelt wurde. Handfeste Gründe gab es nicht“, erklärt der Journalist, der an einen Kirchenvertreter zurückdenkt, welcher Riehles liberale Ansichten beklagte: „Mit Ihrem Glauben tragen Sie Eulen nach Athen!“, war schlussendlich die entscheidende Feststellung, die Riehle zum Kirchenaustritt gebracht hat und nun eine konfessionsfreie Haltung einnehmen lässt: „Von der christlichen Überzeugung habe ich nicht abgelassen, auch wenn ich zwischenzeitlich arge Probleme mit einem liebenden und allmächtigen Schöpfer hatte. Mein Gottesbild hat sich allerdings gewandelt – und ich habe zumindest mit dem Lenker und Leiter im Himmel meinen Frieden geschlossen, was ich gegenüber der Kirche allerdings nicht behaupten kann“, so Riehle abschließend, der festhält: „Es ist klar, dass es in solch einer Institution eben auch nur menschelt. Aber selbst in der evangelischen Zunft nimmt man es mit dem Liebesgebot der Heiligen Schrift und dem verfassungsrechtlichen Grundsatz der Würde des Menschen nicht so ernst!“.

Dennis Riehle - 03:52:30 @ Glaube

21.01.2022

Schlimmer geht immer – besonders in der katholischen Kirche!

Leserbrief
zu: „Katholische Kirche am Tiefpunkt“, „Die Rheinpfalz“ vom 21.01.2022

Es scheint für viele Medien und Gläubige noch immer eine Überraschung zu sein: Die Nachrichten über sexuellen Missbrauch in der Kirche beschäftigen uns mittlerweile seit Jahren. Und trotzdem vermögen es viele Kleriker, noch Schäfchen, aber auch die Presse nicht zu begreifen: Wegschauen, Decken, Leugnen und Beschönigen gehört für christliche Würdenträger zum Alltag. 

Die gespielte Empörung und das Entsetzen nach den wiederkehrenden Veröffentlichungen von Gutachten und Erkenntnissen in der Aufarbeitung der Misshandlung von Schutzbefohlenen innerhalb der Kirche sind natürlich längst nicht mehr glaubwürdig, sondern Ausdruck einer wirklich hohen kriminellen Energie, die dazu taugt, Relativierungen voranzutreiben, welche die eklatanten Missstände in den Strukturen der Kurie und der katholischen Dogmatik kaschieren. 

Letztendlich ist es fadenscheinig, naiv und berechnend zugleich, immer wieder von Einzelfällen zu sprechen und sich zu rechtfertigen, dass man als Führungsperson nicht die Aufsicht über alle Geschehnisse haben konnte, die sich in den Kirchen vor Ort manifestiert hatten: Es sind unzählige Fälle von Erniedrigung, Nötigung und Verführung junger Menschen, die gegenüber Priestern in einem gefühlten Abhängigkeitsverhältnis standen und sich deshalb nicht zu wehren wussten. 

Insofern ist das Verhalten der Pfarrer besonders verwerflich, denn sie haben nicht nur Gewalt gegenüber ihnen Anvertrauten ausgeübt, sondern im Wissen um ihre Stellung ihre Obrigkeit ausgenutzt und zu einer Übermächtigkeit pervertiert, die von tiefster Unmenschlichkeit zeugt. Ihre Taten sind vollends verabscheuungswürdig, aber gleichsam nicht ohne Motiv und Ursprung, immerhin ist die unantastbare Hierarchie in der Kirche der Schutzraum für pädophile Neigung durch die verpflichtende, biblisch wie theologisch nicht erklärbare Enthaltsamkeit und den Größenwahn des Katholizismus als religiöse Weltanschauung, die exegetisch Platz für das Recht der Unterdrückung einräumt. 

Die unerschütterliche Loyalität im gesamten Apparat der Kirche verhindert jegliche Aufklärung. Gleichsam trägt die von Obsession geprägte Atmosphäre auch wesentlich dazu bei, dass Pfarrer mit psychischen Auffälligkeiten und eigenen Erfahrungen der sexuellen Ausbeutung in der Kindheit und einer hieraus nicht seltenen entstandenen Reifungskrise in der persönlichen Biografie keinesfalls in die Lage versetzt werden, sich diesem Trauma zu stellen, sondern gar angestachelt werden, sie zu unterdrücken. 

