Dennis Riehle

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an dieser Stelle haben Sie die Möglichkeit, in meinem Blog von mir verfasste Texte zu lesen. Darunter finden sich Pressemitteilungen, Leserbriefe und Standpunkte zu Themen der Zeit, kritische Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Entwicklungen sowie soziale und politische Meinungsbeiträge, die nicht den Anspruch erheben, in jedem Fall dem "Mainstream" zu entsprechen. Deshalb ist es nicht ausgeschlossen, dass Sie manche Beiträge nachdenklich machen oder gar Ihre eigene Gegendarstellung provozieren. Gerne können Sie mir deshalb auch Ihr Feedback unter Mail: Riehle@Riehle-Dennis.de zukommen lassen. Ich freue mich auf den Austausch mit Ihnen!


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06.11.2021

Glaube ist in erster Linie Privatsache…

Leserbrief
zu: „Ist ein Kirchenaustritt eine Abkehr von Gott?“, „Rheinpfalz“ vom 05.11.2021

Ich gehöre seit vielen Jahren nicht mehr der Kirche an, glaube aber weiterhin an Gott. Auch wenn ich eine Phase der Zuneigung gegenüber dem evolutionären Atheismus verspürt hatte, bin ich mittlerweile wieder zu christlichen Überzeugungen zurückgekehrt und behaupte, dass die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft zwar einen Rahmen für die Ausübung der eigenen Weltanschauung bietet. 

Und natürlich wissen wir um den Mehrwert der Gemeinschaft. Gemeinsames Singen, gemeinsames Beten und gemeinsames Feiern haben insbesondere in sozialer Hinsicht eine nachgewiesene Bedeutung. Das bedeutet aber keinesfalls, dass Glaube Kirche bedingt – oder umgekehrt. Zwar hat auch Jesus die Gemeinschaftlichkeit immer wieder betont. Und die Pfingstgeschichte macht deutlich, dass eine Bewegung im Sinne einer Kirche auch biblisch begründet ist. 

Dennoch gibt es aus meinem Verständnis keinen unmittelbaren oder gar zwingenden Zusammenhang zu unserem Gottesglauben. Denn wer sich – wie auch ich – Rituale des alltäglichen Lebens schafft, der kann ein religiöses Leben ohne die Zugehörigkeit zu einem Zusammenschluss führen. Denn die Nachfolge im Sinne Christi beruht vor allem auf der Ermutigung, das eigene Dasein in den christlichen Dienst zu stellen. Dies kann in einem Verbund geschehen – letztlich bleibt der Glaube aber nicht nur Privatsache, sondern eine höchstpersönliche Entscheidung des Einzelnen, die er durch Erkenntnis und Fügung erlangt. 

Kirchen können die Überbringer der frohen Botschaft sein. Leider beschäftigen sie sich heute allzu sehr mit sich und den zeitgeistigen Fragen. Ihr seelsorgerlicher und verkündigender Auftrag ist in den Hintergrund getreten, weshalb wir im Sinne der lutherischen Anregung am „Priestertum aller Gläubigen“ festhalten sollten – und selbst die besten Prediger sind. Deshalb verkommt der Stellenwert der Kirche im Alltag der Menschen nicht ohne Grund zu einer Nebensache: Sie finden dort keine Antworten mehr, weil von den Kanzeln Politikerreden geschwungen werden, die wir gleichsam am TV-Bildschirm haben können. 

Deshalb verstehe ich es gut, wenn sich gläubige Christen der Kirche entsagen und stattdessen eine fromme Existenz abseits der Gemeinschaft wählen. Die Taufe ist universell gültig, sie ist nicht zeitlich oder an die Mitgliedschaft in einer Konfession gebunden. Unser Bekenntnis zu Gott formt sich aus der Zuwendung zu ihm, keinesfalls ist sie abhängig davon, ob ich in einer religiösen Gruppierung verwurzelt bin. Im Gegenteil: Oftmals sind wir heute durch die Kirchenmitgliedschaft von klein an sozialisiert worden und bekommen erst recht spät die Chance eingeräumt, souverän über die weitere Zugehörigkeit zu befinden. 

Daher ist das Freisein von der Institution ein gangbarer Weg der Emanzipation eines Jeden, der sich für seinen Gottesglauben ohne Kirche niemandem rechtfertigen muss. Viel eher geben uns die Worte der Schrift Anleitung genug, wie wir unsere irdische Existenz allein unter Segen und Zustimmung des Herrn behaupten können. Religiöse Praxis in Gemeinschaft kann Überzeugungen bestärken; sie ist für unseren Glauben aber nur ein Zubrot.

