Dennis Riehle

  

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Offenes Schreiben an das Paul-Ehrlich-Institut
Ich bin kein Corona-Leugner und kein Impf-Gegner, ich will lediglich Transparenz!
Offener Brief_PEI_Mögliche Langzeitfolgen der Corona-Impfung.pdf (5.82KB)
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Liebe Besucher,


an dieser Stelle haben Sie die Möglichkeit, in meinem Blog von mir verfasste Texte zu lesen. Darunter finden sich Pressemitteilungen, Leserbriefe und Standpunkte zu Themen der Zeit, kritische Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Entwicklungen sowie soziale und politische Meinungsbeiträge, die nicht den Anspruch erheben, in jedem Fall dem "Mainstream" zu entsprechen. Deshalb ist es nicht ausgeschlossen, dass Sie manche Beiträge nachdenklich machen oder gar Ihre eigene Gegendarstellung provozieren. Gerne können Sie mir deshalb auch Ihr Feedback unter Mail: Riehle@Riehle-Dennis.de zukommen lassen. Ich freue mich auf den Austausch mit Ihnen!


Ihr Dennis Riehle


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19.06.2021

Ein weitgehend vergessener Gedanke: Was Psychotherapie und Klimawandel verbindet…

Gastbeitrag

Was haben die mangelnde Versorgung mit Psychotherapieplätzen in Deutschland und der Klimawandel gemein? Auf den ersten Blick scheint es keine wirklichen Überschneidungen zu geben. Das mag auch daran liegen, dass die Zusammenhänge zwischen der Zunahme von Wetterextremen und seelischen Leiden bislang nur bedingt untersucht wurde. Doch mittlerweile warnen Wissenschaftler*innen, dass insbesondere die drohenden Hitzewellen nicht nur zu einem Anstieg an Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen werden, sondern auch immer stärker unsere Psyche belasten dürften. So weisen beispielsweise Bunz und Mücke (2017) in ihrem Artikel „Klimawandel – physische und psychische Folgen“ (vgl. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, (60) 632-639) darauf hin, dass die Veränderung des Weltwetters „Belastungsstörungen, Ängste, aber auch Aggression, Disstress und depressive Symptome“ begünstigen kann. Zweifelsohne ist es nicht schwierig, hierbei einen Kontext zu sehen: Nicht nur in jenen Gebieten, die von katastrophalen Naturereignissen heimgesucht werden, steigt die seelische Beanspruchung der Menschen. Während sie dort vornehmlich an den traumatischen Erfahrungen von Zerstörung und Unwiederbringlichkeit ihrer Heimat leiden werden, wird es in unseren Breiten vor allem um die Anpassungsfähigkeit gehen. Wenngleich der Klimawandel ein langwieriger Prozess ist, wird es uns schwerfallen, die raschen Auswirkungen annehmen zu können (vgl. „American Psychological Association (APA)“ zit. n. Neurologen und Psychiater im Netz: „Klimawandel hat auch negative Folgen für die psychische Gesundheit“, 15.11.2017).

Überall dort, wo Umbrüche stattfinden, steigt auch das Potenzial für Konflikte. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass der „Deutschlandfunk Kultur“ von einer „Ökologischen Trauer“ spricht (vgl. „Psychisch krank durch Klimawandel?“, 27.11.2020). Psychiater*innen warnen davor, dass diese Reaktion bereits heute zu beobachten ist, beispielsweise bei Aktivist*innen von „Fridays for Future“. So erklärt der Facharzt Andreas Meyer-Lindenberg im Interview (ebd.), dass die ehrenamtlich Engagierten eine „existenzielle Betroffenheit“ zeigten. Zwar seien Verlustängste dieser Art bisher nicht offiziell anerkannt, allerdings kann man sich gut vorstellen, dass die Projektionen des Klimawandels zu massiver Verunsicherung, insbesondere der jüngeren Generation, führen. Und nicht zuletzt werden wir schon bald eine Migration erleben, welche sich aus den dramatischen Konsequenzen von steigenden Meeresspiegeln oder Ausbildung von Wüsten speist.

