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26.07.2021

Ein Uni wächst selten allein…

Kommentar
zur Debatte um die Vergrößerung der Universität Konstanz

In den nächsten vierzig Jahren soll die Konstanzer Universität um die Hälfte wachsen. Dieser Tage wird in der Öffentlichkeit breit darüber diskutiert, wie es am Gießberg wohl 2060 aussehen wird. Immerhin sind die Dimensionen und Ausmaße gigantisch. Und auf den ersten Blick dürfte es viel Zustimmung dafür geben, dass sich der führende Wissenschaftsstandort am Bodensee weiterentwickelt. Doch während man aktuell debattiert, wie die neuen Gebäude auch möglichst nachhaltig und klimafreundlich ausgestattet werden können, treibt mich eine ganz andere Frage um: Im 21. Jahrhundert scheint der kapitalistische Gedanke des ewigen und ständigen Wachstums in alle Bereiche durchzuschlagen. Dabei wissen wir mittlerweile, wohin die Sucht nach dem immer „Größer, Weiter, Schneller“ führt. Nicht nur der Erdball im Ganzen, sondern auch die Welt im Kleinen leiden unter dem scheinbaren Ideal der Potenzierung, das letztlich trügerisch ist – und uns schneller an manche Grenzen führen wird, als wir uns das vorstellen können.

So ergeht es mir auch bei der Vision von einer um 50 % größeren Hochschule: Es ist weniger die Frage, ob ausreichend Fläche für die Neubauten zur Verfügung steht. Es geht bei bei aller Euphorie für eine aufstrebende Uni vor allem darum, ob wir die notwendigen Voraussetzungen und Konsequenzen einer derartigen Expansion bedacht haben. Denn ohne ein gleichzeitiges Mitwachsen der Infrastruktur kann eine Stadt wie Konstanz diese geplante Erweiterung nicht stemmen. Schon heute wissen wir um die prekäre Wohnsituation, die auch nicht ohne Weiteres verändert werden kann. Wenngleich wir Innenraumverdichtung betreiben können, sind uns in der Außenerweiterung massive Grenzen gesetzt. Denn nicht nur der See schränkt uns diesbezüglich ein; auch die umliegenden Schutzgebiete erschweren Ausdehnung. Und dort, wo noch Freiraum zu finden ist, dürften sich die Streitigkeiten um den Erwerb von Grundstücksflächen – beispielsweise am „Hafner“ – über Jahre hinziehen und zu keinen baldigen Ergebnissen führen.

Gleichsam fragt man sich, ob die Transportwege und -mittel eine derartig steigende Nachfrage an ÖPNV und Individualverkehr verkraften können – denn auch ihre Ausweitung ist in Konstanz limitiert. Ob uns Seilbahnen, Wasserfahrzeuge und noch mehr Busse helfen werden, die entsprechenden Kapazitäten für all die Studierenden und Forschenden bereithalten zu können, ist aus heutiger Perspektive mehr als zweifelhaft. Wo sollen zudem all die Geschäfte entstehen, um den täglichen Bedarf der Bevölkerung zu decken, wenn doch schon heute die Innenstadt aus allen Nähten platzt – und auch im Industriegebiet nur bedingtes Ermessen für eine Komprimierung der wirtschaftlichen Ansiedlung besteht? Schlussendlich ist es auch nicht damit getan, den nach Konstanz kommenden Kommilitonen ein Dach über dem Kopf und Verpflegung zu bieten. Das bereits jetzt durchaus optimierbare Angebot für das studentische Nachtleben wird wohl kaum durch die Vielfalt an kulturellen Sehenswürdigkeiten aufgefangen, in der wir zweifelsohne unschlagbar sind. 

Und nicht zuletzt sollten wir auch daran denken: Welche sozialen Veränderungen ein erheblicher Hinzug von Studenten und Lehrenden hat, zeigten die 70er- und 80-er Jahre – beispielsweise in den sich seither populationsstrukturell massiv gewandelten Vororten. Es ist eine demografische Herausforderung, wenn sich gerade das Altersgerüst der Einwohnerschaft innerhalb eines vergleichsweise kurzen Zeitraum deutlich verlagert und die Bevölkerungspyramide Pole ausbaut, die vor allem ein integratives Miteinander von Alt- und Neubürgern erheblich erschweren. Man sollte nicht verkennen, dass eine große Fluktuation stets mit Ansprüchen an die Bestandsgesellschaft verbunden ist, aber auch der zu inkludierenden Gruppe der Zuziehenden in die Dorfgemeinschaft eine Menge an Anpassungsbereitschaft abverlangt. Der oftmals Dekaden dauernde Prozess der Akkommodation kann nicht aufoktroyiert werden – und er ist nicht selten zum Scheitern verurteilt. Denn die Gefahr der Entwicklung von Parallelwelten ist beträchtlich, weil Zusammenwachsen Geduld braucht.

Natürlich ist auch die Aussicht darauf, dass Konstanz irgendwann in den nächsten Jahrzehnten zur Großstadt werden kann, für manch Politiker verlockend. Gerade, weil unsere Bodenseestadt aber geografisch wie auch morphologisch eine Sonderrolle einnimmt, ist das alleinige Ansinnen auf Extension zu kurz gedacht. Selbst wenn man es sicher nicht überall gerne hört, wäre es aus meiner Perspektive vernünftig, bereits heute die Reißleine zu ziehen und schlussendlich authentisch zu reflektieren: Wollen wir uns nicht ehrlich machen und anerkennen, dass Konstanz als Mittelstadt fortentwickelt werden soll – ohne die übermütige Erwartungshaltung zu strapazieren, wonach wir es mit Freiburg, Ulm oder Stuttgart aufnehmen könnten? Es gehört aus meiner Sicht zu einer Wertschätzung der eigenen Heimat dazu, Bescheidenheit zu üben und Zufriedenheit mit dem zu zeigen, was eben möglich und verträglich ist. Zwanghaftes Aufblähen einer einstigen Siedlung zur baldigen Metropole um reiner Vermessenheit willen, ist ein Wagnis. Schließlich kann der Traum des „Manhattan of Constance“ auch ziemlich leicht platzen…

DennisRiehle - 21:35 @ Kommunales

Auf dem Weg zur „Händler-Monokratie“?!

Leserkommentar
zur Beratung des „Nahversorgungskonzepts für die Ortschaften“ (Konstanzer Vororte)

Wie gestaltet sich die Nahversorgung in den Konstanzer Vororten – heute und morgen? Mit dieser Frage beschäftigen sich die dortigen Ortschaftsräte nicht erst seit der Gewissheit, dass der „Demografische Wandel“ massive Veränderungen in der dörflichen Bevölkerungsverteilung bringen, sondern auch erhebliche Einflüsse auf den Bedarf an Infrastruktur haben wird, die sich perspektivisch verändern muss. Daher hatte man die Stadtverwaltung um entsprechende Erhebungen gebeten, um einen etwaigen Handlungsbedarf früh zu erkennen. Dieser Tage nun wird das Ergebnis des Prüfauftrages in den Gremien der Teilorte debattiert, das mithilfe der Zahlen aus dem gesamtstädtisch ermittelten Einzelhandelskonzept fortgeschrieben wurde. Die städtische Vorlage zu diesem Tagesordnungspunkt leitet sich mit folgenden Worten ein: „Mit dem 2018 beschlossenen Einzelhandelskonzept einher ging der Auftrag an die Verwaltung, ergänzend eine Konzeption zur Sicherung der Nahversorgung in den nördlichen Stadtteilen Dettingen/Wallhausen, Dingelsdorf und Litzelstetten zu erstellen“.

Nachdem nun die Resultate vorlagen, sollten die politisch Verantwortlichen vor Ort – wie am 20. Juli 2021 der Litzelstetter Ortschaftsrat – darüber beraten, welches weitere Vorgehen angezeigt ist. Doch im Kern ist die Aussage: Getan werden sollte eigentlich nichts. Denn: „Das Gutachten zeigt im Ergebnis auf, dass in der gegenwärtigen Situation einerseits die Nahversorgung insgesamt als gesichert betrachtet werden kann“. Einbezogen in die Erhebungen waren offenbar auch die Gewerbetreibenden, die aktuell die Versorgung in den Vororten aufrechterhalten. Kaum verwunderlich, dass sie sich gegen Reformen ausgesprochen zu haben scheinen. Inwieweit diese Einschätzungen jedoch mit den Wünschen der Bevölkerung rückgekoppelt wurden, bleibt zunächst unklar. Viel eher scheint man wenig Wert darauf zu legen, mit den Bürgern über die weitere Fortentwicklung der dörflichen Nahversorgung ins Gespräch zu kommen. Immerhin sieht die Beschlussvorlage der Stadt abschließend vor: „Weitere Maßnahmen, wie eine Haushaltsbefragung bzw. Workshops mit der Nachfrageseite werden aufgrund der vorliegenden Ergebnisse und auch unter ökonomischen Aspekten derzeit nicht empfohlen“.

