20.09.2022

Undifferenzierte Darstellung der Antidepressiva-Debatte

Pressemitteilung
Bundesverband Burnout und Depression kritisiert ARD-Reportage

„Es ist nicht neu, dass das Thema ‚Antidepressiva‘ die Gemüter bewegt und polarisiert. Allerdings hätten wir uns von einer Reportage im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mehr Ausgewogenheit in der Reflexion der seit über 20 Jahren andauernden Diskussion gewünscht. Denn um ihn nur in schwarz-weißer Schattierung zu betrachten, dafür ist der Komplex viel zu ernst“, erklärt Thomas Grünschläger, Vorsitzender des Bundesverbandes Burnout und Depression e.V. zur Dokumentation „Tabletten gegen Depressionen – helfen Antidepressiva?“ von „Das Erste“ des 12.09.2022.

Insgesamt sei der Tenor des Fernsehbeitrages aus seiner Sicht aber tendenziell negativ gewesen, was die Beurteilung der “Happiness-Pillen” angeht: “Zweifelsohne brauchen wir noch mehr Langzeitstudien, um mögliche dauerhafte Schädigungen durch Antidepressiva besser bewerten und Abhängigkeitspotenziale sicher ausschließen zu können. Natürlich ergibt sich auf perspektivische Sicht ein Gewöhnungseffekt an solche Tabletten. Allerdings existieren viele Medikamente, bei denen ein Absetzen des Wirkstoffs zur Rückkehr von Symptomen führt. Das ist jedoch kein Alleinstellungsmerkmal für antidepressive Präparate, sondern kann bei Blutdruckmedikamenten genauso beobachtet werden wie bei einer notwendigen Therapie mit einem Schmerzmittel oder Lipidsenkern. Insofern muss man fair sein und sollte Psychopharmaka nicht aufgrund manchen Vorurteils anders betrachten als Arzneimittel sonstiger Gattungen. Erfahrungsgemäß können insbesondere endogene Depressionen durch eine pharmazeutische Mitbehandlung besonders gut beeinflusst werden”, so Grünschläger.

Der Psychosoziale Berater des BBuD, Dennis Riehle, blickt durch seine eigene Erfahrung als Betroffener einer Vielzahl mannigfaltiger psychischer Erkrankungen, gleichsam durch viele Berichte von ihm begleiteter Mitpatienten, zusammenfassend mit einem eindeutig positiven Eindruck auf den Einsatz von Antidepressiva und empfiehlt mehr Gelassenheit im Umgang: Dass die Menge der verschriebenen Psychopharmaka in den letzten Jahren deutlich zugenommen habe, liege vor allem am Anstieg der verzeichneten seelischen Erkrankungen selbst: “Unsere Gesellschaft ist insgesamt psychisch labiler geworden, weil Probleme und Herausforderungen komplexer als früher sind und wir durch einen zunehmenden Wohlstand und falsche Krisenerprobtheit weniger Resilienz aufbauen konnten. Daneben ist es aber gleichsam so, dass Menschen heute durch die Entstigmatisierung psychischer Leiden und das Bewusstsein um deren Existenz eher und schneller den Arzt oder Psychotherapeuten aufsuchen und sich - auch mit Medikamenten - helfen lassen wollen. Das ist eine gute Entwicklung, weil die Sensibilität steigt”. Jedoch dürften Fehler aus der Vergangenheit nicht wiederholt werden, sagt Riehle: “Dass wir nervöse Kinder oder unruhige Senioren mit Arzneimitteln ruhiggestellt haben - und dies leider auch heute noch manches Mal tun - ist ethisch verwerflich und trägt zum Verruf von Psychopharmaka bei. Hier liegt eine grundsätzliche Neigung zur Pathologisierung vor, welche die Schattenseite einer aufgeklärten Gesellschaft abbildet. Denn nicht jede von der Norm abweichende Verhaltens- oder Denkweise ist sofort krankhaft und muss behandelt werden”.

Der Berater meint zudem: “Grundsätzlich sollte Psychotherapie die erste Wahl sein. Doch gerade bei akuten Krankheitsschüben kann manchmal eine notfallmäßige Intervention mit Arzneimitteln nötig werden. Gleiches gilt für den Fall, dass ein Betroffener durch seine Symptomatik derart belastet ist, dass er einer psychotherapeutischen Maßnahme nicht zugänglich ist. Und auch bei schweren psychiatrischen Erkrankungen kann eine Zweigleisigkeit sinnvoll sein, um einen Therapieerfolg zu stabilisieren und Leidensdruck zu nehmen”. Es brauche stets eine kritische Abwägung, ob man nicht auch ohne Medikamente auskomme. Wenn man dabei aber zur Entscheidung gelange, dass eine unterstützende Begleitung durch Psychopharmaka sinnvoll sei, müsse man sich dafür nicht entschuldigen: “Eine pauschale Verurteilung der heutigen Psychiatrie ist unangebracht und liegt mir fern. Wenn ein Arzt unter Einbeziehung des Patientenwillens zum verantwortungsvollen Entschluss gelangt, Antidepressiva einzusetzen, erkenne ich es respektvoll an und unterstütze das. Ob Depression, Burnout, Angst, Zwang oder Panikstörung: Es braucht stets eine Gewichtung von Pro und Contra, leichtfertig sollte man Präparate nie verordnen oder einnehmen. Medikamente dürfen nicht deshalb angewendet werden, weil sie den einfacheren Weg darstellen. Maßstab sollten Intensität, Dauer und Tiefe der Symptome, Krankheitseinsicht und Psychotherapiefähigkeit des Patienten sein” erklärt Dennis Riehle.