Schon jetzt fliehen Menschen, weil ihr Lebensraum durch den Wandel in akuter Gefahr ist. Die Flüchtlingsbewegungen werden zweifelsohne zunehmen – und auch Deutschland wird nicht umhinkommen, solche Asylsuchenden aufzunehmen. Ihre psychotherapeutische Behandlung wird ebenso notwendig sein wie die psychologische Begleitung von Bürger*innen, die in unterschiedlichster Weise auf immer extremere Wetterumschwünge reagieren. Von „Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit“, „Kontrollverlust“ und „Frustration“ bis hin zu Gefühlen von „Ungerechtigkeit und Benachteiligung“ reichen die emotionalen Reaktionsmuster, die auch der hiesigen Bevölkerung künftig zu schaffen machen dürften (vgl. Deutsches Ärzteblatt (2020): „Klimawandel und psychische Gesundheit: Ein relativ neuer Stressfaktor“, (5) 203).

Dass unser Gesundheitssystem gerade in Krisen an seine Grenzen kommt, merken wir in der aktuellen Corona-Pandemie. Durch die Kontakteinschränkungen und die Isolation erleben viele Mitbürger*innen zum ersten Mal eine seelische Krise. Der seit Jahren andauernde Mangel an Psychotherapie-Plätzen in Deutschland wird durch die Folgen der Pandemie nochmals dramatisch sichtbar – und fordert zum sofortigen Handeln auf. Schließlich hat sich seit der Wartezeitenstudie der Bundespsychotherapeutenkammer aus dem Jahr 2018, die deutschlandweit eine durchschnittliche Wartezeit auf einen Psychotherapie-Platz von fünf bis sechs Monaten auswies, kaum etwas verändert. Im Gegenteil: Durch die psychischen Konsequenzen, die sich für viele Menschen aus den Lockdown-Maßnahmen in der Covid-19-Epidemie ergeben, haben sich die Engpässe weiter zugespitzt. Denn nicht nur Betroffene, die bereits an seelischen Erkrankungen litten, sind durch die momentane Ausnahmesituation oftmals vor eine Verschlechterung ihrer Symptome gestellt. Besonders die erstmalig von einer psychischen Diagnose heimgesuchten Patient*innen sind mit dieser Nachricht nicht selten überfordert und verzweifelt zugleich. Sie brauchen dringende Unterstützung – und werden in einigen Regionen nicht einmal mehr auf die Wartelisten bei den Therapeuten und psychotherapeutisch tätigen Ärzt*innen aufgenommen. Wie soll das nur werden, wenn der Klimawandel auch bei uns die ersten psychischen Opfer fordert? Sind wir darauf überhaupt vorbereitet? Und was müsste getan werden?

Weder das neu geschaffene Angebot der Terminvermittlung bei den Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen, noch die sogenannte ‚Psychotherapeutische Sprechstunde‘ haben eine wesentliche Entlastung gebracht. Denn letztlich erhalten viele Betroffene im Rahmen dieses einstündigen Formats zwar eine erste Einschätzung über Schweregrad ihrer Beschwerden und die Dringlichkeit einer therapeutischen Intervention. All das nutzt aber nichts, wenn aus der Inanspruchnahme der Sprechstunde keine Psychotherapie folgt, weil es an Plätzen hierfür mangelt. Und auch die Reform der Bedarfsplanung aus 2019 ist verpufft. Einerseits haben die Krankenkassen damals die empfohlene Anzahl an neu einzurichtenden Arzt- und Therapieplätzen enorm gedrückt. Andererseits sind die mittlerweile einbezogenen Faktoren nicht abschließend. Dass die Wartezeiten auf einen Therapieplatz nicht mit dem Grundsatz vereinbar sind, den die Politik beispielsweise in der Pflege verfolgt (‚ambulant vor stationär‘), macht die Tatsache deutlich, dass Patient*innen mittlerweile schneller einen Behandlungsplatz im psychiatrischen Krankenhaus erhalten als einen Termin bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten. Aus Sicht der Psychiatrie-Erfahrenen in Baden-Württemberg haben wir deshalb politische Forderungen aufgestellt:

- Zur raschen Hilfe für psychisch erkrankte Menschen sollte zumindest die Einbeziehung der privat tätigen Psychotherapeuten in die Versorgung erfolgen. Die Gesetzlichen Krankenkassen müssten entsprechend verpflichtet werden, die Kosten für die Inanspruchnahme dortiger Psychotherapie ohne längere Prüfungsverfahren zu erstatten (vgl. § 13 Abs. 3 SGB V).