Dennis Riehle - 09:28 @ Glaube

01.11.2021

Christlicher Tacheles

Leserbrief
zu: „Thüringen feiert 500 Jahre Bibelübersetzung: Reformationstag“, „ZEIT“ vom 01.11.2021

Nach Jahrhunderten seit des Thesenanschlags von Martin Luther ist die Reformation aktueller denn je. Denn nicht nur die katholische Kirche hat momentan zu kämpfen. Teilweise muss der Protestantismus in Deutschland stellenweise sogar deutlich stärker an Mitgliedern federn lassen, als es bei den vom sexuellen Missbrauch und der Frage nach dem „Synodalen Weg“ gebeutelten Mitchristen der Fall ist. 

Die evangelische Seite muss sich in diesen Zeiten vor allem fragen, warum sie vom religiösen Verkündiger zum politischen Forderer geworden ist. Immer öfter greift sie in die Tagespolitik ein – und versteht sich damit als ein wesentlicher „Player“ in Themen wie Migration, Pluralismus und Armut. Zweifelsohne: Es war bereits das Ansinnen der Reformatoren, die Kirche auch zu einem Sprachrohr für gesellschaftliche Missstände zu machen. Und ich begrüße es zweifelsohne, dass sie sich in ihren Predigten zu den himmelschreienden Schieflagen auch in unserem Land äußert. 

Wer aber Politikerreden hören möchte, sollte in den Bundestag gehen. Von einer Kirche erwarte ich etwas anderes als latente Wahlwerbung. Die Rückbesinnung auf ihren wesentlichen Auftrag hat sie seit Jahren versäumt, obwohl viele ausgetretene Schäfchen den Finger genau in diese Wunde legen: Wer am Sonntag den Gottesdienst aufsucht, möchte auf Grundlage des Evangeliums eine Botschaft hören, die konkrete Anleitung für den Lebensalltag des Einzelnen gibt. 

Die EKD mit ihren Gliedkirchen fährt stattdessen seit geraumer Zeit den Kurs, auf einer Metaebene mitsprechen zu wollen – und vergisst dabei, dass es ihre eigentliche Aufgabe wäre, die Gläubigen in ihrer Existenz abzuholen. Gerade in Augenblicken der Krise und der persönlichen Schicksalsschläge muss der seelsorgerliche Dienst wieder sehr viel mehr Raum einnehmen. Kirche braucht neue Empathie für die Leiden der Menschen, statt abstrakt Sachpolitik zu kommentieren. Den Theologen sollte es Ansporn sein, von den Kanzeln für die Nachfolge Jesu zu begeistern – und anhand seines Werkes aufzuzeigen, wie das Leben auch in den schwierigen Momenten gelingen kann. 

Das biblische Wort gibt praktische Anweisungen für das Dasein in der Not, die uns Laien übersetzt und nahegebracht werden sollten. Christlicher Tacheles statt zeitgeistiges Gerede – das wünsche ich mir für die Kirche des 21. Jahrhunderts, die sich nicht nur am 31. Oktober der Klarheit von Wittenberg bewusst werden darf.

Dennis Riehle - 11:07 @ Glaube

26.10.2021

Religionspolitischer Grenzgänger

Leserbrief
zu: „Koalitionsverhandlungen – Kretschmann: Kirchensteuer bleibt“, Stuttgarter Zeitung vom 25.10.2021

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat in jüngster Vergangenheit immer wieder mit Äußerungen auf sich aufmerksam gemacht, die für deutschlandweite Schlagzeilen gesorgt hatten. Unlängst hatte er sich in der Corona-Krise als ein strenger Hüter massiver Freiheitseinschränkungen hervorgetan und für die nächste Pandemie gefordert, dass man künftig von Beginn an noch stärker in das Alltagsleben der Menschen eingegriffen werden müsse. Er hatte dabei auch Notstandsgesetze ins Spiel gebracht, was für deutliche Kritik sorgte. Selbst das Bundesbildungsministerium stellte der Landesvater kurzzeitig in Frage – und nicht zuletzt in Sachen der anonymen Möglichkeit zur Anzeige von möglichen Steuersündern durch die Bürger, die sein Finanzminister lanciert hatte, gab er ein recht teilnahmsloses Bild ab. 

