Dennis Riehle

  

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Offenes Schreiben an das Paul-Ehrlich-Institut
Ich bin kein Corona-Leugner und kein Impf-Gegner, ich will lediglich Transparenz!
Offener Brief_PEI_Mögliche Langzeitfolgen der Corona-Impfung.pdf (5.82KB)
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an dieser Stelle haben Sie die Möglichkeit, in meinem Blog von mir verfasste Texte zu lesen. Darunter finden sich Pressemitteilungen, Leserbriefe und Standpunkte zu Themen der Zeit, kritische Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Entwicklungen sowie soziale und politische Meinungsbeiträge, die nicht den Anspruch erheben, in jedem Fall dem "Mainstream" zu entsprechen. Deshalb ist es nicht ausgeschlossen, dass Sie manche Beiträge nachdenklich machen oder gar Ihre eigene Gegendarstellung provozieren. Gerne können Sie mir deshalb auch Ihr Feedback unter Mail: Riehle@Riehle-Dennis.de zukommen lassen. Ich freue mich auf den Austausch mit Ihnen!


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05.07.2021

Genugtuung kann nicht Ziel des Rechtsstaates sein!

Kommentar

Zweiundzwanzigeinhalb Jahre Haft für den Polizisten, der in den USA George Floyd durch ein minutenlanges Eindrücken seines Knies in den Hals des schwarzen Mitbürgers getötet hat. Schon allein das Urteil der Geschworenen, wonach der Beamte in allen Anklagepunkten schuldig sei, hat in Amerika für Überraschung gesorgt – ist es doch immerhin das erste Mal in der Geschichte, dass ein Vertreter der Polizei aufgrund seines gewaltsamen Einsatzes mit möglicherweise fremdenfeindlichem Hintergrund so deutlich von einem Gericht abgeurteilt wurde. Kürzlich nun die Verkündung des Strafmaßes, das für den Angeklagten bedeutet, wahrscheinlich bis zu einem Vierteljahrhundert im Gefängnis bleiben zu müssen. Was bei uns undenkbar scheint, ist auf der anderen Seite des Atlantiks durchaus möglich und völlig normal.

Kurz nach Verkündung dieser Entscheidung hatten sich besonders Angehörige von Floyd und Anhänger der Antirassismus-Bewegung kritisch geäußert und die 22,5 Jahre als „zu wenig“ bezeichnet. Damit könnten sie keine Zufriedenheit finden, war entsprechend zu hören. Ohne Zweifel: Es gibt keine „gerechte“ Strafe, um ein ausgelöschtes Leben zu sühnen. Allerdings müssen wir uns hier wie dort klarmachen: Es ist Anspruch der Justiz, Recht zu sprechen. Das bedeutet eben nicht, das individuelle Anliegen nach einer subjektiv empfundenen Gerechtigkeit zu stillen. Gerade als Hinterbliebene tragen wir Trauer in uns, die nicht zuletzt aufgrund unserer affektiven Beziehung in Rachsucht übergehen kann. Schlussendlich darf Hass aber nicht zur dauerhaften Entgegnung auf ein Verbrechen werden – mag es noch so schlimm gewesen sein.

Schließlich muss das Aufwiegen des Verlusts mithilfe einer möglichst drakonischen Sanktionierung des Täters am Ende schieflaufen – denn der Tod eines geliebten Nächsten kann nicht mit Gefängnisjahren ausgeglichen werden. Nichts kann einen geliebten und von uns gegangenen Verwandten zurückbringen – diese traurige wie gleichsam rationale Erkenntnis gilt gleichsam auch dann, wenn für sein Sterben ein anderer Mensch verantwortlich ist. Es ist nicht die Aufgabe eines Rechtsstaates, für Genugtuung zu sorgen. Andernfalls müsste er sich nämlich von Gefühlen leiten lassen – und das würde gerade nicht zum sozialen Ausgleich beitragen, denn Emotionen sind in der Urteilsfindung keine guten Berater. Viel eher würden Richter von Voreingenommenheit geprägt sein – und das passt nicht zu den verbundenen Augen der unabhängigen und vorurteilsfreien „Justitia“.