- Mittelfristig braucht es eine erneute Anpassung der Instrumente zur Bedarfsplanung: Obwohl zwar mittlerweile Einwohnerzahlen, Geschlecht und Krankheitszustand der regionalen Bevölkerung (Morbidität) berücksichtigt werden und eine zweijährige Aktualisierung erfolgt, sind noch immer zahlreiche Punkte ausgeblendet worden: Nachdem Studien ergeben haben, dass sich die Zahlen über das Vorkommen psychischer Erkrankungen zwischen städtischem Ballungsgebiet und ländlichem Raum kaum unterscheiden (vgl. bdp, 2019), ist darüber zu diskutieren, ob es den Regionentypus weiterhin bedarf oder eine einheitliche Verhältniszahl (Psychotherapeuten pro Einwohner) dem tatsächlichen Bedarf nicht näherkommt. Immerhin werden noch immer 35 Therapeuten für 100.000 Bewohner in der Großstadt berechnet, während auf dem Land nur etwa 19 Psychotherapeuten auf dieselbe Einwohnerzahl vorgesehen sind. Am sinnvollsten erscheint eine bundesweit einheitliche Verhältniszahl, die nicht mehr zwischen Stadt und Land unterscheidet. Damit wäre auch dem Vorgehen die Grundlage entzogen, wonach in der Bedarfsplanung noch immer davon ausgegangen wird, dass Psychotherapeut*innen in der City die umliegende Peripherie mitversorgen würden.

- Zwingend in die Bedarfsplanung einbezogen werden müssen auch die wirtschaftliche Stärke einer Region und die damit verbundene Sozialstruktur der Bevölkerung. Denn gerade eine Veränderung der ökonomischen Lage ist ein wichtiger vorausschauender Indikator dafür, wie sich die Verbreitung psychischer Erkrankungen in einem Gebiet entwickeln wird. Immerhin ist lange bekannt, welch enge Verzahnung beispielsweise zwischen Arbeitslosenquote und der Zahl seelisch Erkrankter besteht. Mit einer Abbildung der gesamtgesellschaftlichen Situation in einem Areal würde man sich in der sachgerechten, realitätsnahen Bedarfsplanung ehrlicher tun.

- In der Bedarfsplanung darf man sich zudem nicht länger allein auf den Ist-Zustand verlassen. Ein prävalenzbasierter Ansatz ist vonnöten, der eine Vorausrechnung des Bedarfs ermöglicht. Schließlich konnte man auch in der Vergangenheit bereits absehen, dass die Nachfrage an Psychotherapie über die kommenden Jahre steigen würde. Dennoch hat man gerade aufgrund der unzureichenden Einbeziehung von Prognosen in die Bedarfsplanung eine adäquate Versorgung verschlafen, was uns nicht erst seit Corona auf die Füße fällt.

- Darüber hinaus muss das ‚Mogeln‘ um die tatsächlich vorhandenen Psychotherapie-Plätze beendet werden. Immer häufiger sind Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen nicht mehr voll berufstätig, weil sich viele der Teile der wachsenden Zahl älterer Mediziner*innen und Therapeut*innen aus dem Arbeitsleben „schleicht“, also schrittweise Stunden reduziert. Diesem Umstand wird in der Bedarfsplanung unzureichend Rechnung getragen. Daneben ist es unredlich, dass weitgehend unbeachtet bleibt, wonach psychotherapeutisch tätige Fachärzt*innen natürlich nicht nur Psychotherapie anbieten. Oftmals ist sie ein ‚Nebengeschäft‘, während die medizinische Sprechstunde im Vordergrund steht. Nicht jeder augenscheinliche Psychotherapie-Sitz kann daher auch als 100-prozentiges Psychotherapie-Angebot berechnet werden.

- Langfristig sollte auf eine sektorenübergreifende Versorgung gesetzt werden. Damit ist vor allem gemeint, dass die Vernetzung der unterschiedlichen Anbieter*innen therapeutischer und beratender Maßnahmen verbessert wird und Psychotherapeut*innen wie Krankenkassen somit über die Standesgrenzen hinwegdenken müssten. Entsprechend könnte erreicht werden, dass Menschen in akuten psychiatrischen Krisen schnellere Hilfe bei einem therapeutisch tätigen Facharzt oder Fachärztin beziehungsweise einem Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin erhielten, weil Betroffene mit weniger dringlichen Problemen übergangsweise an ein anderes Angebot (beispielsweise Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen oder Hausärzte) verwiesen werden könnten. Gleichsam ist auch an eine Verbesserung der überregionalen Zusammenarbeit der im psychischen Versorgungswesen Tätigen zu denken, ebenso wie an die unbedingte Einbeziehung von Psychotherapeuten in die geplanten Gesundheitszentren auf dem Land.