Dem kritischen Beobachter stellen sich bei dieser Aussage gleich mehrere Fragen. Erstens: Ökonomische Aspekte? Geht es hier um die Sorge, eine mögliche Partizipation der Einwohner könnte strukturiert verlaufen und nach einer professionellen Begleitung erfordern, die letztlich kostspielig werden könnte? Oder ist es viel eher das Einknicken vor den bestehenden Nahversorgern, die möglicherweise mit einer die Konsumenten teuer zu stehen kommenden Insolvenz gedroht haben, wenn ihre Alleinstellung gefährdet wird? Und zweitens: Wie authentisch ist eine Befragung, bei der sich lediglich die Anbieterseite zu Wort melden durfte – und wie scheinheilig ist die Bewertung eines Gutachtens, deren Erkenntnisgewinn gleich null ist und dessen Stoßrichtung man im Nachhinein unter dem Wissen seines Zustandekommens bereits vorhersehen konnte? Ich möchte nicht wissen, wie viele Euros in diese Erhebung geflossen sind, von der man durchaus sagen kann, dass sie einem monopolistischen Gedanken Raum schafft. Denn wenngleich es niemand auszusprechen vermochte: Trotz eines anderslautenden Anscheins ist davon auszugehen, dass die Vorstellungen der Kundschaft keinesfalls deckungsgleich mit jenen der hiesigen Händler sind. Wer sich also gegen einen Wechsel in der Nahversorgungsstrategie gewandt hat, ist offensichtlich.

Für diese These würde auch ein Satz aus der Begründung der Stadt sprechen, der da lautet: „Andererseits besteht eine besonders hohe Sensibilität gegenüber Veränderungen z.B. in Form von Neuansiedlungen, da sich zusätzliche Angebote im nahen Umfeld in allen Fällen fortbestandsgefährdend auf den in der Regel inhabergeführten Bestand auswirken würden“. – Ah ja, schlussendlich soll das wohl lauten: Die seit jeher ansässigen Platzhirsche der vorörtlichen Nahversorgung wünschen keinerlei wirtschaftliche Rivalität, weil sie um ihre Existenz fürchten. Ehrlicherweise vermag das nur die halbe Wahrheit zu sein. Denn es dürfte andere Gründe geben, weshalb sich die Lebensmittelläden in den Ortschaften vor einem Verdrängungskampf sträuben. Denn der „Ist-Zustand“ ermöglicht ihnen seit langem die alleinige Preisgestaltung. Und wer schon einmal in Litzelstetten oder Dettingen eingekauft hat, der weiß, warum man bei uns von hohen „Lebenshaltungskosten“ spricht. Die fehlenden Alternativen aus verschiedenen Anbietern haben einen Zustand zementiert, den nicht wenige Einheimische und Zugezogene als unveränderlich wahrnehmen – und in dieser nahezu resigniert wirkenden Einsicht von der extern eingeholten Konzeption des Büros Dr. Acocella bestätigt werden.

Gerade ältere und behinderte Menschen haben kaum eine Möglichkeit, die Dörfer zu verlassen – und sind damit darauf angewiesen, ihren Bedarf durch die teils erheblich überteuerten Supermärkte der Teilorte zu decken. „Konkurrenz belebt das Geschäft“ – doch gerade das soll in der Konstanzer Peripherie offenbar vermieden werden. Ich empfinde es als höchst bedenklich, wenn sich die Politik auf ein Gutachten stützt, dass explizit anrät, Wettbewerb zu unterbinden. Dieser Versuch des marktwirtschaftlichen Eingriffs stellt sich für mein Dafürhalten als überaus irritierend dar – und sollte zumindest debattiert werden. Denn auch wenn ich von vielen Senioren und Familien darum weiß, wie dankbar sie darüber sind, dass in den Dörfern überhaupt noch eine Gelegenheit zum täglichen Einkauf besteht, bin ich unsicher, ob es Aufgabe der öffentlichen Hand sein kann, Kleinbetriebe dauerhaft am Leben zu erhalten – wenngleich es hehre Gründe sein mögen, weshalb man sich mit jenen Gewerbetreibenden solidarisiert, die auch in schwierigen Entwicklungsphasen der Ortschaft die Nahversorgung aufrechterhalten.

Nein, natürlich vermag eine Verdrängung dieser altbewährten und gleichsam liebgewonnenen Läden nicht im Sinne des Erhalts von Dorfstrukturen sein. Dass sich langfristig aber ohnehin etwas wandeln wird, muss schlussendlich auch das Gutachten einräumen. Denn weil die „bestehenden Lebensmittelbetriebe nicht den Betreiberanforderungen neuer Märkte entsprechen“, wird man am Ende des Tages daran denken müssen, auch „mögliche Neuansiedlungen aufgrund potenziell eintretender Veränderungen durch endgültige Betriebsschließungen“ in Betracht zu ziehen. Diese prognostische Offenbarung ist weise, scheint aber interessengeleitet derart weit in der Zukunft zu spielen, dass der Anwurf, dem Lobbyismus der heutigen Einzelhändler in die Falle gegangen zu sein, durchaus berechtigt ist. Das „freie Spiel der Kräfte“ wird in den Konstanzer Vororten durch eine voreingenommene Lenkung der ökonomischen Wahlfreiheit des Kunden verhindert und damit eine wirtschaftliche Monokratie geschaffen, welche den Grundsätzen einer dynamischen Marktentfaltung widerspricht.

Dass hierbei insbesondere die zwanglose Preisfindung „unter die Räder kommt“, macht sich in den Geldbeuteln der Verbraucher bemerkbar. Dass die Befürwortung der Gutachter, von weiteren Befragungen der Käufer und Abnehmer Abstand nehmen zu wollen, die Bestimmung von Kundenpräferenzen unterbindet, ist nicht nur unter dem Aspekt von Teilhabepolitik ernüchternd. Viel eher versagt man mit dieser Haltung auch jedwede zeitnahe Innovation. Zwar sieht man in der Beschlussempfehlung auf Dauer gesehen eine Notwendigkeit, neue Formen der Nahversorgung auszuprobieren („Verkaufsautomaten, Direktvermarkter“). Gleichsam verlagert man mit einem kurzgedachten Lösungsvorschlag die Verantwortung wieder einmal auf das freiwillige Engagement der Bürger, indem „insbesondere für die eingeschränkt mobile Bevölkerung“ die entsprechende „Grundversorgung“ nachhaltig „durch Fahrdienste oder Lieferservice auf ehrenamtlicher Basis (z.B. durch Vereine) […] gewährleistet werden“ sollte. Ein typisches Muster unser Zeit wird dabei erkennbar: Das freiwillige Tun der Menschen wird als selbstverständlich angesehen und erwartet; ihre Mitsprache ist gleichsam nicht willkommen. Der Protest wird dennoch ausbleiben, denn nicht nur in Litzelstetten hat man es sich im „Status quo“ gemütlich gemacht…

Anmerkung: Die kursiv gedruckten Textteile sind der „Beschlussvorlage ö - 2021-1535“ der Stadt Konstanz entnommen.

DennisRiehle - 21:30 @ Kommunales

21.07.2021

Die „Freiheit des Eigentums“ ist nur die halbe Wahrheit…

Kommentar
zu den Spekulationen über Enteignungen im Konstanzer „Hafner“-Areal

Es riecht wieder einmal nach „roten Socken“: Der Realsozialismus scheint nahe, denn in Konstanz geistert der Popanz der „Enteignung“ durch die Gassen. Nachdem über 80 Grundstückseigentümer im Areal „Hafner“ nicht bereit sind, ihren Boden für die Entstehung des Neubaugebiets zu veräußern, schwingt nun das „Damoklesschwert“ der staatlichen Wegnahme im Raum.

Dass unser Grundgesetz sehr hohe Hürden für eine solche Maßnahme vorsieht, sollte bei aller anfänglichen Aufregung nicht außer Acht gelassen werden. Gerade bei der Enteignung von Bauland handelt es sich nahezu immer um Einzelfallentscheidungen, sodass kein Sachverhalt mit dem anderen vergleichbar ist. Typischerweise sieht das Baugesetzbuch den Entzug von Grundstücken vorrangig bei Lückenschließungen in geschlossenen Ortschaften vor.

Wie es sich also bei der Schaffung eines komplett neuen Wohnareals verhalten würde, scheint völlig ungewiss. Im Zweifel dürfte wohl mit jahrelangen Prozessen zu rechnen sein – sofern nicht die Bedingungen für eine vorzeitige Besitzeinweisung gegeben sind –, denn  schließlich muss die Voraussetzung, wonach eine Verstaatlichung nur zum Zwecke des Allgemeinheit erfolgen darf, für jede Konstellation individuell geklärt werden.

Dass die Kollektivierung also erst am Ende der Kette von Versuchen der öffentlichen Hand stehen kann, die Liegenschaften für sich zu gewinnen, dürfte sowohl Politik wie Verwaltung bewusst sein. Der Nachweis, wonach sämtliche Unternehmungen gescheitert sind, die Anwesen auf dem Weg des Erwerbs zu erhalten, muss geführt werden. Es ist bedauerlich, dass bislang im Sinne des Gemeinwohls durch die Betroffenen nicht konsensethisch gehandelt werden konnte.

Dabei sollte gerade in Zeiten explodierender Mieten, verknappter Wohnflächen und der Zunahme an obdachlosen Menschen ein allseitiges Interesse an der Schaffung neuen Wohnraums bestehen. Letztlich dürfen auch die Grundstücksbesitzer im „Hafner“ nicht vergessen, dass Artikel 14 unserer Verfassung nicht nur das Eigentum schützt, sondern dass es gleichsam in die Verantwortung nimmt. Diese „Sozialpflichtigkeit“, die der 2. Absatz formuliert, ermahnt die Inhaber von potenziellem Bauland dazu, nicht nur an sich selbst zu denken.

Es bedarf keinesfalls der moralischen Keule, um daran zu erinnern, dass ein Ausharren auf seinen Rechten nicht nur dem Ansehen schaden, sondern letztlich auch die Eingriffsrechte des Staates provozieren kann. Ob man es darauf wirklich anlegen muss?