Die mittelalterliche Rückwärtsgewandtheit in der katholischen Werteorientierung fördert die Ohnmacht derjenigen, die sich im Teufelskreis der geschlechtlichen Desorientierung  befinden. Um zu einer wahrhaftig fruchtbaren Erneuerung zu gelangen, bedürfte es einer Reformation und eines Umbruchs der gesamten Glaubenslehre, die es aber nicht geben wird. Denn das Bewahrende war schon seit jeher ein Wesensmerkmal der Kirche – und sei sie von noch so schweren Krisen und Erschütterungen heimgesucht. 

Sie nimmt den Verlust von Ansehen und die immer schneller wachsenden Zahlen bei den Austritten um jeden Preis hin, damit eine Katharsis vermieden werden kann und gewachsene wie zementierte Gepflogenheiten bleiben dürfen. Die Kirche ist Rückzugsort für verirrte Seelen – ein Großteil von ihren stammt aus den eigenen Reihen.

Dennis Riehle - 06:01:14 @ Glaube

06.01.2022

Klerikale Anmaßung

Leserbrief
zu: Papst Franziskus kritisiert Paare, die keine Kinder bekommen wollen; WELT vom 06.01.2022

Die Zeiten, in denen sich die Kirche in das Privatleben von Menschen einzumischen vermochte, sind unzweifelhaft vorbei. Auch wenn es Papst Franziskus nicht wahrzunehmen vermag, ist auch der Katholizismus schon lange keine moralische Instanz mehr, der die Weltbevölkerung folgt – selbst unter den eigenen Anhängern dürfte die Zahl derjenigen stetig zurückgehen, die Rom noch als Autorität oder Maßstab für die eigene Alltagsführung anerkennt. 

Denn nicht nur der Umstand, dass die Dogmatik der Religionen für immer weniger Menschen überzeugend wirkt und als Orientierung in ethischen Belangen herhalten kann, macht sehr deutlich: Es obliegt sicherlich gerade nicht dem Pontifex, in Sachen Familienplanung weise Ratschläge zu geben. Ob sich ein Paar für Kinder entscheidet, ist ihre ureigenste Entscheidung, bei der sicherlich besonders der Zeigefinger aus dem Vatikan völlig obsolet erscheint. 

In welcher Form zwei Personen heute Verantwortung füreinander und gegenüber der Gesellschaft einnehmen, ist ihre Sache – rechthaberische Versuche, mit dem Bischofstab Eindruck zu schinden und das unterschwellige Gefühl zur Verpflichtung zu erzeugen, vor Gott und der Welt mit Nachwuchs für den Fortbestand der Erdenbevölkerung beizutragen und neues Leben zu schaffen, sind nicht nur vollends unangebracht und unnötig. Sie gehen auch an biblischer Lehrmeinung komplett vorbei. 

Schlussendlich hat der vermeintliche Vater im Himmel nämlich bereits in den ersten Büchern Mose deutlich zum Ausdruck gebracht, dass er uns Geschöpfen umfassende Freiheit gewährt (z.B. Genesis 3,4-5). Dazu gehört nach meinem Verständnis auch ausdrücklich die Fähigkeit zur vernunftorientierten, differenzierten und vor allem höchstpersönlichen Abwägung über die Frage, inwieweit es die eigene Situation, der Wunsch und das Seelenbefinden zulassen, sich bewusst und in Überzeugung für Nachkommen auszusprechen. 

Pauschalurteile von christlichen Hirten sind in der Moderne übergriffig und aus der Zeit gefallen. Mit dem Ansinnen, Kompass sein zu wollen, vergrault Jorge Mario Bergoglio weitere Schäfchen. Nicht nur in deutschen Bistümern wird man es ihm danken!

Dennis Riehle - 05:09:30 @ Glaube

03.01.2022

Wo ist unser persönliches Bethlehem?