Abschließend müsse man sich auch klarmachen, dass die allermeisten psychischen Erkrankungen auch eine körperliche Ursache haben: “Sobald Schilddrüsenprobleme oder ein Vitaminmangel ausgeschlossen sind, muss man an den endokrinen Haushalt im Kopf denken. Denn nicht selten gibt es Veränderungen am biochemischen Hirnstoffwechsel. Gerade die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin können bei vielen Patienten mit einem scheinbar nur auf die Seele bezogenen Leiden im synaptischen Spalt nicht hinreichend verwertet werden und wirken daher zu wenig oder zu kurz. Da können Antidepressiva, die die vorschnelle Wiederaufnahme der Gewebshormone in den Kreislauf hemmen und damit ihren Verbleib an den wichtigen Stellen des Gehirns fördern, einen Beitrag zur physiologisch ursächlichen Behandlung leisten”, so Riehle.

Dennis Riehle - 04:46:06 @ Gesundheit

31.01.2022

Selbsthilfeinitiative mahnt vor Burnout als Tsunami!

Pressemitteilung
Nach dem Geständnis von Fußball-Manager Eberl…

Der Fußball-Manager und jahrzehntelanges Gesicht des Vereins Borussia Mönchengladbach, Max Eberl, hat aufgrund einer psychovegetativen Erschöpfung seinen plötzlichen Rückzug aus der Branche bekanntgegeben und auf einer emotionalen Pressekonferenz viele Beobachter mit seinen Worten überrascht: Auffallend ehrlich ging Eberl mit seiner offenbaren Dekompensation um und bat um Verständnis für seine Lage. Er wolle erst einmal nichts mehr mit Fußball zu tun haben und sich vollständig aus der Situation herausnehmen, sagte der bekannte Spieler, der für Kontinuität gestanden hatte – und gerade deshalb bei vielen Fans und im Club mit seiner Flucht nach vorne für Aufsehen sorgt. Gleichsam kommt ihm Bewunderung für sein Bekenntnis zu seinem Ausgebranntsein zu, welches offenbar über längere Zeit hinweg entstand und durch die Corona-Pandemie verschlimmert wurde.

Damit steht Eberl nach Einschätzungen der Selbsthilfeinitiative Zwänge, Phobien und Depressionen stellvertretend für viele Menschen, die in der aktuellen Krisenzeit mit zunehmenden psychischen Beschwerden zu kämpfen haben und sich zwischen einer Über- und Unterforderung befinden. Stress durch das eigene Homeoffice und Homeschooling der Kinder, gleichsam fehlende soziale Kontakte und eine große Unsicherheit darüber, wie es weitergehen wird. All das schaukele sich mit der Zeit zu einer gefährlichen Mischung auf, meint der Leiter der Initiative, Dennis Riehle: „Die Notwendigkeit zum Multi-Tasking, gleichsam wenig Orientierung und Kontrolle und jeden Tag neue Regeln und Vorgaben – das ist Gift für den ansonsten von Natur aus auf Beständigkeit ausgerichteten Menschen“, so der 36-jährige Psychosoziale Berater, der gleichzeitig feststellt: „Oftmals entwickelt sich über einen gewissen Abstand hinweg eine zunehmende Entfremdung von den eigenen Interessen, Kontakten und der Arbeit. Die Verhaltensstruktur ändert sich und nicht selten wackelt auch die Emotionalität der Betroffenen. Ehe es irgendwann zum Zusammenbruch und der Katharsis kommt, ist es manchmal nicht nur für den Erkrankten eine Leidensstrecke, die auch die Angehörigen vor erhebliche Herausforderungen stellt, weil sie ebenfalls die Covid-19-Maßnahmen spüren und parallel die Familie zusammenhalten müssen. Während sich Manche in völlige Isolation begeben und damit dem Risiko eines Boreouts aus fehlender Abwechslung, Sinn und Tagesstruktur ausgesetzt sind, brechen die Burnout-Patienten zusammen und sehen sich einem Nervenzusammenbruch ausgesetzt. Danach muss darauf geachtet werden, dass der Übergang in die Depression nicht fließend ist“, erläutert Riehle als auch Betroffener, der aber wichtige Unterschiede nennt:

„Auch wenn wir Burnout und Depression in der Alltagssprache heute oftmals synonym verwenden, befinden sich dahinter doch deutlich abweichende Diagnosen: Typisch für das Burnout sind anfängliche Rastlosigkeit, Anspannung und nahezu eine Hypomanie, also eine kaum zu bremsende Aktivität, die vor allem den Beruf betrifft. Nachdem die Erschöpfung beim Ausgebranntsein zu einem der ersten Symptome gehört, ist sie bei der Depression eher sekundär. Beim Burnout zeigen sich wesentlich psychosomatische Beschwerden, während bei der Depression die Beeinträchtigung der affektiven Stimmungsfähigkeit ganz im Vordergrund steht – und damit vor allem negative, traurige und perspektivlose Gedanken“.

Gleichzeitig liege bei Depressionserkrankten über eine längere Episode eine bleierne Schwere über Körper und dem Gemüt, während sich die Emotionalität im Burnout-Prozess eher fluktuierend zeige: „Beim Ausgebranntsein bestehen noch diverse Gefühle von Unzufriedenheit, Verärgerung, Initiativlosigkeit und mangelnder Teilnahme bei gleichzeitigen Vorwürfen gegenüber anderen Mitmenschen und einem Depersonalisationsverhalten. Depressive Personen sind zermürbt, oftmals ohne Hoffnung und emotional wie im Agieren erheblich abgeflacht. Die Vielfalt an psychiatrischen Symptomen kann bis hin zu psychotischen Ansätzen reichen, körperliche Beschwerden kommen – wenn überhaupt – meist erst im späten Krankheitsverlauf dazu. Weinerlichkeit und Selbstvorwürfe prägen das Bild und werden von Resignation, Abstumpfung und Vernachlässigung des Ichs begleitet“, sagt Riehle, der ergänzt: „So weit muss es oftmals gar nicht kommen, wenn man selbst und die Angehörigen diese Frühwarnzeichen erkennen und dann rasch intervenieren. Bei Max Eberl scheint dies möglicherweise gelungen zu sein. Entsprechend wünschen wir ihm und allen, die von Burnout und Depression betroffen sind, wonach sie rasche Hilfe aufsuchen“.
So gibt auch die Mailberatung der Selbsthilfeinitiative eine niederschwellige Unterstützung, ermöglicht eine durchtragende und ergänzende Begleitung und Seelsorge und beantwortet Fragen zu Sozialleistungen, Schwerbehinderteneigenschaft, Erwerbsminderungsrente oder berufliche und medizinische Wiedereingliederung. Sie ist als ehrenamtliches Angebot für jeden Ratsuchenden kostenlos, kann aber keine medizinische oder psychotherapeutische Konsultation oder anwaltliche Sozialrechtsdienstleistung ersetzen, sondern versteht sich als zusätzliche Maßnahme, beispielsweise als Überbrückung oder Verstärkung der Versorgung.

Schlussendlich ruft Dennis Riehle auf, sich für eine psychische Erkrankung nicht zu schämen: „Das vorbildliche Outing von Max Eberl trägt hoffentlich dazu bei, dass das Burnout vor allem in der derzeitigen SARS-CoV-2-Krise in die Aufmerksamkeit rückt. Niemand kann etwas für dieses Leiden, viel eher kann es jeden von uns treffen. Und dann erwarten wir zurecht, dass unser Umfeld verständnisvoll reagiert und uns unter die Arme greift. Gleichsam braucht es noch viel Engagement, um die Entstigmatisierung voranzutreiben. Da ist solch ein Auftritt eines Fußballprofis natürlich ganz wichtig, weil er Vorbild ist und klarmacht, dass zum Leben auch Zerbrechlichkeit dazugehört“, so der Konstanzer, der sich mit der Selbsthilfeinitiative weiter für die Akzeptanz von Burnout- und Depressionserkrankungen stark machen möchte, gleichzeitig prognostiziert er: „Die Welle an psychischen Folgen der Pandemie ist noch weit auf dem Meer. Wenn sie im Hafen als Tsunami auf Land bricht, braucht es massive Intervention von Politik und Gesellschaft. Wir fordern daher die Reform der Bedarfsplanung für Psychotherapie-Plätze, den Ausbau psychologischer Beratungsstellen und eine stärkere Förderung von Selbsthilfeangeboten“. Die Selbsthilfeinitiative wird gleichsam mit ihren Dienstleistungen versuchen, einen Beitrag zur Gesundheitsförderung zu leisten und will Betroffenen und deren Angehörigen mit Rat zur Seite stehen: „Solch eine psychische Diagnose erfordert Rückhalt für den Erkrankten und Kräftigung für die gesamte Familie!“, sagt Riehle abschließend – und sieht sich durch die Nachfrage der Betroffenen bestätigt.

Kontakt: info@selbsthilfe-riehle.de

Dennis Riehle - 10:47:29 @ Gesundheit