DennisRiehle - 03:43 @ Kommunales

20 Jahre Ehrenamt - ein Zwischenfazit…

Erfahrungsbericht
Zwischen Sinnhaftigkeit und Undankbarkeit…

Manchmal frage ich mich: Haben Ernst Busch (1832 – 1908), Joachim Ringelnatz (1883 – 1934) oder Josef Weichmann (Westerbach) nicht doch recht gehabt? Einer von ihnen (oder alle drei?) hat jenes Gedicht verfasst, was bis heute in der Welt des Ehrenamtes zu hitzigen Diskussionen führt. Manche meinen, der Autor leiste den bürgerschaftlich Engagierten mit seiner bissigen Kritik am Freiwilligendienst einen Bärendienst. Andere wiederum argumentieren, dass in der genannten Lyrik „Nur kein Ehrenamt“ vielleicht schon mehr als nur ein „Fünkchen Wahrheit“ stecke. Zweifelsohne wird der Reim sehr deutlich. Da heißt es unter anderem: „Ohne Amt lebst Du so friedlich / und so ruhig und so gemütlich / Du sparst Kraft und Geld und Zeit / wirst geachtet weit und breit“. Unbestritten: Nicht nur in dieser Belletristik wird der Streit um das unentgeltliche Tun erbittert geführt. Und das nicht ohne Grund: Millionen Deutsche sind Tag für Tag engagiert. Ob im Sport, in der Religionsgemeinschaft oder im karitativen Verband – das Ehrenamt spart nach unterschiedlichen Schätzungen bis zu mehreren Milliarden Euro jährlich. Insbesondere CDU und CSU werden deshalb nicht müde, immer wieder neu zu betonen, welchen Stellenwert dieses uneigennützige Wirken doch hat. Dagegen kommt aus dem politisch linken Lager der Vorwurf, dass viele Ehrenamtliche zum Lückenbüßer für den Sozialstaatsabbau herhalten müssen und ungewollt verhindern, dass versicherungspflichtige Jobs geschaffen werden. Die Argumente sind dabei nicht neu – und doch entzündet sich der Diskurs regelmäßig an der Frage, ob unser Land tatsächlich zusammenbrechen würde, stellten die Hilfsbereiten ihr Tun plötzlich ein. Und auch wenn gerade Unionspolitiker wiederkehrend behaupten, es sei keinesfalls selbstredend, wonach sich so viele Bundesbürger in das Gemeinwesen einbrächten, möchte ich heute ein wenig Wasser in den süßen Wein der heilen Welt aus zivilgesellschaftlichem Engagement und Aufopferungsgabe gießen.

Seit 20 Jahren treibe ich mich in den verschiedensten Institutionen um und betätige mich ehrenamtlich. Begonnen habe ich nach meiner Konfirmation in der Kirche, verbrachte stundenlang in der Gemeinde. Mein Tun nahm man mit einem „Vergelt’s Gott“ gerne an, war ich doch sozusagen der „Mann für alle Fälle“. Ob in der Gemeindearbeit die Gottesdienste gestaltet oder sonntags mit der Flöte den Gesang begleitet – unzählige freie Momente habe ich investiert, um der nach meiner Ansicht „guten Sache“ dienlich zu sein. Doch dann kam die Zeit der sexuellen Reifung – und Orientierung. Für viele christliche Glaubensgemeinschaften ein heikles Thema. So scheinbar auch für Teile der badischen Landeskirche, zu der ich damals noch gehörte. Ein Schwuler, der die Heranwachsenden im Konfirmandenunterricht betreut? Ein Homosexueller, der möglicherweise nicht die Heilige Schrift erfüllt? Vielleicht sogar ein „verlorenes Schaf“, das man mit der Hilfe des Herrn wieder auf den rechten Weg zurückbringen muss? Immerhin hatte mein angebliches Schwulsein doch ausgereicht, um mich vorsorglich aus der Jugendarbeit zu entfernen und auf der Straße zu meiden. Und als wäre mein „Anderssein“ nicht schon schwere Sünde genug, kam hinzu, dass ich bereits früh an einer Zwangsstörung erkrankte. Mein offensiver Umgang mit dieser Tatsache brachte mir schlussendlich die Feststellung eines hohen Klerikers ein: „Psychisch kranke Seelsorger braucht die Kirche nicht!“ – womit meine Motivation, ein Theologie-Studium zu beginnen, nahe null gerutscht war. Immerhin war auch ein wenig der liebe Gott selbst daran schuld, denn wie er damals das Leiden auf mich verteilte, empfand ich als spürbar ungerecht. Nun ja, die „Theodiée-Frage“ hat mich zumindest nicht am Ehrenamt zweifeln lassen – wenngleich ich jenes in Reihen der Kirche nach all den Vorfällen gezwungenermaßen beendete und für mich erstmals attestierte: „Jahrelange Hingabe wird mit einem Kick aus der Kirchentür belohnt!“. Dass damit der Grundstein für ein sich langsam auftürmendes Misstrauen gegenüber dem Hauptamt und den Nutzern freiwilliger Dienste gelegt war und durch Einlassungen wie „Mit Ihrem Glauben tragen Sie Eulen nach Athen“ noch bestärkt wurde, scheint in der Gesamtschau dann doch wenig erstaunlich. Wie gut, dass es auch noch weltoffene Menschen gibt, die mich geistlich aufgenommen haben und mit denen ich in der hiesigen Studierendengemeinde erfüllte Stunden verbracht habe, weil ich mich in Gottesdiensten zum Christopher-Street-Day oder dem Weltaidstag nicht verstellen musste. Gleichsam habe ich der Kirche die Botschaft hinterlassen: „Achtet darauf, dass ihr eure treusten Schäfchen nicht als Mülleimer des guten Willens verwendet, deren langjähriges Engagement und gottvertrauende Nächstenliebe nicht nach Belieben ausgenutzt werden sollten, um sie im Moment der Missliebigkeit einfach auszusortieren!“.

Schnell danach erfolgte mein Einstieg in die Selbsthilfearbeit. Sie ist bis heute ein Kernstück meines ehrenamtlichen Engagements, das ich mit großer Leidenschaft erfülle. Denn aus der Erfahrung von Multimorbidität ist in mir das Bedürfnis erwachsen, die zahlreiche Unterstützung, die ich aus dem Gesundheits- und Sozialwesen erhalten habe, an andere Betroffene und Angehörige zurückzugeben. Ja, diesen Grund hört man oft, wenn Freiwillige nach ihrem Antrieb gefragt werden, warum sie sich für die Gesellschaft einsetzen. Und tatsächlich löst das Geben in einer Gesellschaft, in der heutzutage das Nehmen im Vordergrund steht, angenehme Gefühle der Zufriedenheit aus, die für ein erfülltes Dasein so wichtig sind. Doch auch dort, wo Kranke, Behinderte und sozial Schwache sich gegenseitig helfen, sich Rat geben und gleichsam fördern möchten, „menschelt“ es ganz gewaltig. Postengeschacher, das Ringen um Macht und Einfluss oder der Versuch der Omnipräsenz: Auch ich nehme mich nicht davon aus, im Hauen und Stechen unter den Ehrenamtlichen mitzumischen – was bleibt ihnen auch abseits von Ansehen, Anerkennung und Aufmerksamkeit? Dass man sich in seinen Vorstandsämtern profilieren möchte, das ist eine normale Reaktion des Menschen, dem letztlich die Würdigung und Ehre persönlichen Auftrieb gibt. Das ist solange auch keinesfalls verwerflich, wie man in im persönlichen Verhältnis der Engagierten untereinander fair und sachlich bleibt. Doch leider neigen Ehrenamtliche immer wieder dazu, Konflikte auf die Beziehungsebene zu verlagern. Emotionale Verletzungen sind dann keine Seltenheit und führen oftmals zu einem gekränkten Rückzug aus der jeweiligen Aufgabe. Was bleibt, sind meist Enttäuschung viel zerschlagenes Porzellan. Allerdings ist das soziale Engagement prädestiniert dafür, unter Befindlichkeiten zu ächzen. Menschen, die sich dort einbringen, zeigen eine immens hohe Einsatzbereitschaft und agieren häufig mit derartiger Selbstlosigkeit und Enthusiasmus, dass ihr Tun irgendwann in einem „Ausgebranntsein“ endet. Ist es das wert? Letztlich hängt die Antwort auf diese Frage wesentlich von der Abwägung ab, ob In- und Output noch in einem ordentlichen Verhältnis zueinanderstehen. Daher ist eine regelmäßige Eigenreflexion das „A und O“. Ich habe in meiner Verantwortung als Selbsthilfegruppenleiter nach über einem Jahrzehnt praktischer Erfahrung zwischenzeitlich „den Hut genommen“, nicht nur, weil sich das Hauptamt offenbar zunehmend vor Konkurrenz fürchtete – und mit direkten Anwürfen und der Unterstellung von Selbstherrlichkeit pikiert reagierte. Vor allem stieß mir aber eine zunehmende Geisteshaltung auf, die für unser 21. Jahrhundert augenscheinlich recht bezeichnend ist und Ausdruck einer gesellschaftlichen Veränderung sein dürfte: Wenn Teilnehmer zur Selbsthilfegruppe nur noch nach Lust und Laune erscheinen, der Moderator plötzlich alleine dasitzt und bei jenen, die als Betroffene nur noch bei Bedarf vorbeischauen, eine Mentalität der Selbstbedienung entsteht – ja, dann ist es durchaus Zeit, sein eigenes Engagement zu durchleuchten. Ob man dabei auf Busch, Ringelnatz und Weichmann hören muss, bleibt dabei aber natürlich jedem selbst überlassen: „Willst du froh und glücklich leben / laß kein Ehrenamt dir geben! / Willst du nicht zu früh ins Grab / lehne jedes Amt gleich ab!“.