Leserbrief
zu: „Seelsorger:innen über die Jahreslosung 2022“, „evangelisch.de“ vom 02.01.2022

Es war zweifelsohne ein ambivalentes Weihnachten: Vielerorts hat die Floskel der „Stillen Nacht“ durch die Corona-Beschränkungen Wahrheitscharakter erhalten. Oftmals haben die unruhigen Proteste gegen die Politik das friedliche Fest lautstark durchbrochen. Und doch haben die meisten Menschen versucht, sich auch von der erneut ungewöhnlichen Situation nicht beirren zu lassen. Zweifelsohne wird auch 2022 nochmals Einiges von uns abverlangen. 

Wie gut, dass wir da noch die Worte von Friedrich Heinrich Ranke in den Ohren haben, der uns in seinem Kirchenlied „Herbei, o ihr Gläub’gen“ (EG 45/GL 143) aufruft, nach Bethlehem zu kommen. Das Reisen ist in Zeiten in einer Pandemie schwierig. Und wenn der Prophet den Berg nicht erreichen kann, muss es eben umgekehrt sein. Wo ist also unsere ganz persönliche Krippe, an der wir die Sorgen aus 2021, die Herausforderungen aus dem neuen Jahr ablegen können und darauf vertrauen dürfen, dass Gott sie in seinem Sohn annimmt? 

Wo steht der Stall in unserem Leben, den wir aufsuchen und in dem wir Nöte und Herausforderungen darzubringen vermögen? Welches ist der Ort, an dem wir uns besinnen und innehalten können? Schaffen wir uns ganz bewusst Wege, mit denen wir Kontakt zum Herrn aufnehmen können. Ob es das einkehrende Gebet ist, in dem wir unsere Gedanken übermitteln können. Ob es die Oasen-Momente der Auszeit sind, in denen wir wieder einmal zu uns finden und Abstand von aller Hektik, allem Trubel und dem Alltagsverdruss nehmen. Ob es die kleinen Dinge sind, die wir neu entdecken und die uns offenbar werden lassen, wie wertvoll unser Dasein ist. Ob es Freunde und Mitmenschen werden, welche wir in den nächsten Monaten wieder einmal hautnah aufsuchen, statt nur über Videochats mit ihnen zu kommunizieren.

Oder ob es ernstgemeinte Vorsätze sein mögen, vielleicht spiritueller oder seelsorgender Natur, mit denen wir uns etwas Gutes zu können – nicht das Ende vom Rauchen, viel mehr Sport oder weniger Arbeit, sondern Rituale und Methoden, die wir nicht nur zum Schein einhalten, um unser Gewissen zu erleichtern. Viel mehr braucht unsere Existenz nach diesen zerrütteten Wochen wieder Struktur und Halt, die wir nur mit bestätigenden und sinnstiftenden Formen der individuellen Erfüllung erreichen können. 

Fragen wir uns also, wohin uns der Stern lotst, wo unser ureigenes Bethlehem zu finden ist. Nehmen wir die Gelegenheit wahr, diesen Geburtsort als Sinnbild für einen Neustart unseres persönlichen Lebens zu begreifen. Nichts eignet sich besser als der Beginn eines Jahres, um sich glaub-würdige Gedanken darüber zu machen, welche Veränderungen tatsächlich notwendig und zielführend sind. Machen wir uns ehrlich mithilfe des Kindes dort in der Krippe, betrachten wir unser Hiersein mit seiner Unbeflecktheit, lassen wir los – und schaffen wir frische Perspektiven.

Dennis Riehle - 14:41:37 @ Glaube

28.12.2021

Warnt nicht, zaudert nicht – denn es gibt Grund zur Freude

Gedanken zum Weihnachtsfest 2021

Schon das zweite Jahr in Folge befinden wir uns in einer besonderen Situation. Noch immer sind wir der Corona-Pandemie ausgeliefert – und müssen auch diesmal das Christfest unter Einschränkungen feiern. Wenn wir auf die vergangenen Monate zurückblicken, dann keimten die ersten Perspektiven auf. Durch Impfungen und das bessere Wetter schien sich die Lage zu entschleunigen. Und doch kommen wir nicht zur Ruhe. Seit Wochen gehen die Kurven wieder nach oben, die Zahl der Betroffenen steigt. Wir müssen weiterhin wachsam sein und dürfen nicht nachlassen in unseren Bemühungen, „Covid-19“ entsprechend Einhalt zu gebieten.

