Dennis Riehle

  

Blog: Meine Kommentare, Meldungen und Standpunkte


An dieser Stelle möchte ich Ihnen regelmäßige Verlautbarungen meiner Person zugänglich machen, die die unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereiche betreffen. Dabei ist es mir wichtig, dass nicht alle Positionen dem heutigen "Mainstream" entsprechen, sondern durchaus auch zum kontroversen Debattieren anregen sollen. Schauen Sie doch immer mal wieder vorbei und lesen Sie die neuesten Einträge! Viel Vergnügen dabei!


Kommen Sie gerne ins Gespräch mit mir: Riehle@Riehle-Dennis.de


07.04.2021

Offener Brief: “Sind wir die ‘Corona-Psychos’ von morgen?”

Sehr geehrte Frau Bundeskanzler,
sehr geehrter Herr Bundesgesundheitsminister,

schon seit über einem Jahr dominiert das Thema „Corona“ nicht nur die Schlagzeilen, sondern bestimmt unser alltägliches Leben ganz erheblich mit. Wir alle sind in dieser Zeit aufgerufen, unser Miteinander stark einzuschränken. Und auch ich selbst gehöre zu denjenigen Bundesbürgern, die im Lockdown aus tiefster Überzeugung Kontaktbeschränkungen einhalten, Shoppen vermeiden und sich größtenteils mit sich selbst beschäftigen. Ja, mir gelingt das gut, aber ich weiß, dass es vielen Menschen anders geht: Die soziale Isolation wird aus meiner Überzeugung zu den größten Folgeschäden der Pandemie beitragen – die langfristigen Auswirkungen auf die seelische Gesundheit. Durch meine ehrenamtliche Selbsthilfearbeit und mein Wirken als freiwilliger Berater in psychosozialen Fragen erlebe ich seit Januar 2021 ein beständiges Wachstum bei den mich täglich erreichenden Hilfegesuchen von Personen, die oft zum ersten Mal in ihrem Leben mit einer psychischen Krise konfrontiert sind. Ich erlebe dabei Schicksale, die auch mich an den Rand meiner Fähigkeiten bringen. Und während wir vor der Überlastung von Intensivstationen warnen, muss ich auf die herannahende Welle hinweisen, die unsere psychiatrischen Krankenhäuser mit ein wenig Abstand zur akuten Pandemie mit voller Wucht treffen wird.

Im Augenblick wird Deutschland auf Sicht regiert, weil die Politik auf Entwicklungen eingehen muss, die sich täglich ändern können. Prognosen sind schwierig und haben sich nicht selten als falsch erwiesen. Daher verstehe ich durchaus, dass die Bundesregierung und die Länder damit befasst sind, die momentanen Auswirkungen der Pandemie im Griff zu behalten. Und in diesen Wochen merken wir, dass auch diese Aufgabe kaum noch gelingt. Daher will ich auch gar nicht verurteilen, denn ich möchte selbst nicht in der Position stehen, die Sie momentan ausfüllen. Durch die pluralistische Meinungsvielfalt im Land, die sich nicht nur in den demoskopischen Erhebungen langsam wandelt und zu einer spürbaren „Wechselstimmung“ beiträgt (wie Ministerpräsident Söder es trefflich erfasst hat), können Sie es niemals allen recht machen. Daher halte ich es für völlig richtig, dass Sie sich an den wissenschaftlichen Empfehlungen orientieren, denen die Mehrheit der Bevölkerung noch immer das größte Vertrauen zu schenken scheint. Und natürlich weiß ich auch darum, dass am Ende einer Legislaturperiode weniger der nachhaltige Blick nach vorne im Mittelpunkt des politischen Handelns steht, sondern vielmehr darum gerungen wird, in der Momentaufnahme zum Wahltag die größtmögliche Zustimmung für die gegenwärtige Politik einzuheimsen. Trotzdem möchte ich heute einen eindringlichen Appell an Sie richten, weil ich in meinem kleinen Büro wahrnehmen kann, dass auf uns ein Tsunami zurast, der weit über die wirtschaftlichen Konsequenzen des nun schon lange andauernden Shutdowns hinausgehen wird. Denn seelische Erkrankung ist eine langwierige Beeinträchtigung, die nicht nur den Arbeitsmarkt hart trifft, sondern vor allem zu persönlichen Leidensgeschichten führt.