Manchmal habe ich das Gefühl, wir seien in einem „Gemischtwarenladen“. In den letzten Jahren hat die Erwartungshaltung vieler Menschen ein unerträgliches und gleichsam unverschämtes Maß angenommen. Ich verstehe durchaus, dass ich es in meiner freiwilligen Arbeit nicht selten mit Personen zu tun habe, welche sich in großer persönlicher Not befinden. Darum vermag ich auch nicht zu verurteilen, wenn am späten Sonntagabend das Telefon klingelt und ich um ein „offenes Ohr“ gebeten werde. Doch was eigentlich die Ausnahme bleiben sollte, wird zusehends zur Normalität. Mich verstört und ärgert es zugleich, wenn ich von Anrufern hören muss: „Wissen Sie, mein Therapeut ist heute nicht erreichbar, deswegen habe ich nun Ihre Nummer gewählt”. Eine durchaus zweifelhafte Tendenz, wonach sich die ersten Säulen des Gesundheitssystems auf das lediglich vierte Standbein verlassen, das streng genommen eine Unterstützung, aber keinesfalls ein Ersatz sein soll – und darf. Es gibt Parteien in unserem politischen Spektrum, die immer wieder ihre Wertschätzung und Anerkennung für das umfangreiche Einbringen der Bevölkerung in den sozialen Bereich danken – gleichsam aber nicht verhindern, dass sich hauptamtliche Strukturen zurückziehen und sie dies mit der gewissenhaften Präsenz der Ehrenamtlichen begründen („Die werden’s schon richten“). Wie zufrieden berichtete mir einst ein Psychiater aus der Ferne: „Wenn ich weiß, dass Sie am Wochenende für die Menschen da sind, kann ich mich endlich einmal beruhigt zurücklehnen“. Nein, Selbsthilfe ist weder ein Äquivalent zur fachärztlichen oder psychologischen Konsultation, noch können sie etwaige Notfälle auffangen. Das Ehrenamt ist nicht dafür gedacht, die Professionellen aus ihrer Verpflichtung zu entbinden, die Versorgung von Kranken sicherzustellen. Ich kann zwar eine ergänzende Beratung dazu beitragen, dass eine erste Linderung erfolgt. Doch die Vorstellung Hilfesuchender und amtstragender Personen, wonach wir als freiwillig Aktive das stark überlastete Sozialwesen des Landes in irgendeiner Art kompensieren könnten, ist beängstigend, naiv und schlichtweg falsch – und von einer politisch mitverantworteten Selbstgerechtigkeit getragen.

Wir wissen aus vielen Untersuchungen, dass sozial Engagierte nicht selten zu Überforderung und „BurnOut“ neigen, weil sie sich in einem übersteigerten Verantwortungsbewusstsein Aufgaben hingeben, die ihre Belastbarkeit und Kompetenz übersteigen. Daher ist es auch kaum verwunderlich, dass sich Ehrenamtliche gegen diese durchaus ausbeuterisch anmutende Grundhaltung der Gesellschaft gegenüber vielen gemeinnützig Tätigen nicht zur Wehr setzen können. Ich gebe zu: Über einen langen Zeitraum war auch ich nicht in der Lage, mich aus dieser Situation zu emanzipieren, in die ich mich selbst manövriert hatte, deren scheinbare Gottgegebenheit von außen aber fraglos angenommen wurde. Und so war der rasche Protest derjenigen groß, die meine laienhafte Erfahrung und Zuwendung je nach aktueller Konstitution gewohnheitsmäßig in Anspruch genommen haben, als ich mich abseilte. Nachdem ich meine Tätigkeit in der Selbsthilfe aufgrund der rückläufigen Nachfrage zunächst deutlich zurückgefahren habe, stieg gleichzeitig meine Bereitschaft an, mich direkt vor Ort nützlich zu machen. Seit mittlerweile acht Jahren betreibe ich deshalb in meinem Heimatdorf eine Sozial- und Pflegesprechstunde der Nachbarschaftshilfe – und auch da scheint es zur Gewohnheit für die Menschen geworden zu sein, eine Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft vorauszusetzen. Manche Anrufer sprechen ein Dutzend Mal täglich auf das Band, weil sie ihr Erwartungsdenken als gerechtfertigt ansehen, wonach solch eine Dienstleistung doch „ad hoc“ zu erreichen sein müsste. Dass dabei aber allzu häufig vergessen wird, wonach hinter einem derart ehrenamtlichen Angebot ein Privatmensch steckt, der sein Tun weder in Vollzeit verrichtet, noch für sein Handeln in irgendeiner Weise vertraglich gebunden oder gar entlohnt wird, interessiert viele Ratsuchende nicht. Im Gegenteil: Es hagelt Beschwerden, dass Antworten nicht innerhalb von 24 Stunden bei ihnen eintreffen. Als ob sie dabei die einzigen Mitbürger wären, welche Anspruch auf Hilfe hätten, stilisieren sie sich rechthaberisch zu einem „Kunden“ empor, der schließlich nach einem gewissen Service verlangen könnte. Der Truismus der Gegenwart hat mittlerweile besorgniserregende Züge angenommen und trägt nicht zuletzt zur Entmutigung von Engagierten bei. Denn wer mag es dem Ehrenamtlichen verübeln, wenn er unter alledem zum Schluss kommt, den auch die genannten Gedichteschreiber bereits erkannt und in durchaus markigen Worten niedergeschrieben haben: „Drum, so rat ich Dir im Treuen: / willst Du Weib (Mann) und Kind erfreuen / soll Dein Kopf Dir nicht mehr brummen / laß das Amt doch and’ren Dummen“.

Nun ja, und dass man heute nicht mehr unbedingt auf Wertschätzung oder Anerkennung für sein geleistetes Ehrenamt setzen kann, dürften viele engagierte Kollegen ebenfalls bestätigen zu können. Unbestritten: Die öffentliche Hand strengt viel an, um das freiwillige Tun der unzähligen Menschen zu würdigen. Und nein, ich glaube tatsächlich nicht, dass man dies aus einem reinen Selbstzweck heraus macht, um sich die fleißigen Mitbürger „bei der Stange zu halten“ – weil man sie ja doch braucht. Aber die alljährlichen Zeremonien, bei denen ausgewählte Personen vom Bürgermeister pompös ausgezeichnet werden, ersetzen eben nicht das „Dankeschön“ im Alltag, das in unserer Gesellschaft ohnehin rar geworden ist. Wie sehr das ehrenamtliche Wirken zum Gemeinplatz deklassiert wurde, zeigt nicht zuletzt das stillschweigende Hinnehmen von freiwilligen Leistungen, die eigentlich ganz offensichtlich in den Zuständigkeitsbereich des öffentlichen Sektors gehören. Wenn man – wie ich – über knapp zwölf Jahre vollkommen selbstlos für seine Mitbevölkerung im Informationsblatt regelmäßig über das Dorfgeschehen lange Artikel schreibt und dafür ganze Tage im Monat aufwendet, so ist das in meinem Fall ein überzeugter und aus heimatlicher Verbundenheit von Herzen erbrachter Dienst. Auch dass die Einwohnerschaft hierauf mit diskreter Zurückhaltung antwortet und über die Zeit hinweg in gerade einmal neun Reaktionen ihre Reverenz erweist – man mag es ihnen im schnelllebigen Alltag vielleicht noch verdenken. Dass man aber für seine Tätigkeit nicht selten dem Hauptamt auch noch „hinterherrennen“ muss und nicht einmal eine Bestätigung für all das erhält, was man abliefert, entkräftet das Ehrenamt auf Dauer ungemein. Wir haben die positive Kritik verlernt – und die Bedeutung des kurzen „Prima gemacht!“ zwischendurch zunehmend verkannt. Wie wichtig und motivationsfördernd es allerdings für Engagierte sein kann, mögen diejenigen vielleicht gar nicht zu ermessen vermögen, für die solch eine Geste bereits zum zeitgeistigen „Overstatement“ gehört. Möglicherweise bin aber auch ich schon altersstarr geworden, wenn ich mich in meiner heutigen Bestandsaufnahme so verbittert zeige. So möchte ich doch noch beruhigen. Denn ja, auch heute würde ich noch immer den Satz bestätigen: „Das Ehrenamt ist mein Leben“, schließlich hat es dem Grunde nach bis jetzt nicht an seiner Sinnhaftigkeit und Faszination verloren.

DennisRiehle - 03:42 @ Ehrenamt

18.07.2021

Unausgewogene Berücksichtigung von Pressemitteilungen und Leserzuschriften

Offene Beschwerde an den SÜDKURIER
gemäß der Präambel des Pressekodexes

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit beschwere ich gemäß der Präambel des Pressekodexes über eine aus meiner Sicht unausgewogene und bevorzugende Berichterstattung und Kommentierung im SÜDKURIER und dem dazugehörigen Lokalteil Konstanz durch eine unausgeglichene redaktionelle Berücksichtigung von Leserzuschriften und Pressemitteilungen.

Die Presse hat ihren Journalismus ohne „sachfremde Beweggründe“ entsprechend „fair“ auszugestalten (siehe Präambel des Pressekodexes und die journalistische Berufsethik). Insofern verweise ich auf die Richtlinie 2.6 des Pressekodexes, in dem es unter Punkt 1 heißt: „Es dient der wahrhaftigen Unterrichtung der Öffentlichkeit, im Leserbriefteil auch Meinungen zu Wort kommen zu lassen, die die Redaktion nicht teilt“.

