Dennis Riehle

  

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Aus aktuellem Anlass:

 

Offenes Schreiben an das Paul-Ehrlich-Institut
Ich bin kein Corona-Leugner und kein Impf-Gegner, ich will lediglich Transparenz!
Offener Brief_PEI_Mögliche Langzeitfolgen der Corona-Impfung.pdf (5.82KB)
Offenes Schreiben an das Paul-Ehrlich-Institut
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Liebe Besucher,


an dieser Stelle haben Sie die Möglichkeit, in meinem Blog von mir verfasste Texte zu lesen. Darunter finden sich Pressemitteilungen, Leserbriefe und Standpunkte zu Themen der Zeit, kritische Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Entwicklungen sowie soziale und politische Meinungsbeiträge, die nicht den Anspruch erheben, in jedem Fall dem "Mainstream" zu entsprechen. Deshalb ist es nicht ausgeschlossen, dass Sie manche Beiträge nachdenklich machen oder gar Ihre eigene Gegendarstellung provozieren. Gerne können Sie mir deshalb auch Ihr Feedback unter Mail: Riehle@Riehle-Dennis.de zukommen lassen. Ich freue mich auf den Austausch mit Ihnen!


Ihr Dennis Riehle


V.i.S.d.P. für diesen Blog:

Dennis Riehle

Martin-Schleyer-Str. 27

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18.07.2021

Augen öffnen, sensibilisieren, umdenken!

Leserkommentar
Wenn Kontaktbeschränkungen und Unfreiheit zum Dauerzustand werden:
Corona-Maßnahmen machen auf die Situation von Strafgefangenen aufmerksam…

Viele Menschen atmen auf: Nach Monaten der Beeinträchtigung lockert der Staat schrittweise die Corona-Regeln – und gibt der Bevölkerung damit nach und nach ihre Freiheitsrechte zurück. Irgendwie wirkt es geradezu peinlich, wie sehr sich die Bürger über diese Zurückgewinnung von scheinbaren Selbstverständlichkeiten freuen. Man mag es kleinen Kindern zugestehen, ihre Euphorie über Präsente zu zeigen. In einer rationalen Welt der Erwachsenen wäre Demut angemessen. Nicht allein deshalb, weil es keinesfalls natürlich ist, dass wir eine solche Pandemie vergleichsweise rasch in Schach halten konnten – auch wenn viele ein anderes Gefühl haben mögen. Sondern vor allem auch daher, weil der Anspruch auf Autonomie eben nicht gottgegeben ist. Unser alltäglicher Umgang mit der Selbstbestimmtheit und Eigenverantwortung eines demokratischen Rechtsstaats stumpft unsere Wertschätzung für diese vermeintlichen Gewohnheiten erheblich ab. Und er trägt dazu bei, dass wir unseren Anspruch auf Ungebundenheit zwanglos formulieren – obwohl sie abseits der rechtlichen Einordnung nämlich doch ein Privileg ist.

Viele Deutsche haben zwischenzeitlich Sorge gehabt, die Kontaktbeschränkungen und die Unfreiheit könnten zum Dauerzustand werden. Dass dies für viele Menschen in unserem Land aber oftmals seit vielen Jahren und Jahrzehnten Normalität ist, daran denken wir aus meiner Sicht viel zu selten. Strafgefangene verbringen nicht selten viel Zeit ihres Lebens hinter Gittern – und sind damit permanent einem Freiheitsentzug und sozialer Isolation ausgesetzt. Gerade jetzt können sich sicherlich zahlreiche Bürger vorstellen, welche Konsequenzen eine ständige Separierung von der Lebenswirklichkeit hat. Worüber wir nach gerade einmal neunzehn Monaten Epidemie stöhnen, ist für Häftlinge die Realität über ganze biografische Abschnitte. Die Konsequenzen werden uns bereits nach der vergleichsweise kurzen Epoche der Entbehrung deutlich: Vereinsamung, psychische Erkrankungen, Hoffnungslosigkeit, Tendenzen zum Rückzug oder Aggression, körperliche Erschöpfung und vieles mehr. Wie mag es dann nur denjenigen ergehen, die zu einer lebenslangen Einkerkerung verurteilt wurden? Natürlich werden wir reflexartig antworten: „Die haben es doch nicht anders verdient!“ – und lassen damit unserem emotionalen Populismus freien Lauf, in dem wir uns mit einer Mehrheit der Bevölkerung vereinigt sehen.