Klimaschutz bedeutet also auch, die seelische Gesundheit zu stärken. Wir werden uns nicht allein auf das Sozialsystem verlassen können, wenn wir in absehbarer Zeit eine wachsende Zahl an psychisch Erkrankten versorgen müssen, die nicht zuletzt aufgrund ihres umfangreichen Engagements für die Sache „auszubrennen“ drohen. Natürlich sollten wir bei allem Einsatz für die gute, notwendige und drängende Sache des Klimawandels nie vergessen, auf uns selbst zu achten. Mit einem übermäßigen Auspowern ist niemandem geholfen. Um uns alle vor Anpassungsstörungen zu bewahren, die selbst bei einer schleichenden Entwicklung wie dem Anstieg der globalen Temperaturen um bis zu zwei Grad in den kommenden Jahrzehnten auftreten können, braucht es Resilienz. Die Stärkung der Widerstandsfähigkeit ist nachweislich möglich, beispielsweise durch einen umweltfreundlichen Lebensstil (vgl. APA, 2017). Er trägt zum psychischen Wohlbefinden bei, weil er das Stresslevel senkt. Trotzdem ist das Thema „Psychotherapie“ nicht aus dem Schneider. Deshalb ermutigen wir alle Protestierenden, die für eine sozial-ökologische Veränderung eintreten, den Gedanken der psychischen Gesundheitsversorgung bei allen Aktivitäten nicht zu vergessen. Sie einzufordern, dient dem gesellschaftlichen Umgang mit dem Klimawandel…

Literatur- und Quellenverzeichnis

APA (American Psychological Association); eco Amercia (2017): Climate change’s toll on mental health. https://www.sciencedaily.com/releases/2017/03/170329184356.htm (25.05.2021).

bdp (Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen) (2019): Reform der Bedarfsplanung: Noch immer zu wenig Psychotherapeuten auf dem Land. https://www.bdp-verband.de/presse/pm/2019/reform-der-bedarfsplanung.html (24.05.2021).

Bunz, M.; Mücke, H.-G. (2017): Klimawandel – physische und psychische Folgen, in: Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, Ausgabe 60 vom 26. April 2017 (S. 632 – 639), https://link.springer.com/article/10.1007/s00103-017-2548-3 (26.05.2021).

Bundespsychotherapeutenkammer (2018): BPtK-Studie „Ein Jahr nach der Reform Psychotherapie-Richtlinie – Wartezeiten 2018. https://www.bptk.de/wp-content/uploads/2019/01/20180411_bptk_studie_wartezeiten_2018.pdf (25.05.2021).

Deutsches Ärzteblatt (2020): Siehe unter Sonnenmoser.

Deutschlandfunk Kultur (2020): Siehe unter Meyer-Lindenberg und Billerbeck.

Neurologen und Psychiater im Netz (2017): Klimawandel hat auch negative Folgen für die psychische Gesundheit. https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/news-archiv/meldungen/article/klimawandel-hat-auch-negative-folgen-fuer-die-psychische-gesundheit/ (24. Mai 2021).

Meyer-Lindenberg, A.; Billerbeck, L. (2020): Ökologische Trauer – Psychisch krank durch Klimawandel? In: Deutschlandfunk Kultur vom 27.11.2020. https://www.deutschlandfunkkultur.de/oekologische-trauer-psychisch-krank-durch-klimawandel.1008.de.html?dram:article_id=488243 (25.05.2021).

Sonnenmoser, M. (2020): Klimawandel und psychische Gesundheit: Ein relativ neuer Stressfaktor. In: Deutsches Ärzteblatt, Ausgabe 5/2020 (S. 203). https://www.aerzteblatt.de/archiv/213960/Klimawandel-und-psychische-Gesundheit-Ein-relativ-neuer-Stressfaktor (26.05.2021).

DennisRiehle - 07:28 @ Selbsthilfe