Gleichsam war es im zu Ende gehenden 2021 auch die Zeit der Warnenden. Ob nun vor der nächsten Welle des Virus, den Folgen des Klimawandels oder einer möglichen politischen Instabilität und des wirtschaftlichen Abschwungs – selten habe ich so oft von Mahnungen zur beständigen Vorsicht gelesen, die uns über die Medien und im Alltag erreicht haben. Wie gut ist es da, dass wir nun endlich wieder einmal diese Worte hören: „Fürchtet euch nicht!“ (Lukas 2,10 – Lutherbibel 1912). Diese himmlischen Chöre und ihre Verheißung tun not in solchen Tagen! Immerhin sind wird gebeutelt und gezeichnet von Entbehrung und Bekümmerung.

Nein, es geht überhaupt nicht darum, leichtsinnig oder naiv in das neue Jahr zu gehen. Stattdessen ermutigen und erinnern uns die Worte des Engels an ein gewisses Urvertrauen des Menschen, welches wir durch immer häufigere Reflexe und Panik zu vergessen drohen. Ganz unabhängig davon, ob wir an einen Gott glauben: Wir benötigen einen grundlegenden Halt und ein Fundament, das erdet und in schwierigen Augenblicken nicht verzweifeln lässt. Orientierung gab vor über 2000 Jahren der „Stern von Bethlehem“. Und heute? Ist es die Inzidenz oder das 1,5-Grad-Ziel, das uns leitet und im politischen wie privaten Handeln lenkt?

Ähnlich, wie uns der Evangelist von der Engelskunde berichtet, so hat auch der Liederdichter Fritz Baltruweit 1981 an jeden von uns den Ausruf gerichtet: „Fürchte dich nicht“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 643.1, Ausgabe Baden, Karlsruhe: Evangelischer Presseverband für Baden e.V., 1. Auflage, 1995) – und er stellt unverhohlen fest: „Gefangen in deiner Angst. Mit ihr lebst du“. Das klingt zunächst wenig erbaulich, aber trotzdem ist es wahr: Mit unseren Sorgen und Nöten müssen wir einfach zurechtkommen. Es ist die Bestimmung unserer vernunftgeleiteten Spezies, das Dasein auch in Momenten der Furcht zu durchstehen.

Jeder von uns trägt sein eigenes Kreuz mit sich. Und oftmals habe ich in diesem Jahr in meiner ehrenamtlichen Arbeit in der Selbsthilfe und bei sozialen Vereinen gehört, wie Einsamkeit und Isolation zu einer wahren Seuche geworden sind. Sie belasten uns psychisch – und es ist dringend vonnöten, dass wir im Frühjahr endlich wieder zu neuer Gesellschaftlichkeit und menschlicher Nähe zurückkehren. Denn sie sind es, die uns letztlich Kraft und Energie spenden – und uns vor emotionaler Verarmung bewahren. Nicht selten haben mir Menschen im Gespräch gesagt, wie sehr ihnen die zweifellos nötigen Beschränkungen eine Pein sind.

Am Himmel über dem Heiligen Land verkündigte damals die Engelsstimme „große Freude“, Lukas erzählt an oben genannter Stelle davon. Maria und Josef hatten einen ebenso beschwerlichen Weg zurückzulegen und waren ausgemergelt von der langen Reise und der frustranen Suche nach einer Herberge. Für sie war es nur wichtig, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen – und es anschließend in Windeln gewickelt in die Krippe zu legen. Gleichsam tat sich Unsicherheit bei ihnen auf, denn die Nachricht, dass die Mutter den Heiland geboren habe, machte nicht nur die sie selbst nahezu sprachlos – fast die ganze Welt stand vor dem Umbruch.