Nun meldet sich Kretschmann wieder zu Wort und stellt unverhohlen fest, dass die nächste Koalition – sofern es denn eine „Ampel“ sei – die Kirchensteuer nicht abschaffen würde. Ob sich der baden-württembergische Grüne in dieser Angelegenheit mit seinen Parteivorsitzenden abgesprochen hat, bleibt zunächst unklar. Viel grotesker wirkt bei seiner Aussage auch die Begründung: Laizisten müssten laut Kretschmann ja gar keine Kirchensteuer zahlen, weshalb sie sich dann überhaupt aufregten – fragte er. Als konfessionsfreier Christ möchte ich meinem Ministerpräsidenten entgegenhalten: Es sind auch meine Steuergelder, die dafür eingesetzt werden, dass in unseren Finanzämtern Angestellte des Landes Mehrarbeit leisten, um Abgaben für die Religionsgemeinschaften einzuziehen. Jeder von uns finanziert diesen „Service“ für sie mit – egal, ob man deren Mitglied ist. 

Kaum ein Amtsträger hat in der jüngeren Vergangenheit eine derartige Verwobenheit zwischen der persönlichen Zuneigung zur Kirche und seinen politischen Forderungen gezeigt. Der Glaube ist die Privatsache eines Jeden. Sobald daraus aber die Absicht erwächst, eine im säkularen Gemeinwesen ohnehin schwierige Verknüpfung von weltanschaulichen Institutionen und der öffentlichen Hand krampfhaft zu verteidigen und zu befördern, wird daraus zurecht ein umstrittenes Politikum. Kretschmann vermischt nach meinem Empfinden seine christliche Verwurzelung mit der ihm als Mitglied eines Verfassungsorgans auferlegten Neutralität. Dieses Verhalten scheint mir deshalb durchaus bedenklich, weil er in seiner Funktion nicht zum ersten Mal eine offenherzige und einseitige Solidarität mit den christlichen Konfessionen erklärt. Religionsfreiheit steht auch ihm zu, sie wird in seinem Falle aber durch das Staatsfundamentalprinzip der religiösen Unabhängigkeit beschnitten. Amtsmüdigkeit wird allerdings nicht der Grund dafür sein, dass der Ministerpräsident in Sachen Christusverliebtheit die ihm gebotene Zurückhaltung manches Mal außer Acht lässt. Denn in dieser Hinsicht wandelte er stets über Grenzen.

Dennis Riehle - 10:22 @ Glaube

12.10.2021

Bekenntnis: ja, Mission: nein!

Leserbrief
zu: „Gebetsruf des Muezzin in Köln sorgt für hitzige Debatten“, „Rheinische Post“ vom 12.10.2021

Die Religionsfreiheit in Deutschland ermöglicht nicht nur, uns auch äußerlich in definierten Grenzen zu einer bestimmten Religionszugehörigkeit zu bekennen. Auch unser Gegenüber ist durch die Verfassung dazu angehalten, diesen Ausdruck religiöser Verbindung des Anderen zu respektieren – denn sie ist auch für den Anders- oder Nicht-Gläubigen in einem gewissen Ausmaße „zumutbar“. 

Der entsprechende Artikel des Grundgesetzes ist damit Garant für ein friedliches Miteinander der Religionen und Türöffner für interkulturelles Zusammenleben. Gemäß unseres Rechtsstaatsgedankens hat also Freiheit des Einzelnen so viel Platz zur Wirkung, bis der Mitmensch in seinen Grenzen tangiert wird. Insofern ergibt sich daraus zwar ein stetiges Spannungsverhältnis, das in einer toleranten Bundesrepublik trotz beschämender Schlagzeilen nach meiner festen Überzeugung weitgehend funktioniert. 

Denn jeder von uns hat ein grundlegendes Empfinden darüber, wann die religiösen Gefühle des Mitbürgers durch das Ausleben der eigenen Religiosität verletzt werden. Von einem Gegenüber kann insbesondere erwartet werden, dass ein passives Bekenntnis in Form einer Kopfbedeckung, einer Kette mit Anhänger oder einer angemessenen Körperbekleidung hingenommen werden muss, solange damit kein aktives Werben für eine bestimmte Religion verbunden ist. Wegweisend bleibt vor allem auch, ob mit dem reinen Bekenntnis eine sachliche Botschaft verknüpft ist, die in der Lage erscheint, missionarischen Charakter zu entfalten. 

An dieser Stelle dürfte nach meinem Verständnis die Grenzlinie verlaufen, an der sich Religionsfreiheit von religiösem Eifer trennt. Deshalb ist auch die Debatte um den Muezzin-Ruf auf Kölner Gebetshäusern überaus kritisch zu reflektieren. Denn während wir das Glockengeläut der Kirchen als Symbol ohne inhaltliche Konnotation verstehen können, werden über das Minarett Aufforderungen verbreitet, die fähig dazu sind, religiöse Konfrontation zu schüren und Unfrieden zu stiften. 

