Dennis Riehle

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18.07.2021

Endlich Schluss am Hindukusch!

Leserbrief

Der Abzug der internationalen Streitkräfte aus Afghanistan stellt in mehrfacher Hinsicht eine Zäsur dar. Nicht nur für die deutschen Truppen endet nach knapp 20 Jahren ein Einsatz, dessen Sinnhaftigkeit zwischen transatlantischer Schnellschussreaktion und westlicher Überheblichkeit hin und her schwankt. In der oberflächlichen Nachschau eines unbeteiligten Bürgers, der den Konflikt aus der Ferne beobachtet, würde ich der Mission attestierten, dass sie zwar zeitweilige Erfolge gebracht hat, weil sie beispielsweise Frauenrechte durchsetzen und Bildung ermöglichen konnte. Doch effektiv war das alles nicht, denn schon vor dem Rückzug der Militärintervention haben die Taliban erneut den Vormarsch angetreten und viele der Freiheiten, die die NATO gebracht hat, umgehend wieder kassiert.

Wenngleich die pauschale Aussage sicherlich von Enttäuschung und Emotionalität getragen ist, so stimmt sie doch auch nach über zehn Jahren noch immer: Margot Käßmann sagte 2010, „nichts“ sei gut in Afghanistan – und erntete damals heftige Kritik für ihre undifferenzierte Einlassung. Mittlerweile bleibt lediglich festzuhalten, dass ihre Einschätzung damals wie heute richtig war.

„Denn sie wussten nicht, was sie tun…“

Nein, den Soldaten kann man wirklich keinen Vorwurf machen. Sie haben ihren Dienst geleistet und nach bestem Wissen und Gewissen versucht, Frieden zu bringen. Dass dieses Ziel nicht erreicht werden konnte, liegt nicht zuletzt am amerikanisch-europäischen Weltmachtstreben. Der Anspruch, einer islamischen Republik, die in der dortigen Bevölkerung offenbar über all die Jahre hin viel Unterstützung erhalten hat, ein okzidentales Demokratieverständnis aufzuoktroyieren, war von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Die Annahme, wir verteidigten unsere Sicherheit am Hindukusch, ist angesichts der massiven Verluste, die wir an Menschenleben zu beklagen haben, im Nachhinein als vollkommen zynisch zu betrachten.

Unbestritten mag man den agierenden Politikern in 2001 zugutehalten, dass sie reaktionistisch auf die Anschläge des 11. September geantwortet haben – vielleicht auch, ohne nachzudenken. Denn einen fundierten Plan oder eine Strategie, wohin die Militäraktion führen sollte, konnte man bis heute nicht ausmachen. Viel eher scheint man nun in eine wahllos terminierte Defensive zu gehen, da man offenbar einsehen musste, dass sowohl der Rückhalt in den Herkunftsländern der Soldaten, aber auch bei den Afghanen gebröckelt ist. Wahlversprechen mussten eingelöst, innenpolitische Stimmungslagen im eigenen Land berücksichtigt werden. Einen geordneten Abschluss hat der Kampfeinsatz nicht gefunden.

Kritisches Hinterfragen militärischen Engagements – allen Engagements!

Stattdessen wirkt der Abgang resigniert, hilflos und überdrüssig. Und das nicht ohne Grund: Ein jahrzehntelanger Gebrauch von Waffengewalt, um Terroristen zu unterdrücken und auszumerzen, hat allseitige Spuren hinterlassen. Möglicherweise vielleicht sogar bei manch kritischem Militaristen, der zumindest in Frage stellt, ob Töten zum friedenspolitischen Konzept des 21. Jahrhunderts gehören kann. Die Einsicht, wonach nicht nur im Afghanistan-Manöver ein Ungleichgewicht zwischen verteidigungs-, entwicklungs- und gesellschaftspolitischer Investitionen bestand, sollte Grundbestandteil einer systematischen Evaluation sein, welche dazu beiträgt, das aus pazifistischer Sicht unerbittlich gescheiterte Engagement in Afghanistan schonungslos aufzuarbeiten – und danach auch ehrliche und glaubwürdige Konsequenzen zieht.

Eine übereilte und reflexartige Forderung nach sofortiger Beendigung aller Auslandseinsätze der Bundeswehr scheint unter der Maßgabe, dass wir die ersten Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Untersuchung – mit der eine öffentliche Debatte über die grundständige Mehrheitsmeinung der Deutschen zu einer weltweiten Kriegsbeteiligung unserer Truppen, gerade auch im Bündnisfall und unter UN-Mandat, einhergehen muss – abwarten und keine Schnellschüsse vollziehen sollten, recht verantwortungslos.

Luftleere Räume sind Spielplatz für Extremisten!

Selbstredend sind die Eindrücke der letzten Wochen aus dem Krisengebiet Mali ein weiteres Argument dafür, über eine generelle Verweigerung der Bundesrepublik zur Teilnahme an bewaffneten Auslandsmissionen nachzudenken. Trotzdem sollte auch diese Entscheidung nicht überstürzt, sondern besonnen herbeigeführt werden – wenngleich man angesichts der Bilder von martialischen Attacken durch rivalisierende Terrorgruppen intuitiv zu einem anderen Handeln tendieren würde. Aber es ist niemandem geholfen, wenn durch eine überhastete Umkehr aller Truppen in vielen Regionen des Erdballs ein Vakuum entstehen würde und es plötzlich zu einer Instabilität an mehreren Orten gleichzeitig käme, welche Radikale und Extremisten für ihre Ziele ausnutzen könnten und ganze Landstriche mit  Furcht und Schrecken überziehen würden.

Daher begrüße ich die besonnene Reaktion von LINKEN-Co-Chefin Hennig-Wellsow, die zwar ebenso wie andere Genossen mit aller Deutlichkeit den Zweck sämtlicher Bundeswehr-Mandate in Frage stellt, aber im Gegensatz zu Parteikollegen ein schrittweises Vorgehen einfordert – und zunächst die Resultate der Auswertung der Afghanistan-Nachlese auf sich zukommen lassen möchte, ehe ein letztendlich systematischer Abbruch der Missionen erfolgt.

Langfristig wird es der Erkenntnisgewinn aus unzählig misslungenen Feldzügen und sich überdauernden Blauhelm-Mitwirkungen ohne jeden Nachhaltigkeitswert sein, der die selbsternannten Sheriffs der transatlantischen „Achse der Guten“ die Einsicht zu Diplomatie und Selbstbeherrschung lehren wird. Hybris war schon immer ein Kriegstreiber.

DennisRiehle - 07:09 @ Politik