Dennis Riehle

  

Blog: Meine Kommentare, Meldungen und Standpunkte


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04.05.2021

Gott ist unschuldig, aber nicht freigesprochen!

Leserbrief zu: “Corona-Pandemie fordert Theologie heraus: Eine Strafe Gottes?”, in: FAZ vom 16.04.2021

Es ist eine tiefgreifende und die Theologie durchaus spaltende Abwägung: Glauben wir als Christen an einen strafenden oder einen liebenden Gott? Würde man den Gedanken der Sühnetodtheorie verfolgen, müsste man doch einwenden, dass uns die von Adam und Eva eingebrockte Ursünde spätestens mit dem mehr oder weniger freiwilligen Tod Christi genommen sein müsste. Gerade in der katholischen Konfession hält sich aber auch nach Jahrhunderten der Aufklärung, nach den versöhnenden Worten Luthers und der unbändigen Angst des mittelalterlichen Menschen vor der Rache Gottes weiterhin der Glaube an „zeitliche Sündenstrafen“, weshalb die Debatte über die Bosheit des Schöpfers keineswegs abwegig ist. 

Der Opfertod Jesu muss diesen Gedanken zumindest nahelegen. Doch zweifelsohne ist auch die Überlegung nötig, ob nicht gerade das auf Golgatha stehende Kreuz ein Ausdruck von Barmherzigkeit ist, das der Mensch in seiner Begrenztheit kaum begreifen kann. Eng verbunden mit dieser Diskussion scheint die Theodizée-Frage: Warum lässt Gott das Leiden in der Welt zu, wenn er doch allmächtig ist und in unserem theistischen Verständnis Einfluss auf das irdische Geschehen nehmen könnte? Besonders in der Corona-Pandemie kommen Gläubige an die Grenzen ihrer Überzeugungen. Ich sehe die Erklärung für das irdische Elend mit zwei Seiten der Medaille – und komme zu einer Schlussfolgerung, die sich aus jahrelanger Krankheit in meinem eigenen Leben speist: Ich bin mir sicher, dass uns Gott Kummer und Schmerz nicht ohne Grund zumutet. 

Denn in der Erfahrung, auf den Boden zu fallen, steckt nicht nur Pein und Last. Das Ankommen in den Tiefen des Daseins ist lehrreich, denn es schenkt uns Widerstandskraft. Man könnte abgehoben auch sagen: Mit dem Sturz werden wir weise. Das alles könnte aber nicht funktionieren, würden wir nicht auch die andere Seite der Parabel bedenken. Denn selbst die Ostergeschichte endet nicht am Karfreitag. Egal, wie man nun zur Auferstehung eingestellt ist: Auf die Drangsal folgt die Hoffnung. Nein, im Augenblick des Verlustes eines geliebten Menschen, der an Covid-19 gestorben ist, helfen uns diese theoretischen Worte nicht weiter. Trotzdem ist das Wissen um Zuversicht tröstlich. Und dazu gibt es Anlass: In den quälenden Augenblicken ist unser Horizont eingeengt. Doch wenn uns die rettende Hand ausgestreckt wird, fassen wir wieder Mut. 

Wenn wir uns fragen, wo Gott in diesen Situationen ist, dann verachten wir meist unbewusst die kleinen Zeichen seiner Solidarität. Ich bin mir sicher, dass die Intensivschwester dem viruskranken Familienvater mit ihrer Fürsorge auch dann zuspricht, wenn ihm der persönliche Kontakt zu seinen Kindern fehlt. Ich setze darauf, dass der Freund der alten Dame beisteht, wenn sie in den letzten Stunden des Lebens ihres infizierten Mannes nicht an seinem Bett sein kann. Und ich vertraue dem Pflegehelfer, dass er bei allem Zeitdruck Empathie zeigt und in den wenigen Minuten seiner Anwesenheit der einsamen Bewohnerin ein Stück von ihrem Alleinsein nimmt. Gerade in Krisen wünschen wir uns natürlich, dass Gott eingreift. 

Aber: Er schenkt uns bereits in Genesis die Freiheit zur Selbstbestimmung (1. Mose 3,4-5). Und das ist auch gut so. Denn was wären Demokratien ohne diese Zusage – auch wenn sie von vielen Despoten missbraucht wird und wir die Folgen menschlicher Dummheit in Gewalt und Kriegen er-tragen müssen. Gleichsam erklärt sie das Fehlverhalten ganzer Gesellschaften, die sich und Anderen in der Geschichte grausame Unterdrückung, Tod und Verwundung zufügten – aber sie rechtfertigt sie nicht. Und dennoch lässt Gott uns auch in den natürlichen Katastrophen und den von uns selbst verschuldeten Dramen mit unserer Eigenverantwortung eben nicht allein. Nein, er will uns mit dem Schicksal nicht „prüfen“, wie viele Theologen es meinen. 

Ich glaube viel eher, dass er uns damit die Chance auf Einsicht, Umkehr und Reife gibt. Mithilfe der Agape, seiner Liebe zu den Menschen, erleichtert er uns diesen Prozess – wenngleich es uns schwerfällt, sie auch als solche zu identifizieren. Vielleicht gelingt es uns aber gerade in diesen Tagen besonders gut, sie zu erkennen: Wenden wir unseren Blick für einen Moment weg von den Schlagzeilen des Virus hin zur Humanität  in den Kliniken, Heimen und Nachbarschaften. Schlussendlich ist Gott unschuldig, aber er ist nicht von seiner Pflicht freigesprochen, sich den Menschen zu offenbaren!

DennisRiehle - 07:37 @ Glaube


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