Dabei ist die Frage nachrangig, inwieweit die übermittelten Worte für eine nicht nur in der Mehrheit stehende Bevölkerungsgruppe von Andersdenkenden tatsächlich anstößig sein kann. Der alleinige Wesenscharakter als appellierender Aufruf überschreitet für mein Verständnis bereits das Limit größtmöglichen Pietät. Es kann vom andersgläubigen Mitbürger nicht erwartet werden, dass er die Worte des Muezzin ausblendet und sich dem Über- und Unterredungsversuch durch eine Religion zu unterwerfen verpflichtet ist, weil er ihr nicht entkommen kann. Das Lautspiel einer Glocke kann störend sein, ist aber nicht vordergründig mit einem oktroyierenden Charakter verbunden. 

Abseits der Frage über die öffentliche Sicherheit muss bei der Gestattung des Muezzin-Rufs tatsächlich auch beachtet werden, ob die wortgewaltige Unterbrechung des Alltags durch eine Glaubensgemeinschaft, die weiterhin eine erkennbare Minorität in unserem Land darstellt, verhältnismäßig ist und nicht einzelnen Religionsanhängern überproportional viele Rechte zugesteht. Denn Religionsfreiheit muss nicht zwingend Religionsgleichheit bedeuten. Immerhin scheint es um des friedenstiftenden Charakters von Multireligiosität angezeigt, das Ausmaß von Freiheitrechtsrechten in Äquivalenz zur Bevölkerungszahl derer zu stellen, die der jeweiligen Religionsgruppierung angehören. 

Dabei spielt nun weniger die polemische Debatte darüber, ob der Islam zu Deutschland und seiner religiösen und kulturellen Tradition gehört, eine entscheidende Rolle. Viel eher ist es die Aufgabe des Staates, die Vielfalt der Religionen authentisch abzubilden und nicht einzelnen Gemeinschaften aus Gründen dort artikulierter Benachteiligung Vorschub zu leisten, um manchem Mainstream religiöser Weltoffenheit gerecht zu werden. Wer ein faires Zusammenleben möchte, kann Proportionalitäten nicht übergehen.

Dennis Riehle - 09:34 @ Glaube

24.09.2021

Bewusste Beschönigung

Kommentar
zur Medienmitteilung über die Umbenennung des KORSO in den „Zentralrat der Konfessionsfreien“ vom 22.09.2021

Als konfessionsloser Christ störe ich mich an der Vereinnahmung durch den umbenannten „Koordinationsrat säkularer Organisationen“. Neuerdings heißt er „Zentralrat der Konfessionsfreien“ – und beansprucht mit diesem Namen einerseits mehr politischen Einfluss und sicherlich auch eine Äquivalenz zu anderen Institutionen gleicher Bezeichnung – beispielsweise jener in Österreich. Nicht nur die personelle Besetzung, sondern auch die Mitgliedsorganisationen machen deutlich, dass es sich in erster Linie um einen Zusammenschluss von atheistischen und laizistischen Verbänden handelt, weniger um Konfessionslose im eigenen Sinn – die im allgemeinen Sprachverständnis als der Kirche ferne Personen, aber nicht zwingend religiös bekenntnisfreie Menschen verstanden werden. 

Das offenbar bewusste Ansinnen, mit der Betitelung der „Konfessionsfreien“ eine weit über das säkulare Spektrum hinausgehende Menge anzusprechen und damit letztlich den Anschein zu erwecken, deutlich mehr Bürger zu vertreten als in Wahrheit möglich, irritiert und lässt vermuten, wonach man sich größer machen will, als man tatsächlich ist. Denn zweifelsohne begehren die Atheisten in Deutschland einen besseren Stand, als sie ihn momentan haben. Nachdem ich über mehrere Jahre auch der Bewegung des Evolutionären Humanismus angehörte, weiß ich um den dortigen Wunschgedanken nach mehr Einfluss und Mitsprache in politischen und gesellschaftlichen Fragen. Allerdings belügt sich die Dachorganisation bewusst selbst, wenn sie davon träumt, schon bald mit Katholiken und Protestanten zahlenmäßig auf einer Stufe zu stehen. 