Es geht in dieser Diskussion nicht um die Frage, ob Verbrecher straffrei davonkommen sollen. Vielmehr geht es im 21. Jahrhundert um eine notwendige, angemessene und differenzierte Diskussion darüber, ob der Strafvollzug, wie wir ihn bisher kennen, tatsächlich ein zukunftsfähiges Modell sein kann, um den modernen Erwartungen an einen zivilisierten Rechtsstaat gerecht zu werden – und ob nicht Alternativen denkbar wären, welche für alle Seiten zu mehr Befriedigung, Sühne, Buße, konstruktiver Wiedergutmachung und aktiver Auf- und Verarbeitung von Geschehenem beitragen und nicht zuletzt zur Vergebung führen können. Nein, Opfer und ihre Angehörigen sollen keinesfalls den Eindruck bekommen, dass ihr Bedürfnis nach Genugtuung mit solch einer Debatte untergraben würde. Ja, es mag so wirken, als ob man mit dem biblischen Gleichnis aus Matthäus 5,39 um die Ecke kommt: „Leistet dem, der Böses tut, keinen Widerstand! Nein! Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch die andere hin“. Genauso singulär wie dieses Zitat dürfen wir auch den vorhergehenden Vers der Schrift nicht in seiner Alleinstellung belassen: „Auge um Auge und Zahn um Zahn“. Weder in der einen, noch in der anderen Aussage steckt einzige Wahrheit. Denn es ist unbestritten, dass es im Rechtsstaat bei Fehlverhalten schon allein zur Sicherstellung des gesellschaftlichen Ausgleichs und des erzieherischen Gedankens zu Sanktionen kommen muss. Gleichzeitig ist aber auch richtig, dass Gefängnismauern keine Kompensation für einen Verlust herstellen.

Das Äquivalent, wonach eine zerstörte Existenz des Einen mit einem qualvollen Dasein des Anderen zu Gerechtigkeit beiträgt, kann allein aus psychologischen Gründen widerlegt werden – und es hinkt überdies gewaltig. Immerhin sollte uns der simple Grundgedanke, dass ein verlorenes Leben des Opfers gerade nicht durch ein möglichst langes Leiden des Täters wiedergebracht werden kann, nachhaltig wachrütteln. Denn es ist ein unbändiger Trugschluss, wonach immer höhere Strafen zu mehr Zufriedenheit von Betroffenen und Hinterbliebenen einer Straftat beitragen. Vielmehr entschädigt uns diese Rachsucht nur kurzweilig, solange Schock, Wut und Hass die Trauer verdrängen. Insofern ist es wohl ratsam, darüber nachzudenken, ob man mit neuen Ideen zum Justizvollzug auch ein Anteil zur Aussöhnung beitragen kann. Ausgleiche in Mediation und Gesprächen zeigen uns schon seit langem, dass es sinnhafter zu sein scheint, auch von Seiten des Geschädigten und seiner Hinterbliebenen zu versuchen, die Beweggründe, Vita und Auslöser für das Handeln des Straffälligen zu verstehen. Die aufgeschreckte Seele der Verwundeten kommt nicht deshalb zur Ruhe, weil der Verurteilte über Epochen im Knast schmoren muss. Sie steht allein dann in Einklang, wenn aufgestaute Gefühle durch eine professionelle Streitschlichtung ausgeräumt worden sind. Schlussendlich ist das nur durch eine aus dem Schmerz erwachsene Bereitschaft zur Gnade möglich – und kann nicht erzwungen werden. Gleichwohl ist Reue ein wesentlicher Katalysator, um diesen Prozess gelingen zu lassen.

Daneben scheint aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre die Erkenntnis zu reifen, dass Wegsperren keinerlei Lösung sein kann. Stattdessen zeigen viele Projekte in unserem Land und international ganz vorbildlich, wie zeitgemäßes Ausformen des Hausarrests, die Ableistung von gemeinnütziger Arbeit, therapeutische Interventionen, seelsorgerliche Begleitung, lebensnahe Ausgestaltung der Sicherungsverwahrung, Dialoge aller Beteiligten, Bildungsmaßnahmen oder die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung straffällig Gewordener zu positiven Ergebnissen und echter Verständigung  verhelfen können. Abgesehen davon, dass der Staat weiterhin zu viel Augenmerk auf Reaktion statt notwendiger Prävention zu richten vermag, scheint die Stunde des Umdenkens gekommen, was eine Justizreform angeht. Entsprechend unterstützenswert erscheinen die Ansätze von Fachleuten, die in der bisherigen Eindimensionalität unseres Bestrafungswesens einen dringenden Veränderungsbedarf sehen. Sicherlich bedarf es für einen gesellschaftlich mitgetragenen Paradigmenwechsel ganze Generationen. Doch wir sind dazu aufgerufen, damit heute zu beginnen. Letztlich muss eine seit Jahrhunderten geltende Fokussierung auf einen einzigen Ansatz irgendwann überholt sein, zumal sich herausgestellt hat, dass der Strafvollzug oftmals dazu beiträgt, dass Verbrecher erst hinter den „Schwedischen Gardinen“ zu wirklich Schwerstkriminellen werden – und eine Resozialisierung hinter Gitterstäben zum Scheitern verurteilt ist. Es ist wenig überraschend, dass Individuen zu seelischen Krüppeln werden, wenn sie über Jahre von der Außenwelt abgeschnitten werden und in Absonderung verelenden. Der Weltgemeinschaft des ausgehenden Jahrhunderts fehlt es noch immer an einer humanen Antwort auf Schuld, die zum menschlichen Dasein dazugehört. Heinemann und Dostojewski hatten recht, wenn sie den Zustand von Zivilisation an deren Umgang mit ihren Schwächsten und Strafgefangenen festmachen…

DennisRiehle - 07:10 @ Politik