Ich beobachte seit geraumer Zeit, dass im SÜDKURIER und seinem Konstanzer Regionalteil manche Leser in sehr regelmäßigen und vor allem engen Abständen mit ihren Einsendungen abgedruckt werden, während andere Personen mit ihren Zuschriften wiederholt scheitern.
Gleiches gilt auch für die wiedergegebenen Pressemitteilungen, bei denen zu vermuten ist, dass die Redaktion für gewisse Themen und Organisation ein größeres Wohlwollen zeigt als für andere. Dabei können die oftmals vorgebrachten Rechtfertigungen nicht verfangen, wonach sich Zusendungen als zu lang oder thematisch nicht passend zeigen.

Denn: „Kürzungen sind jedoch möglich, wenn die Rubrik Leserzuschriften einen regelmäßigen Hinweis enthält, dass sich die Redaktion bei Zuschriften, die für diese Rubrik bestimmt sind, das Recht der sinnwahrenden Kürzung vorbehält“ (Richtlinie 2.6 (4) Pressekodex)“. Da der SÜDKURIER diese Anforderungen erfüllt, kann sich die Redaktion nicht darauf zurückziehen, Zuschriften seien zu umfangreich ausgefallen – denn Kürzungen sind offensichtlich möglich.

Desweiteren gilt, dass Leserbeiträge zulässig und vom Einsender zur Veröffentlichung freigegeben sind, „wenn sich die Zuschrift zu Veröffentlichungen des Blattes oder zu allgemein interessierenden Themen äußert“ (Richtlinie 2.6 (2) Pressekodex). Somit ist ein Hinweis, wonach Zusendungen inhaltlich nicht im Zusammenhang mit der Berichterstattung stehen, entsprechend unbedeutend und damit nichtig.

Auch wenn nach dieser Richtlinie kein Rechtsanspruch für einen Abdruck von Leserzuschriften gegeben ist, steht dieser Tatsache die Unabhängigkeit des SÜDKURIER, die die Zeitung bereits im Untertitel ihres Namens trägt, als Selbstverpflichtung und berufsethische Anforderung an den kritischen Journalismus nach dem deutschen Grundgesetz gegenüber, aus dessen Verständnis sich entsprechend ableitet, pluralistisch und mehrdimensional zu berichten.

Hierzu passt es also nicht, dass eine überproportionale Berücksichtigung einiger Weniger durch Ihre Redaktion stattfindet.

Festzuhalten ist: Es geht bei dieser Eingabe nicht speziell um die empfundene Benachteiligung meiner Person, sondern die Wahrnehmung auch von anderen regelmäßigen Lesern Ihrer Zeitung, denen die Favorisierungen aufgefallen sind. Ich könnte Ihnen entsprechend eine Vielzahl von Privatnamen, Organisationen, Vereinen und Amts- und Würdenträgern nennen, die ohne Pause wiederholten Raum zur Darlegung ihrer Interessen im SÜDKURIER erhalten.

Mit dieser Praktik stärken Sie weder Ihre Glaubwürdigkeit, noch das Ansehen ihres Blattes.

Beste Grüße
Dennis Riehle

DennisRiehle - 07:17 @ Presse

Zwischen Beratungsresistenz und eigennütziger Hybris…

Kommentar
zu den Protesten gegen das zweite Neubauprojekt in der Litzelstetter Ortsmitte

Es scheint wie ein „Déjà-vu“ zu sein: Wieder protestieren Bürger in der Litzelstetter Ortsmitte gegen ein Bauvorhaben, wie es vor rund einem Jahrzehnt schon einmal geschehen war. Damals ging es um das von der WOBAK gekaufte Grundstück an der Ecke Martin-Schleyer-Straße / Kornblumenweg, auf dem bis heute noch kein Neubau entstanden ist. 

Beim aktuellen Projekt nebenan, das die Schaffung eines Studentenwohnheims am Aufgang von der Hauptstraße in den Kuckucksweg vorsieht, scheinen sich die Dinge nun zu wiederholen: Zu groß, zu massiv und städtebaulich unpassend. Ähnliche Prädikate wurden auch den anfänglichen Planungen für das „Betreute Wohnen“ zugeschrieben, welches nun seit Jahren nicht vorankommt und stattdessen noch immer das alte Gebäude auf dem Gelände der Wohnungsbaugesellschaft brachliegt. 

Dabei hat man gesehen, wie sinnstiftend die Einbeziehung der Bevölkerung sein kann. Mit einem strukturierten Beteiligungsprozess konnte man einst dazu beitragen, dass eine breite Ablehnung zumindest in Kompromissfähigkeit umgemünzt wurde. Die Menschen haben es postwendend goutiert, dass sie in die Diskussion um den Dorfkern als zentralem Begegnungsort einbezogen wurden und durch einen von ausgewählten Einwohnern mitgestalteten Workshop samt fachkundiger Begleitung von extern mit den Verantwortlichen ins Gespräch kommen konnten. 

Die Maximalforderungen konnten selbstredend auch in den weiterentwickelten Entwürfen nicht umgesetzt werden. Trotzdem hat man von beiden Seiten durch umfassende Aufklärung, Information und Gedankenaustausch mit dem nun vorliegenden Exposee Frieden geschlossen. Heute ist man viel eher durch das schleppenden Verfahren verärgert, das dem Litzelstetter Herzstück mittlerweile schon einen jahrelang bestehenden Schandfleck beschert. Bei den nun derzeit diskutierten Absichten zum Hochziehen eines Wohnheims kann ich als mittelbarer Anwohner die Aufregung verstehen, denn die Angst vor zwei Bauklötzen nebeneinander ist groß. 

Eine Ortsmitte sollte ein identitätsstiftender Platz sein, der nicht nur als Treffpunkt und zum Verweilen dient, sondern vor allem das Leitbild einer Dorfgemeinschaft abbildet. Letztendlich war man sich bereits 2012 einig, dass von Litzelstetten nicht die Botschaft der Betonklauberei nach draußen vermittelt werden soll. Ob der Auftraggeber des nun zweiten Unterfangens die zurückliegende Entwicklung mitverfolgt hat, kann man nur mutmaßen. Möglicherweise zieht er sich auf das abgewandelte Sprichwort zurück: „Ist erst auch das Zentrum ruiniert, lebt sich’s selbst gar dort recht ungeniert“.

Nachdem die öffentliche Hand erkannt hat, dass es mit der Gesellschaft gemeinsam leichter ist, zu einem versöhnlichen Ergebnis zu gelangen, dürfte diese Einsicht nicht bei allen angekommen sein, die gegenwärtig oder morgen daran denken, in Litzelstetten Häuser zu errichten. Wir müssen in Zeiten knappen Wohnraums an Innenverdichtung denken, daran wird kaum jemand zweifeln. Bedenklich ist aber manch Selbstüberheblichkeit nach dem Motto: „Friss oder stirb!“. 

Da werden Tatsachen geschaffen, ohne den Dialog mit jenen zu führen, auf deren Nachbarschaft die Mieter zukünftig angewiesen sein werden. Wie soll also gerade in einem peripheren Umfeld, in dem der Quartiersgedanke noch etwas wert ist, ein harmonisches Miteinander entstehen, wenn bereits bei der Konzeptionierung das Umfeld außen vor bleibt? Man mag vermuten, dass es zu einer Renaissance der Uneinsichtigeit gekommen ist. 

Denn scheinbar vermag der Gedanke der Partizipation vor allem bei privaten Bauträgern nicht verfangen zu haben. Egal, ob für den Selbstzweck oder zum Vermieten: Jedem, der Wände in die Höhe treibt, sollte sich unter gestalterischen Aspekten regelmäßig einer Selbstreflexion öffnen und die eigenen Vorstellungen, Entwürfe und Ansprüche auf Effizienz unter architektonischen Gesichtspunkten kritisch betrachten. 

Natürlich bleibt es jedem „Häuslebauer“ schlussendlich unbenommen, nach seiner Fasson Wünsche zu entwickeln. Doch unser Grundgesetz schenkt ihm nicht nur die Freiheit zur Entfaltung, sondern: „Eigentum verpflichtet!“ – und das gilt bereits bei der Idealisierung. Insofern kann ihm auch die Verantwortung abverlangt werden, seine Zielvorstellung im Sinne des Gemeinnutzens an die stadtplanerische Umgebung anzupassen. Denn viel mehr wollen die Litzelstetter auch gar nicht…

DennisRiehle - 07:15 @ Kommunales

Augen öffnen, sensibilisieren, umdenken!

Leserkommentar
Wenn Kontaktbeschränkungen und Unfreiheit zum Dauerzustand werden:
Corona-Maßnahmen machen auf die Situation von Strafgefangenen aufmerksam…

Viele Menschen atmen auf: Nach Monaten der Beeinträchtigung lockert der Staat schrittweise die Corona-Regeln – und gibt der Bevölkerung damit nach und nach ihre Freiheitsrechte zurück. Irgendwie wirkt es geradezu peinlich, wie sehr sich die Bürger über diese Zurückgewinnung von scheinbaren Selbstverständlichkeiten freuen. Man mag es kleinen Kindern zugestehen, ihre Euphorie über Präsente zu zeigen. In einer rationalen Welt der Erwachsenen wäre Demut angemessen. Nicht allein deshalb, weil es keinesfalls natürlich ist, dass wir eine solche Pandemie vergleichsweise rasch in Schach halten konnten – auch wenn viele ein anderes Gefühl haben mögen. Sondern vor allem auch daher, weil der Anspruch auf Autonomie eben nicht gottgegeben ist. Unser alltäglicher Umgang mit der Selbstbestimmtheit und Eigenverantwortung eines demokratischen Rechtsstaats stumpft unsere Wertschätzung für diese vermeintlichen Gewohnheiten erheblich ab. Und er trägt dazu bei, dass wir unseren Anspruch auf Ungebundenheit zwanglos formulieren – obwohl sie abseits der rechtlichen Einordnung nämlich doch ein Privileg ist.

