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09.08.2021

Ein Griff in die Mottenkiste

Leserbrief
zu: „Arbeitgeber für Debatte über längere Lebensarbeitszeit“, „Potsdamer Neueste Nachrichten“ vom 03.08.2021

Als wäre es eine völlig neuartige Forderung, die die Arbeitgeberverbände da aus ihrem Hut gezaubert hätten, präsentieren sie aktuell ihre Anregung, die Debatte über eine längere Lebensarbeitszeit der Deutschen zu führen. Besonders einfallsreich ist dieser Ratschlag nicht, denn über eine Anhebung des Renteneintrittsalters diskutiert die Republik regelmäßig. Und die Empfehlung wird nicht dadurch besser, dass man sie gebetsmühlenartig wiederholt. 

Dass sich gerade die Unternehmen Sorgen über einen möglichen Kollaps unserer Sozialsysteme machen, mag man glauben – oder nicht. Viel eher liegt es wohl in ihrem ureigensten Interesse, die Beiträge für die gesetzliche Altersabsicherung möglichst lange so niedrig wie möglich zu halten. Dabei haben gerade die Arbeitgeber viel Nachholbedarf, denn sie stehlen sich bislang aus der Verantwortung, einen angemessenen Beitrag für die Stabilität des Rentenniveaus zu leisten. 

Aber abgesehen davon: Wer bis heute nicht verstanden hat, dass eine Abkehr von einer pauschalen Verlängerung des Arbeitslebens unabdingbar ist, verkennt die Wirklichkeit. Denn aus der zweifelsohne bislang völlig richtigen Feststellung, wonach wir immer älter werden, folgt nicht automatisch die Konsequenz, dass wir auch immer mehr schuften können. Im Gegenteil: Mit einer zunehmenden Lebenserwartung steigt die Wahrscheinlichkeit von körperlichen und psychischen Gebrechen im Alter massiv an. Es wird also auch fortan keine signifikant ansteigende Erwerbsfähigkeit in späteren Lebensphasen geben. 

Stattdessen wissen wir schon heute, dass in vielen Jobs bereits weit vor 45 geleisteten Arbeitsjahren ein Weitermachen allein gesundheitsbedingt nicht möglich ist. Daher muss die Antwort lauten: Wir brauchen ein flexibles Renteneintrittsalters, das sich einerseits an der Arbeitsbelastung des jeweiligen Berufsbildes, gleichsam aber auch an der individuellen Lebens- und Krankheitssituation orientiert. Und im Bewusstsein, dass der Dienstleistungssektor an weiterer Bedeutung gewinnt, „Home-Office“ spätestens seit „Corona“ salonfähig erscheint und immer mehr Arbeitsschritte digitalisiert werden können, sollten diejenigen Solidarität zeigen, die von diesen Fortschritten profitieren. 

Und ganz nebenbei: Wenn man nicht selbst auf eigene Ideen kommt, könnte man doch sinnvolle und bereits auf dem Tisch liegende Vorschläge aufgreifen. Wie wäre es beispielsweise mit einer Einbeziehung von Abgeordneten und Selbstständigen in die gesetzliche Rentenversicherung? Einer aktienbasierten Altersabsicherung à la FDP? Oder einem kräftigen Steuerzuschuss der Spitzenverdiener? Allemal besser als der Griff in die Mottenkiste…

DennisRiehle - 09:39 @ Politik