Denn: Nicht jeder Mensch, der die Kirche verlässt, kann automatisch zum säkularen Spektrum gezählt werden. Im Gegenteil: Man muss davon ausgehen, dass dem Weggang aus einer Konfession vorrangig nicht-religiöse Gründe wie die Kirchensteuer, die Missbrauchsfälle oder eine persönliche Zerrüttung zugrunde liegen. Insofern bleiben die meisten Menschen, die die Kirche verlassen, gläubig – und zumeist auch den wesentlichen Überzeugungen des Christentums treu. Offiziell sind sie mit ihrem Ausscheiden aus ihrer Religionsgemeinschaft aber „konfessionsfrei“. Ich empfinde es als übergriffig, wenn diese Personen vom neuen Zentralrat zu okkupieren versucht werden. Immerhin wird der fälschliche Eindruck erweckt, wonach Konfessionsfreie zwangsläufig als laizistisch, atheistisch oder zumindest evolutionär-humanistisch geprägt seien. 

Diese Verzerrung dient allein der Besserstellung dieser Institution in der öffentlichen Wahrnehmung, spiegelt aber keinesfalls die Realitäten wider. Ich möchte als konfessionsloser Christ nicht dazu zweckentfremdet werden, die Zahl der Säkularen künstlich nach oben zu treiben. Insofern widerspreche ich ausdrücklich und verwahre mich dagegen, vom selbsternannten Zentralrat repräsentiert zu werden.

Dennis Riehle - 10:31 @ Glaube

19.06.2021

Wird sie auferstehen?

Leserbrief
zum Rücktrittsangebot von Reinhard Kardinal Marx

Die katholische Kirche sei an einem „toten Punkt“ angekommen. Mit dieser Feststellung begründet Reinhard Kardinal Marx sein an den Papst eingereichtes Rücktrittsgesuch. Zweifelsohne: Seine Ankündigung und Bereitschaft zur Übernahme von Mitverantwortung ringen mir Respekt ab. Allerdings weiß ich nicht, ob der Erzbischof von München und Freising jener Geistlicher ist, der die größte Schuld trägt. Das hat wohl auch Franziskus erkannt und dem Angebot von Marx nicht entsprochen. 

Immerhin war es letzterer, der sich stets für Aufklärung und Transparenz einsetzte – und diese auch gelebt hat. Ob er also eine führende Rolle im Missbrauchsskandal einnimmt, möchte ich bezweifeln. Deshalb scheint sein Schritt eher einen symbolischen Wert zu haben, denn im Augenblick sieht es nicht danach aus, dass jene Kleriker den Hut nehmen werden, die tatsächlich im Verdacht stehen, vertuscht und verdrängt zu haben. 

Tatsächlich geht es zwischenzeitlich um weit mehr, als die alleinige Aufarbeitung und Wiedergutmachung des angerichteten Leids, welches Würdenträger während Jahrzehnten über Kinder und Jugendliche gebracht haben. Unbestritten reiht sich mittlerweile ein Entsetzen an das nächste. Neben der unsäglichen Verlautbarung des Vatikan zum Verbot der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare seien beispielhaft die stockende Umsetzung des „Synodalen Weges“ oder die Zurückhaltung gegenüber den Forderungen der Frauenbewegung „Maria 2.0“ genannt. 

Der Vorsitzende der Deutschen Katholischen Bischofskonferenz, Bätzing, hat größte Mühen, den „Laden“ noch länger zusammenzuhalten. Denn der Druck der Laien wird spürbar größer, die Antworten der Kirche auf die drängenden Fragen der Zeit bleiben aus. Weder in der Corona-Pandemie, noch in der Klimakrise hat man es vermocht, die Bedeutung des Glaubens und der Religionen für die Bewältigung der anstehenden Herausforderungen nachvollziehbar zu vermitteln. 

Im Spannungsfeld der Ansprüche ihrer Mitglieder stehend, scheint vor allem der Katholizismus seinen Kompass verloren zu haben. Wenngleich sich die Mehrheit der Anhänger in Deutschland einen liberaleren Kurs der Kirche, vor allem in Sachen „Zölibat“ und der sexualethischen Fragen, zu wünschen scheint, bremst die Kurie solche Bestrebungen regelmäßig aus. Denn es dürfte zur DNA Roms gehören, die Augen vor der Lebenswirklichkeit der Menschen zu verschließen – und auch dort am „Bewahren“ festzuhalten, wo der Pragmatismus die Lehren und Dogmen seit langem überrundet hat. 

Dass es auch in unseren Breiten noch immer einen Konservatismus und Hardlinertum gibt, machen nicht zuletzt Woelki, Oster und Voderholzer deutlich. Sie verunmöglichen die Wiederbelebung der Kirche – oder glauben sie etwa an deren Auferstehung?

DennisRiehle - 07:22 @ Glaube