Viele Deutsche haben zwischenzeitlich Sorge gehabt, die Kontaktbeschränkungen und die Unfreiheit könnten zum Dauerzustand werden. Dass dies für viele Menschen in unserem Land aber oftmals seit vielen Jahren und Jahrzehnten Normalität ist, daran denken wir aus meiner Sicht viel zu selten. Strafgefangene verbringen nicht selten viel Zeit ihres Lebens hinter Gittern – und sind damit permanent einem Freiheitsentzug und sozialer Isolation ausgesetzt. Gerade jetzt können sich sicherlich zahlreiche Bürger vorstellen, welche Konsequenzen eine ständige Separierung von der Lebenswirklichkeit hat. Worüber wir nach gerade einmal neunzehn Monaten Epidemie stöhnen, ist für Häftlinge die Realität über ganze biografische Abschnitte. Die Konsequenzen werden uns bereits nach der vergleichsweise kurzen Epoche der Entbehrung deutlich: Vereinsamung, psychische Erkrankungen, Hoffnungslosigkeit, Tendenzen zum Rückzug oder Aggression, körperliche Erschöpfung und vieles mehr. Wie mag es dann nur denjenigen ergehen, die zu einer lebenslangen Einkerkerung verurteilt wurden? Natürlich werden wir reflexartig antworten: „Die haben es doch nicht anders verdient!“ – und lassen damit unserem emotionalen Populismus freien Lauf, in dem wir uns mit einer Mehrheit der Bevölkerung vereinigt sehen.

Es geht in dieser Diskussion nicht um die Frage, ob Verbrecher straffrei davonkommen sollen. Vielmehr geht es im 21. Jahrhundert um eine notwendige, angemessene und differenzierte Diskussion darüber, ob der Strafvollzug, wie wir ihn bisher kennen, tatsächlich ein zukunftsfähiges Modell sein kann, um den modernen Erwartungen an einen zivilisierten Rechtsstaat gerecht zu werden – und ob nicht Alternativen denkbar wären, welche für alle Seiten zu mehr Befriedigung, Sühne, Buße, konstruktiver Wiedergutmachung und aktiver Auf- und Verarbeitung von Geschehenem beitragen und nicht zuletzt zur Vergebung führen können. Nein, Opfer und ihre Angehörigen sollen keinesfalls den Eindruck bekommen, dass ihr Bedürfnis nach Genugtuung mit solch einer Debatte untergraben würde. Ja, es mag so wirken, als ob man mit dem biblischen Gleichnis aus Matthäus 5,39 um die Ecke kommt: „Leistet dem, der Böses tut, keinen Widerstand! Nein! Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch die andere hin“. Genauso singulär wie dieses Zitat dürfen wir auch den vorhergehenden Vers der Schrift nicht in seiner Alleinstellung belassen: „Auge um Auge und Zahn um Zahn“. Weder in der einen, noch in der anderen Aussage steckt einzige Wahrheit. Denn es ist unbestritten, dass es im Rechtsstaat bei Fehlverhalten schon allein zur Sicherstellung des gesellschaftlichen Ausgleichs und des erzieherischen Gedankens zu Sanktionen kommen muss. Gleichzeitig ist aber auch richtig, dass Gefängnismauern keine Kompensation für einen Verlust herstellen.

Das Äquivalent, wonach eine zerstörte Existenz des Einen mit einem qualvollen Dasein des Anderen zu Gerechtigkeit beiträgt, kann allein aus psychologischen Gründen widerlegt werden – und es hinkt überdies gewaltig. Immerhin sollte uns der simple Grundgedanke, dass ein verlorenes Leben des Opfers gerade nicht durch ein möglichst langes Leiden des Täters wiedergebracht werden kann, nachhaltig wachrütteln. Denn es ist ein unbändiger Trugschluss, wonach immer höhere Strafen zu mehr Zufriedenheit von Betroffenen und Hinterbliebenen einer Straftat beitragen. Vielmehr entschädigt uns diese Rachsucht nur kurzweilig, solange Schock, Wut und Hass die Trauer verdrängen. Insofern ist es wohl ratsam, darüber nachzudenken, ob man mit neuen Ideen zum Justizvollzug auch ein Anteil zur Aussöhnung beitragen kann. Ausgleiche in Mediation und Gesprächen zeigen uns schon seit langem, dass es sinnhafter zu sein scheint, auch von Seiten des Geschädigten und seiner Hinterbliebenen zu versuchen, die Beweggründe, Vita und Auslöser für das Handeln des Straffälligen zu verstehen. Die aufgeschreckte Seele der Verwundeten kommt nicht deshalb zur Ruhe, weil der Verurteilte über Epochen im Knast schmoren muss. Sie steht allein dann in Einklang, wenn aufgestaute Gefühle durch eine professionelle Streitschlichtung ausgeräumt worden sind. Schlussendlich ist das nur durch eine aus dem Schmerz erwachsene Bereitschaft zur Gnade möglich – und kann nicht erzwungen werden. Gleichwohl ist Reue ein wesentlicher Katalysator, um diesen Prozess gelingen zu lassen.

Daneben scheint aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre die Erkenntnis zu reifen, dass Wegsperren keinerlei Lösung sein kann. Stattdessen zeigen viele Projekte in unserem Land und international ganz vorbildlich, wie zeitgemäßes Ausformen des Hausarrests, die Ableistung von gemeinnütziger Arbeit, therapeutische Interventionen, seelsorgerliche Begleitung, lebensnahe Ausgestaltung der Sicherungsverwahrung, Dialoge aller Beteiligten, Bildungsmaßnahmen oder die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung straffällig Gewordener zu positiven Ergebnissen und echter Verständigung  verhelfen können. Abgesehen davon, dass der Staat weiterhin zu viel Augenmerk auf Reaktion statt notwendiger Prävention zu richten vermag, scheint die Stunde des Umdenkens gekommen, was eine Justizreform angeht. Entsprechend unterstützenswert erscheinen die Ansätze von Fachleuten, die in der bisherigen Eindimensionalität unseres Bestrafungswesens einen dringenden Veränderungsbedarf sehen. Sicherlich bedarf es für einen gesellschaftlich mitgetragenen Paradigmenwechsel ganze Generationen. Doch wir sind dazu aufgerufen, damit heute zu beginnen. Letztlich muss eine seit Jahrhunderten geltende Fokussierung auf einen einzigen Ansatz irgendwann überholt sein, zumal sich herausgestellt hat, dass der Strafvollzug oftmals dazu beiträgt, dass Verbrecher erst hinter den „Schwedischen Gardinen“ zu wirklich Schwerstkriminellen werden – und eine Resozialisierung hinter Gitterstäben zum Scheitern verurteilt ist. Es ist wenig überraschend, dass Individuen zu seelischen Krüppeln werden, wenn sie über Jahre von der Außenwelt abgeschnitten werden und in Absonderung verelenden. Der Weltgemeinschaft des ausgehenden Jahrhunderts fehlt es noch immer an einer humanen Antwort auf Schuld, die zum menschlichen Dasein dazugehört. Heinemann und Dostojewski hatten recht, wenn sie den Zustand von Zivilisation an deren Umgang mit ihren Schwächsten und Strafgefangenen festmachen…

DennisRiehle - 07:10 @ Politik

Endlich Schluss am Hindukusch!

Leserbrief

Der Abzug der internationalen Streitkräfte aus Afghanistan stellt in mehrfacher Hinsicht eine Zäsur dar. Nicht nur für die deutschen Truppen endet nach knapp 20 Jahren ein Einsatz, dessen Sinnhaftigkeit zwischen transatlantischer Schnellschussreaktion und westlicher Überheblichkeit hin und her schwankt. In der oberflächlichen Nachschau eines unbeteiligten Bürgers, der den Konflikt aus der Ferne beobachtet, würde ich der Mission attestierten, dass sie zwar zeitweilige Erfolge gebracht hat, weil sie beispielsweise Frauenrechte durchsetzen und Bildung ermöglichen konnte. Doch effektiv war das alles nicht, denn schon vor dem Rückzug der Militärintervention haben die Taliban erneut den Vormarsch angetreten und viele der Freiheiten, die die NATO gebracht hat, umgehend wieder kassiert.

Wenngleich die pauschale Aussage sicherlich von Enttäuschung und Emotionalität getragen ist, so stimmt sie doch auch nach über zehn Jahren noch immer: Margot Käßmann sagte 2010, „nichts“ sei gut in Afghanistan – und erntete damals heftige Kritik für ihre undifferenzierte Einlassung. Mittlerweile bleibt lediglich festzuhalten, dass ihre Einschätzung damals wie heute richtig war.

„Denn sie wussten nicht, was sie tun…“

Nein, den Soldaten kann man wirklich keinen Vorwurf machen. Sie haben ihren Dienst geleistet und nach bestem Wissen und Gewissen versucht, Frieden zu bringen. Dass dieses Ziel nicht erreicht werden konnte, liegt nicht zuletzt am amerikanisch-europäischen Weltmachtstreben. Der Anspruch, einer islamischen Republik, die in der dortigen Bevölkerung offenbar über all die Jahre hin viel Unterstützung erhalten hat, ein okzidentales Demokratieverständnis aufzuoktroyieren, war von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Die Annahme, wir verteidigten unsere Sicherheit am Hindukusch, ist angesichts der massiven Verluste, die wir an Menschenleben zu beklagen haben, im Nachhinein als vollkommen zynisch zu betrachten.