Eine „Stille Nacht“ lag über dem Stall, letztendlich war die drängende Frage, wie es weitergeht – 2021 ist es nicht anders. So viele Variablen, so zahlreiche Modelle, wie unser Kontinent in die nächsten Jahrzehnte kommt. Doch was bringt uns Ruhe in unsere aufgewühlten Seelen? Baltruweit lässt uns nicht mit der Angst zurück. Er formuliert in der zweiten Strophe seines bereits erwähnten Liedes: „Getragen von seinem Wort, von ihm lebst du“. Es ist also beispielsweise dieses Wort des Engels. Aber nicht nur seines. Viel eher ist es auch der alltägliche Zuruf unserer Mitmenschen, von dem wir zehren und profitieren können.

Jeder von uns hat in diesem Jahr vermutlich größere Hürden nehmen und sich an verschiedenen Stellen kasteien müssen. Andere wiederum mussten wahrhaftig Leid ertragen. Ob bei der Unwetterkatstrophe, am Intensivbett des infizierten Angehörigen oder durch eigene Verwundung, Schicksale und Verlust. Auch nach meinem heftigen Krankheitsschub im Sommer habe ich mich danach gesehnt, eine frohe Botschaft zu hören, die von Frieden und Gnade handelt. Weihnachten bietet die Gelegenheit, nach vorne zu schauen, einen Neubeginn zu wagen und noch einmal durchzustarten. Mitten im Winter beginnt neues Grün zu sprießen.

Nachdem wir in Besinnung auf die metaphorisch und symbolträchtig anmutende Geschichte der Jesu-Geburt gelauscht haben, dürfen wir uns der eigenen und persönlichen Quellen rückversichern und uns bewusstwerden, dass sie in der Lage sind, uns durch tiefe Täler zu begleiten und uns in Richtung Vitalität, Aufbruch und Geborgenheit zu tragen. Schöpfen wir Mut und Zuversicht, dass nicht die Furcht oder die Warnungen siegen werden. Stattdessen ist es die Hoffnung auf Freudseligkeit und die Versöhnung mit unseren eigenen und den Schmerzen der Anderen, die befreiend wirkt. Loslösung vom Vergangen lässt uns wachsen.

Mit unserer Angst müssen wir uns zwar abfinden, aber sie bleibt nicht singulär in unserem Alltag und Leben stehen. Baltruweit sprach vom „Wort“. Es steht sinnbildlich für alles, was uns durch unsere Mitgeschöpfe an Gutem zuteilwird. Wie dankbar war ich über jedes Mitfühlen, Ablenken und Rückendecken. Wir sind als Menschen zum Kommunizieren und Interagieren befähigt und können auf verschiedenen Wegen miteinander in Verbindung treten. Ob in Form von Sprache oder sensiblen Gesten, durch Zuwendung oder gar Liebe. Das ist das Geschenk, welches uns zugutekommt – und dessen wir uns nicht nur zum Christfest klar werden sollten.

Als soziale Geschöpfe können wir Krisen durchwinden, weil wir einander haben und Solidarität zeigen können. Wie deutlich wurde das doch in den Hochwassergebieten in diesem Jahr! Schlussendlich wird nicht der Fall zu Boden das Letzte sein, sondern das Aufstehen nach oben. Weil wir uns als Sozietät haben, muss uns nicht mulmig sein. Den Schrecken der Dunkelheit überwinden wir mit der Macht der Engelszungen. Freude soll mit uns sein, weil jeder Tag uns die Chance zum Neuen schenkt. Lassen wir uns beeindrucken von den Worten und Werken, welche uns von unseren Nächsten beschert werden – nicht nur unter dem Weihnachtsbaum…

Dennis Riehle

Dennis Riehle - 05:06:57 @ Glaube

21.12.2021

Stell’ dir vor, es weihnachtet sehr - und keinen interessiert’s…

Leserbrief
zu: „Wie Weihnachten in die Welt kam und warum Luther das Christkind erfand“, „Stimme“ vom 20.12.2021

Es wird Weihnachten - und keiner feiert?! Ja, diese Wochen sind schwer. Ob es nun die direkten und mittelbaren Folgen von Corona oder ganz persönliche Schicksale dieses Jahres sind: Wir sind eingeladen, all unsere Sorgen und Nöte an die Krippe zu tragen und sie bei Jesus abzulegen. Das Kind in seiner Geburt symbolisiert nicht nur den Neuanfang in aller Krise. 