Selbst die christliche Lehre erkennt, dass das Gleichnis von „Auge um Auge“ nicht als singuläre Botschaft verstanden werden soll. Auch aus der Bibel wissen wir, dass langfristig allein die Vergebung zur Befriedung führen kann. Natürlich kann ich verstehen, dass die aufgerüttelte Seele nach Ahndung und Wiedergutmachung schreit. Doch die freiheitlich-demokratische Grundordnung kann mit ihrem aufgeklärten Rechtssystem lediglich eine stellvertretende und symbolische Antwort auf ein Verbrechen geben; die zwischenmenschliche Reaktion auf eine Straftat muss mediativ im Austausch zwischen den Hinterbliebenen und dem Täter gefunden werden. Das kann nicht immer gelingen – und setzt einerseits Reue des Verurteilten, andererseits die aus der Zeit der Heilung hervorgehende Gnade des Opferangehörigen voraus. Das Ziel ist Versöhnung – nicht mit dem Geschehenen, sondern mit dem Schädigenden. Das verlangt viel ab – den Wunden benötigen Zeit zum Heilen.

Unter diesem Aspekt müssen wir die Frage stellen: Ist der Ruf nach höherer Bestrafung nicht allein ein Ausdruck der völlig nachvollziehbaren Hilflosigkeit von Trauernden, die kein Ventil und keinen anderen Ausweg für ihren Seelenschrei finden, als letztlich nach Revanche zu rufen – die zwar kurzzeitig die aufgewühlte Innerlichkeit befriedigen mag, am Schluss aber nur Verlierer zurücklässt? Ist es mit unserem humanistischen Menschenbild denn überhaupt vereinbar, für eine verlorengegangene Existenz ein anderes Dasein ebenfalls zu zerstören? Nein, solch ein verständliches Denken des Heimzahlens besänftigt nur vorübergehend – und es lässt eine Biografie zurück, in der die JVA ganze Lebensjahrzehnte brandmarkt. Auch wenn es schwerfällt: Täter und Tat müssen voneinander getrennt werden, um den Pfad der Begütigung gehen zu können.

Das ist kein Plädoyer für Straflosigkeit, sondern lediglich ein provokativer Gedankenanstoß, ob unser Rechtswesen mit seiner eingeschränkten Wahlfreiheit in der Bestimmung des Zuchtmittels noch zeitgemäß und mit einer emanzipierten Ideologie der alternativen Vollzugsmethoden in Einklang zu bringen ist. Kann es psychologisch sinnvoll sein, eine über 20-jährige Vita in Isolation und mit Blick auf die Gefängnismauern dem Ringen eines lieben Verwandten mit der Bedrohung des Todes gleichzusetzen und es damit zu vergelten? Ja, es mag zunächst vernünftig klingen, das Leiden im Sterben und Weinen mit dem Leiden hinter Gittern zu saldieren. Letztlich resultiert daraus aber ein Mehr an Leid für alle, was nicht Ergebnis eines interpersonellen Begleichens von expressiven Bedürfnissen im beiderseitigen Bußprozess sein kann. Deshalb ermutige ich, mit ein wenig Abstand zum Geschehenen und trotz aller Verachtung und Abneigung für den Täter einen kurzen Moment seine Perspektive einzunehmen. Es ist wahrscheinlich, dass wir sie nicht verstehen. Wir lernen jedoch, dass alle Biografien von Brüchen durchzogen sind. Das könnte die Route für das Annehmen dieser Erkenntnis abstecken und uns in der Entscheidung befördern, schlussendlich an der Weggabelung die Abzweigung der Verzeihung zu wählen.

DennisRiehle - 20:56 @ Gesellschaft