Unbestritten mag man den agierenden Politikern in 2001 zugutehalten, dass sie reaktionistisch auf die Anschläge des 11. September geantwortet haben – vielleicht auch, ohne nachzudenken. Denn einen fundierten Plan oder eine Strategie, wohin die Militäraktion führen sollte, konnte man bis heute nicht ausmachen. Viel eher scheint man nun in eine wahllos terminierte Defensive zu gehen, da man offenbar einsehen musste, dass sowohl der Rückhalt in den Herkunftsländern der Soldaten, aber auch bei den Afghanen gebröckelt ist. Wahlversprechen mussten eingelöst, innenpolitische Stimmungslagen im eigenen Land berücksichtigt werden. Einen geordneten Abschluss hat der Kampfeinsatz nicht gefunden.

Kritisches Hinterfragen militärischen Engagements – allen Engagements!

Stattdessen wirkt der Abgang resigniert, hilflos und überdrüssig. Und das nicht ohne Grund: Ein jahrzehntelanger Gebrauch von Waffengewalt, um Terroristen zu unterdrücken und auszumerzen, hat allseitige Spuren hinterlassen. Möglicherweise vielleicht sogar bei manch kritischem Militaristen, der zumindest in Frage stellt, ob Töten zum friedenspolitischen Konzept des 21. Jahrhunderts gehören kann. Die Einsicht, wonach nicht nur im Afghanistan-Manöver ein Ungleichgewicht zwischen verteidigungs-, entwicklungs- und gesellschaftspolitischer Investitionen bestand, sollte Grundbestandteil einer systematischen Evaluation sein, welche dazu beiträgt, das aus pazifistischer Sicht unerbittlich gescheiterte Engagement in Afghanistan schonungslos aufzuarbeiten – und danach auch ehrliche und glaubwürdige Konsequenzen zieht.

Eine übereilte und reflexartige Forderung nach sofortiger Beendigung aller Auslandseinsätze der Bundeswehr scheint unter der Maßgabe, dass wir die ersten Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Untersuchung – mit der eine öffentliche Debatte über die grundständige Mehrheitsmeinung der Deutschen zu einer weltweiten Kriegsbeteiligung unserer Truppen, gerade auch im Bündnisfall und unter UN-Mandat, einhergehen muss – abwarten und keine Schnellschüsse vollziehen sollten, recht verantwortungslos.

Luftleere Räume sind Spielplatz für Extremisten!

Selbstredend sind die Eindrücke der letzten Wochen aus dem Krisengebiet Mali ein weiteres Argument dafür, über eine generelle Verweigerung der Bundesrepublik zur Teilnahme an bewaffneten Auslandsmissionen nachzudenken. Trotzdem sollte auch diese Entscheidung nicht überstürzt, sondern besonnen herbeigeführt werden – wenngleich man angesichts der Bilder von martialischen Attacken durch rivalisierende Terrorgruppen intuitiv zu einem anderen Handeln tendieren würde. Aber es ist niemandem geholfen, wenn durch eine überhastete Umkehr aller Truppen in vielen Regionen des Erdballs ein Vakuum entstehen würde und es plötzlich zu einer Instabilität an mehreren Orten gleichzeitig käme, welche Radikale und Extremisten für ihre Ziele ausnutzen könnten und ganze Landstriche mit  Furcht und Schrecken überziehen würden.

Daher begrüße ich die besonnene Reaktion von LINKEN-Co-Chefin Hennig-Wellsow, die zwar ebenso wie andere Genossen mit aller Deutlichkeit den Zweck sämtlicher Bundeswehr-Mandate in Frage stellt, aber im Gegensatz zu Parteikollegen ein schrittweises Vorgehen einfordert – und zunächst die Resultate der Auswertung der Afghanistan-Nachlese auf sich zukommen lassen möchte, ehe ein letztendlich systematischer Abbruch der Missionen erfolgt.

Langfristig wird es der Erkenntnisgewinn aus unzählig misslungenen Feldzügen und sich überdauernden Blauhelm-Mitwirkungen ohne jeden Nachhaltigkeitswert sein, der die selbsternannten Sheriffs der transatlantischen „Achse der Guten“ die Einsicht zu Diplomatie und Selbstbeherrschung lehren wird. Hybris war schon immer ein Kriegstreiber.

DennisRiehle - 07:09 @ Politik

Falsches Signal

Leserbrief
zur linken Forderung nach Zusammenlegung von MTK und Wirtschaftsförderung, SÜDKURIER Konstanz vom 08. Juli 2021

Ja, auf den ersten Blick mögen die MTK und die Wirtschaftsförderung in ihrer Arbeit zahlreiche Überschneidungen haben. Deshalb verstehe ich den Vorstoß von Simon Pschorr und der LLK-Fraktion durchaus, wonach man dort nach möglichem Einsparungspotenzial in den vermeintlichen Doppelstrukturen sucht. Letztlich sollte man aber nochmals auseinanderhalten: 

Während man sich einerseits vor allem um das Marketing – also die Außenwahrnehmung und PR – der Stadt Konstanz und der hier ansässigen (Tourismus-)Betriebe kümmert, vermag man andererseits vor allem die Gründung, Führung und Förderung von Firmen, die Schaffung von attraktiven Standortfaktoren, die Unterstützung bei bürokratischen Fragen, den Lobbyismus der Gewerbetreibenden gegenüber der Politik sowie die Konzeptionierung eines wirtschaftsfreundlichen Klimas für Konstanz im Blick zu haben. 

Ohne Zweifel: Hierbei kommt es zu Parallelen, deren Sinnhaftigkeit man sicherlich hinterfragen muss. Die Forderung nach Zusammenlegung und damit der quasi einhergehenden Auflösung einer der beiden Institutionen halte ich unter der Maßgabe der grundsätzlich doch sehr verschiedenen Ausrichtungen und Zielsetzungen dieser öffentlichen GmbH und der städtischen Anlaufstelle aber für unverhältnismäßig und kontraproduktiv. 

Auch wenn die haushalterische Entlastung bedeutsam wäre, schiene mir solch ein Schritt gerade in Zeiten, in denen unsere kommunalen Unternehmen wieder in Schwung kommen müssen, das falsche Signal. Wir müssen besonders jetzt versuchen, unsere Stadt im Rahmen mancher Corona-Normalisierung des Urlaubsverkehrs wieder ins Bewusstsein der in- und ausländischen Reisenden zu rücken, gleichzeitig aber auch bestehenden Handelsgeschäften und Dienstleistern sowie StartUps die Möglichkeit einräumen, sich bei uns niederzulassen oder vor Ort zu verbleiben. Denn nicht nur eine aussterbende Innenstadt wäre ein Todesstoß für die Konstanzer Wirtschaft und das Gesellschaftsleben in der City. 

Wir würden uns auch Vorwürfe machen, wenn wir die Chance nicht nutzen würden, der treuen und zuverlässig Steuern zahlenden Industrie, dem Handwerk, den Gaststätten und Läden sowie Servicebetrieben und Produzenten – ob groß oder klein – wieder auf die Beine zu helfen, sondern uns im Kleinklein der Zuständigkeiten verhaken würden. Nein, es geht weniger um Investitionen und Subventionen, die dem Gewerbe zuteilwerden müssen. Stattdessen brauchen sie gerade die strukturelle und beratende Begleitung, um die Rückkehr in den Regelbetrieb zu meistern. 

Das gilt auch für jene Macher, die am Anfang ihrer Karriere stehen und sich Konstanz zur Gründung ihres Kleinstunternehmens ausgesucht haben. Sie sind bei der Umsetzung ihrer Idee und Selbstständigkeit ebenso auf Rahmenbedingungen angewiesen, die im Wettbewerb widerstehen können. Insofern befürworte ich ein Entwirren der offenkundig partiellen Verwobenheit zwischen MTK und Wirtschaftsförderung, eine Fusion kann unter dargelegter Argumentation jedoch auch nicht im Sinn linker Kommunalpolitik sein. 

DennisRiehle - 07:07 @ Kommunales

05.07.2021

Untragbar

Leserbrief zu Aussagen von Ministerpräsident Kretschmann über allfällige „Notstandsgesetze“ für kommende Pandemien

Erst wenige Tage nach dem Beginn seiner erneuten Amtszeit hat Ministerpräsident Kretschmann bewiesen, dass sein Abgang sinnvoller gewesen wäre, als sich erneut als Landesvater wählen zu lassen. Mit seinen Aussagen über ein „Notstandsgesetz“, welches der Politik für kommende Pandemien erlauben soll, deutlich härter in die Bürgerrechte eingreifen zu können, hat er deutlich gemacht, dass er sich – möglicherweise ungewollt – vom Boden unserer Verfassung entfernt hat. 

Damit wäre er in seiner Funktion als oberster Repräsentant Baden-Württembergs nicht mehr tragbar – immerhin wird man dem versierten und erfahrenen Politiker nicht zugutehalten können, dass ihm die Tragweite seiner Forderungen nicht bewusst war. Denn wer meint, dass in Krisenzeiten keine Rücksicht auf die Verhältnismäßigkeit von Grundrechten genommen werden müsse, stellt einen elementaren Bestandteil unseres demokratischen Rechtsstaats in Frage. 

Wie sehr sich Kretschmann mit seinen Ausführungen verrannt hat, zeigen nicht nur die Reaktionen aus der Opposition. Dass selbst die Verwaltungsgerichte im Land darauf aufmerksam machen müssen, wonach eine verhältnismäßig handelnde Legislative zu den unverrückbaren Säulen unseres Grundgesetzes gehört – und das gerade auch in epidemischen Lagen –, sollte den beliebten „Grünen“ einsehen lassen, dass er mit seiner Denke auf dem Holzweg ist. Er dürfte mit diesen verwirrenden, irritierenden und verstörenden Einlassungen nicht nur seiner Partei großen Schaden zugefügt haben, sondern auch seiner bislang ungebrochenen Popularität. 