Es macht uns im Wissen und in der zwingenden Parabel zwischen Christfest und Ostern gleichermaßen bewusst, wonach es für eine Katharsis des Leidens bedarf, um anschließend in Hoffnung und Zuversicht wieder erwachsen zu können. Inwieweit eine Pandemie oder jedes andere Gebrechen nötig sind, gestärkt in die Zukunft gehen zu können, vermag niemand so recht zu beantworten. 

Dennoch können wir beim Blick nach Bethlehem feststellen, dass es manchmal lediglich die anfänglich unscheinbar wirkenden Selbstverständlichkeiten braucht, um Ermutigung zu erfahren. 

Es sind die kleinen Zeichen der Menschlichkeit, die wir in einer Dekade mancher Überheblichkeit und Egozentrik übersehen, obwohl sie unserem sozialen Miteinander überhaupt erst diese Wärme geben, die auch Maria und Josef ihrem geborenen Baby im Stall inmitten von Tieren und Stroh schenkten.
 
Lassen also auch wir uns anstecken von der Wundersamkeit der Heiligen Nacht, die über den Karfreitag hinausstrahlt und uns erfahren lässt, dass mit Elend und Pein vielleicht doch nicht das letzte Wort gesprochen ist.

Dennis Riehle - 06:18:46 @ Glaube

16.12.2021

Segen für das Klima…

Leserbrief
zum Auftakt der protestantischen Hilfsaktion „Brot für die Welt“

Die deutschen Protestanten haben im Eröffnungsgottesdienst zu “Brot für die Welt” der politischen Klimaerweckung eine Bühne geboten: In der Detmolder Christuskirche feierte die Gemeinde zum Auftakt der bundesweiten Hilfsaktion unter liturgischer Mitwirkung der örtlichen “Fridays for Future”-Gruppe. Diese nutzte die Gelegenheit, um die Evangelische Kirche in ihrem Sinne zu kapern - und offenbar empörte sich keiner der Gläubigen. 

Im Gegenteil: Einstimmig wurden Pauschalisierungen hingenommen, die die Vertreterin der Protestbewegung aufbrachte. Ohne die dargestellten Kausalzusammenhänge kritisch zu hinterfragen, lauschten die Anwesenden dem erhobenen Zeigefinger. Während man nach außen nahezu scheinheilig und kräftig in die ersten Adventslieder einstimmte, dürfte manch ein Aktivist im Chorraum insgeheim wohl eher die Götzin Thunberg gepriesen haben. Fotos aus den Flutgebieten sorgten für Scham und Schuld, die menschgemachte Erderwärmung sei alleiniger Auslöser der extremen Wetterereignisse dieser Tage. Ein Schelm, wer dabei auf den Gedanken kommt, dass sich mit Panikmache am meisten Spendengeld akquirieren lässt.

Zweifelsohne: Die Wahrung der Schöpfung muss die Religionen etwas angehen. Und ja, sie sollen sich ausdrücklich gesellschaftsthematisch äußern und positionieren. Wenn sich aber Glaubensgemeinschaften vor den Karren einer aufbegehrenden Generation spannen und sich zum Multiplikator von Neubauers und Reemtsmas Parolen missbrauchen lassen, irritiert mich das. Kanzeln sollen dazu dienen, den Schäfchen die biblische Botschaft nahezubringen. Dazu gehört auch, sie zu einem ressourcenschonenden und nachhaltigen Verhalten zu ermutigen. 

Denn das dürfte im Sinne Gottes sein, der uns diese Erde unter der Maßgabe verantwortungsvollen Handelns überlassen hat. Predigten sind aber nicht dafür da, zu Aktionismus aufzurufen und Beklemmungsgefühle zu säen. Nicht das erste Mal lässt sich die Institution Kirche instrumentalisieren. Es gehört nicht zu ihren Aufgaben, lobbyistische Thesen ungeprüft und generalisiert zu verbreiten. Wir wissen bis heute nicht abschließend, welche anthropogenen Effekte auf das Klima Einfluss haben. Deshalb täten auch Christen gut daran, nicht blind auf scheinbar zeitgeistige Angstmacherei hereinzufallen und ihren Lebensstil statt aus dem Selbstzweck des Popularismus und wissenschaftlicher Modellrechnungen viel eher in Überzeugung und Glaube an einen respektvollen Umgang mit dem Geschenk des irdischen Daseins anzupassen. 

Wir sollten dabei auf die gottgegebene Vernunft vertrauen, weniger auf manch jugendliche Emotionalität und Naivität. Kirchen sind Orte des stillen Gebets und der überlegten Verkündigung, nicht der schrillen Töne und des lauten Geschreis. Wer politische Reden hören möchte, kann sich von unzähligen Talkshows aufreiben lassen. Wenigstens Gotteshäuser müssen Hallen der inneren Einkehr bleiben - wenn sie nicht bereits zu bloßen Sprachrohren des Mainstreams verdorrt sind.

Dennis Riehle - 09:28:23 @ Glaube

Ist Glaube ohne Kirche möglich?

Leserbrief
zu: „Gott ist immer für uns Menschen da!“, „Domradio“ vom 08.11.2021

Ich gehöre seit vielen Jahren nicht mehr der Kirche an, glaube aber weiterhin an Gott. Auch wenn ich eine Phase der Zuneigung gegenüber dem evolutionären Atheismus verspürt hatte, bin ich mittlerweile wieder zu christlichen Überzeugungen zurückgekehrt und behaupte, dass die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft zwar einen Rahmen für die Ausübung der eigenen Weltanschauung bietet. 

Und natürlich wissen wir um den Mehrwert der Gemeinschaft. Gemeinsames Singen, gemeinsames Beten und gemeinsames Feiern haben insbesondere in sozialer Hinsicht eine nachgewiesene Bedeutung. Das bedeutet aber keinesfalls, dass Glaube Kirche bedingt – oder umgekehrt. Zwar hat auch Jesus die Gemeinschaftlichkeit immer wieder betont. Und die Pfingstgeschichte macht deutlich, dass eine Bewegung im Sinne einer Kirche auch biblisch begründet ist. 

Dennoch gibt es aus meinem Verständnis keinen unmittelbaren oder gar zwingenden Zusammenhang zu unserem Gottesglauben. Denn wer sich – wie auch ich – Rituale des alltäglichen Lebens schafft, der kann ein religiöses Leben ohne die Zugehörigkeit zu einem Zusammenschluss führen. Denn die Nachfolge im Sinne Christi beruht vor allem auf der Ermutigung, das eigene Dasein in den christlichen Dienst zu stellen.  Dies kann in einem Verbund geschehen – letztlich bleibt der Glaube aber nicht nur Privatsache, sondern eine höchstpersönliche Entscheidung des Einzelnen, die er durch Erkenntnis und Fügung erlangt. Kirchen können die Überbringer der frohen Botschaft sein. Leider beschäftigen sie sich heute allzu sehr mit sich und den zeitgeistigen Fragen. 

Ihr seelsorgerlicher und verkündigender Auftrag ist in den Hintergrund getreten, weshalb wir im Sinne der lutherischen Anregung am „Priestertum aller Gläubigen“ festhalten sollten – und selbst die besten Prediger sind. Deshalb verkommt der Stellenwert der Kirche im Alltag der Menschen nicht ohne Grund zu einer Nebensache: Sie finden dort keine Antworten mehr, weil von den Kanzeln Politikerreden geschwungen werden, die wir gleichsam am TV-Bildschirm haben können. Deshalb verstehe ich es gut, wenn sich gläubige Christen der Kirche entsagen und stattdessen eine fromme Existenz abseits der Gemeinschaft wählen. 