In der jüngeren Vergangenheit häufen sich seine eklatant missverständlichen Äußerungen, weshalb auf seinen abgelegten Eid kein Verlass mehr ist. Ein Rücktritt wäre die logische Folge – denn es ist kaum zu verantworten, dass man es an der Landesspitze mit der Verfassungstreue offenbar nicht so ernst nimmt. Ich gebe unverhohlen zu, dass ich Herrn Kretschmann großen Respekt dafür zolle, Baden-Württemberg seit über zehn Jahren mit Gelassenheit und ruhiger Hand zu führen – er hat dem Südwesten mit seiner persönlichen Nahbarkeit, der unendlichen Geduld und seiner unkomplizierten Art auf jeden Fall gutgetan. 

Nun scheint jedoch der Zeitpunkt gekommen, an dem es besser wäre, aus eigenen Stücken die Konsequenzen zu ziehen. Denn noch ist es nicht zu spät, mit großen Verdiensten aus der Vergangenheit bei der Bevölkerung in Erinnerung zu bleiben.

DennisRiehle - 21:03 @ Politik

Unehrliche Ein-Tages-Fliegen…

Leserkommentar
zu Ungarns Gesetz über die sexuelle Aufklärung, die Illumination von Stadien und den LGBT-Lobbyismus

Als bekennender Homosexueller lässt mich keinesfalls kalt, was derzeit in Ungarn geschieht. Die dortige Regierung driftet immer weiter nach rechts ab – und verschärft dabei ihre menschenunwürdige Sicht auf LGBTIQ-Menschen. Wenngleich Orban behauptet, man wolle mit dem neuen Gesetz die Entscheidungsfreiheit der Eltern stärken, selbstständig über die Erziehungsinhalte befinden zu können, liegt dem Verbot von Aufklärung junger Menschen über die Homo-, Bi- und Transsexualität ein dem weltoffenen Gedanken der Europäischen Union massiv zuwiderlaufendes Bild von der Vielfalt sexueller Orientierung zugrunde.

Gleichsam kritisiere ich als Schwuler ganz bewusst meine eigene „Community“, die mit einem ständigen Aktionismus den Eindruck erweckt, als wolle man Homosexuelle schlussendlich besserstellen als den Rest der Gesellschaft. Während Sahra Wagenknecht vom Problem einer zunehmenden Identitätspolitik spricht, warne ich vor der Ausdifferenzierung immer weiterer Partikularinteressen. Ein Land sollte sich nicht als Zusammenschluss vieler Minderheiten verstehen, sondern einen Zustand von Gleichstellung anstreben, der die Unterteilung in Minoritäten überhaupt nicht mehr nötig macht – und den Gemeinsinn in den Mittelpunkt seines Handelns stellt.

Der Lobbyismus der LGBT-Bewegung ist für mich manches Mal beschämend, weil durchaus die Wahrnehmung entstehen kann, in Deutschland würden sexuell Andersdenkende in wesentlichen Grundrechten benachteiligt. Gerade politisch wurde in den vergangenen Jahren ein derartiger Fortschritt in der Anerkennung des geschlechtlichen Pluralismus erzielt, dass es nahezu peinlich wirkt, wenn der LSVD für die letzte Sitzungswoche des Bundestages in dieser Legislaturperiode erneut attestiert, dass man in der Gleichberechtigung nicht weitergekommen sei. 

Besonders zweifelnd betrachte ich deshalb auch die pure Symbolpolitik dieser Tage, wenn nicht nur der Streit um die Illumination des Münchener Stadions auf den Gipfel getrieben wird, sondern plötzlich auch Fernsehsender und Zeitungen ihre Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben erkennen – und demonstrativ ihre Logos oder Cover in bunte Farben eintauchen. Letztlich wird die zweifelsohne fortbestehende Diskriminierung von Homosexuellen, Intersexuellen und Transgendern – die eben vornehmlich nicht in unzureichenden Gesetzen, vielmehr aber im zivilgesellschaftlichen Alltag existiert – keinen Deut weniger werden, wenn wir für einen Tag unseren Respekt für ihren Lebensstil entdecken.

Ich lobe mir stattdessen den klar sichtbar gewordenen und praktischen Protest vieler katholischer Priester aus den letzten Wochen, die nicht nur Zeichen gesetzt, sondern mit Taten dafür gesorgt haben, dass der vatikanische Aufruf gegen die Segnung schwul-lesbischer Paare zumindest in Deutschland bei vielen Geistlichen nicht auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Sie haben ihr Gewissen über die Anordnung der Kirche gestellt und in Gottesdiensten bewusst die Würde des Menschen über das Dogma aus Rom gestellt. Solch ein Akt sagt mehr als tausende Regenbogenfahnen an Rathäusern, die eben nicht darüber hinwegtäuschen können, dass sich offenkundig viele Fans und Fußballer bis heute nicht trauen, gegen eine ungarntreue UEFA aufzubegehren.

DennisRiehle - 21:01 @ Gesellschaft

Fatale Verquickung

Kommentar
zur medialen Berichterstattung über das Gewaltverbrechen in Würzburg

Es war wieder ein Moment, von dem es bereits so viele zuvor gab – und selbst die seriöse Presse hat bis heute Schwierigkeiten, bei diesem Thema eine differenzierte Berichterstattung zu ermöglichen: Kaum war der Attentäter von Würzburg überwältigt, berichteten Reporter, es könne sich um einen Amoklauf gehandelt haben – und: Der Mann war in psychiatrischer Behandlung! 

Wer derart unverantwortlich zwei Tatsachen in einem Atemzug nennt, trägt bewusst oder ungewollt zu einem Bild von seelisch kranken Menschen bei, das sie als potenziell gewalttätig, gefährlich oder sogar terroristisch erscheinen lässt. Es liegt wesentlich an der medialen Darstellung, weshalb in der Bevölkerung die Empfindung wächst, wonach psychische Störungen unmittelbar dazu beitragen würden, dass Betroffene zu Tätern werden. 

Dabei lassen sich diese Wahrnehmungen nicht einmal durch die Statistik untermauern, eher im Gegenteil: Die übergroße Mehrheit von Verbrechen werden von seelisch gesunden Menschen begangen, doch dieser Umstand ist den meisten Journalisten keine Erwähnung wert. Viel eher muss man manchen Reportern den Vorwurf machen, dass sie allein aus der Chance zu einer Dramatisierung besonders dann von Gewalttaten berichten, wenn sie von einem psychisch Auffälligen begangen wurden. 

Dies führt zu einer massiven Verzerrung der gesellschaftlichen Bewertung von seelisch Kranken, die letztlich zu einer verstärkten Stigmatisierung dieser Menschen beiträgt. Ich selbst bin seit 1998 an diversen Seelenleiden erkrankt und habe nicht zuletzt aufgrund gleichsetzender Aussagen von Reportern, die sich übrigens auch nicht mit dem Pressekodex in Einklang bringen lassen, nach Jahren erfolgreicher Antidiskriminierungsarbeit den Eindruck, als würde sich die Öffentlichkeit in Sachen Respekt und Toleranz gegenüber psychisch Kranken erneut rückwärts bewegen. 

Vorurteile entstehen durch übermittelte Gefühle, Generalisierungen und fehlende oder einseitige Bildung. Insofern kommt gerade der medialen Welt eine hohe Verantwortung zu, weil sie mittlerweile nicht mehr nur selbst informieren sollte, sondern gleichsam den „Fake News“ der sozialen Medien fundierte Erkenntnisse entgegensetzen muss. Dementsprechend ist es beispielsweise von größter Bedeutung, einzelne Schlagzeilen eindeutig voneinander zu separieren, wenn zwischen ihnen (noch) kein kausaler Zusammenhang nachgewiesen werden konnte. 

Immerhin sind andernfalls Pauschalisierungen das Ergebnis von ungenauem Journalismus, der gerade in solch prekären Situationen wie einem Gewaltverbrechen auf seine berufsbedingte Neugier und den Hang zum Skandalisieren verzichten sollte. Letztlich scheint vielen Kollegen bei der Presse die Tragweite ihres Handelns oftmals nicht bewusst. Sie sind in vielen Fällen Meinungsbildner – und daher zur besonderen Sorgfalt in der Wortwahl und bei Vergleichen angehalten. 

Denn unter der Maßgabe, dass – nach unterschiedlichen Angaben – jeder vierte Bürger in Deutschland zumindest einmal in seinem Leben von einer psychischen Erkrankung heimgesucht wird, sollte auch Medienschaffenden in ihrer Arbeit verdeutlichen, dass allfällige Schablonisierungen zu einem Generalverdacht führen, der für friedliebende Mitmenschen mit einer seelischen Störung nicht nur Ausgrenzung und Benachteiligung zu bedeuten vermag, sondern gleichsam in Diffamierungen am Arbeitsplatz, im Ausschluss aus der Familie und in sozialer Isolation enden kann. 

Schließlich wird Sensibilisierung und Aufklärung über psychische Gesundheit ad absurdum getrieben, wenn der „vierten Gewalt“ im Land das feinfühlige Bewusstsein zu einer abgestuften Übermittlung voneinander unabhängiger Vermutungen fehlt. Daher mein Appell: Weniger Sensationsgier, dafür mehr Trennschärfe!

DennisRiehle - 21:00 @ Presse