Die Taufe ist universell gültig, sie ist nicht zeitlich oder an die Mitgliedschaft in einer Konfession gebunden. Unser Bekenntnis zu Gott formt sich aus der Zuwendung zu ihm, keinesfalls ist sie abhängig davon, ob ich in einer religiösen Gruppierung verwurzelt bin. Im Gegenteil: Oftmals sind wir heute durch die Kirchenmitgliedschaft von klein an sozialisiert worden und bekommen erst recht spät die Chance eingeräumt, souverän über die weitere Zugehörigkeit zu befinden. Daher ist das Freisein von der Institution ein gangbarer Weg der Emanzipation eines Jeden, der sich für seinen Gottesglauben ohne Kirche niemandem rechtfertigen muss. Viel eher geben uns die Worte der Schrift Anleitung genug, wie wir unsere irdische Existenz allein unter Segen und Zustimmung des Herrn behaupten können. Religiöse Praxis in Gemeinschaft kann Überzeugungen bestärken; sie ist für unseren Glauben aber nur ein Zubrot.

Dennis Riehle - 09:24:13 @ Glaube

Christlicher Tacheles

Leserbrief
zur Rückschau auf den Reformationstag 2021

Nach Jahrhunderten seit des Thesenanschlags von Martin Luther ist die Reformation aktueller denn je. Denn nicht nur die katholische Kirche hat momentan zu kämpfen. Teilweise muss der Protestantismus in Deutschland stellenweise sogar deutlich stärker an Mitgliedern federn lassen, als es bei den vom sexuellen Missbrauch und der Frage nach dem „Synodalen Weg“ gebeutelten Mitchristen der Fall ist. Die evangelische Seite muss sich in diesen Zeiten vor allem fragen, warum sie vom religiösen Verkündiger zum politischen Forderer geworden ist. 

Immer öfter greift sie in die Tagespolitik ein – und versteht sich damit als ein wesentlicher „Player“ in Themen wie Migration, Pluralismus und Armut. Zweifelsohne: Es war bereits das Ansinnen der Reformatoren, die Kirche auch zu einem Sprachrohr für gesellschaftliche Missstände zu machen. Und ich begrüße es zweifelsohne, dass sie sich in ihren Predigten zu den himmelschreienden Schieflagen auch in unserem Land äußert. Wer aber Politikerreden hören möchte, sollte in den Bundestag gehen. Von einer Kirche erwarte ich etwas anderes als latente Wahlwerbung. 

Die Rückbesinnung auf ihren wesentlichen Auftrag hat sie seit Jahren versäumt, obwohl viele ausgetretene Schäfchen den Finger genau in diese Wunde legen: Wer am Sonntag den Gottesdienst aufsucht, möchte auf Grundlage des Evangeliums eine Botschaft hören, die konkrete Anleitung für den Lebensalltag des Einzelnen gibt. Die EKD mit ihren Gliedkirchen fährt stattdessen seit geraumer Zeit den Kurs, auf einer Metaebene mitsprechen zu wollen – und vergisst dabei, dass es ihre eigentliche Aufgabe wäre, die Gläubigen in ihrer Existenz abzuholen. 

Gerade in Augenblicken der Krise und der persönlichen Schicksalsschläge muss der seelsorgerliche Dienst wieder sehr viel mehr Raum einnehmen. Kirche braucht neue Empathie für die Leiden der Menschen, statt abstrakt Sachpolitik zu kommentieren. Den Theologen sollte es Ansporn sein, von den Kanzeln für die Nachfolge Jesu zu begeistern – und anhand seines Werkes aufzuzeigen, wie das Leben auch in den schwierigen Momenten gelingen kann. Das biblische Wort gibt praktische Anweisungen für das Dasein in der Not, die uns Laien übersetzt und nahegebracht werden sollten. Christlicher Tacheles statt zeitgeistiges Gerede – das wünsche ich mir für die Kirche des 21. Jahrhunderts, die sich nicht nur am 31. Oktober der Klarheit von Wittenberg bewusst werden darf.

Dennis Riehle - 09:19:05 @ Glaube