Ich werde seit Wochen mit etwa acht bis fünfzehn Mails und Anrufen pro Tag um Hilfe gebeten, weil sich Menschen von den Eckpfeilern unseres Gesundheits- und Sozialwesens unzureichend getragen sehen. Ich bin deshalb dankbar darüber, dass ich mich im Verbund mit vielen anderen Ehrenamtlichen weiß, die im Notfall eine erste Auskunft geben können. Nicht umsonst werden die niederschwelligen Angebote – wie Selbsthilfe, Psychosoziale Beratungsangebote oder IBB-Stellen – als Dritte Säule unseres Versorgungssystems bezeichnet. Doch wir können mit unseren Maßnahmen, die uns rechtlich wie fachlich – glücklicherweise – beschränken, nicht das leisten, was Professionelle geben können. Daher muss ich mir in dieser Mail Luft machen, weil ich nicht nachvollziehen kann, wie man über Dekaden sehenden Auges ins Unglück rennen konnte. Denn schließlich hinkt die psychologisch-psychotherapeutische Versorgung in Deutschland nicht erst seit gestern. Und durch die Pandemie müssen wir damit rechnen, dass eine kaum zu bewältigende Zahl an Menschen hinzukommen wird, die auf seelische Unterstützung angewiesen ist. Besonders, wenn wir noch nie in Berührung mit einer psychischen Erkrankung standen, brauchen wir Orientierung und Wegweisung. Natürlich können hierbei auch jene Angebote helfen, die von einer Unmenge engagierter Bürger getragen werden. Letztlich warne ich aber auch davor, dass – nicht nur in der Pflegebranche – ein BurnOut der Helfenden droht. Abgesehen davon, dass gerade bei Jugendlichen die Anzeichen steigen, wonach sie durch ausbleibende Bildungschancen massiv in ihrem Selbstwert zurückgedrängt werden, Furcht vor der beruflichen und privaten Zukunft haben oder aufgrund der beschränkten Kontakte zu Freunden ganz besonders leiden, sind wir in der breiten Masse nicht vor den seelischen Herausforderungen gefeit, die wir in der täglichen Berichterstattung der Corona-Zahlen bislang überhaupt nicht auf dem Schirm haben.

Wir haben es über Jahrzehnte versäumt, eine der Gegenwart angemessene Bedarfsplanung an Psychotherapie-Plätzen in unserem Land auf die Beine zu stellen. Die teilweise höchst veralteten Erhebungen können keinesfalls eine adäquate Auskunft darüber geben, welch psychologischen Unterstützungsbedarf die Deutschen im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts haben werden. Die gutgemeinten Reformen in der Beschaffung freier Therapieplätze durch die „Terminservicestellen“ hatten auf den ersten Blick eine spürbare Entlastung mit sich gebracht. Schon seit langem wird aber deutlich, dass auch sie die grundlegenden Versäumnisse aus der Vergangenheit nicht auffangen können. Rund 80 Prozent der bei mir eingehenden Anfragen lauten ähnlich: Patienten wenden sich an die Hotline der „Kassenärztlichen Vereinigung“, erhalten einen Termin zur „Psychotherapeutischen Sprechstunde“, in der ihnen die Notwendigkeit einer (akuten) Psychotherapie bestätigt wird, ehe sie dann am Telefon erneut zu hören bekommen, dass zur Inanspruchnahme einer Therapie derzeit leider kein freier Platz vermittelt werden kann. Schlussendlich stehen die Menschen dann wieder an ihrem Ausgangspunkt – mit dem Unterschied, dass sie nun um eine diagnostizierte Depression, phobische Störung, psychosomatische Erkrankung oder Psychose (allesamt Krankheitsbilder, die mehr oder weniger direkt im Zusammenhang mit den Corona-Maßnahmen stehen) wissen, ohne jegliche adäquate Behandlungsmöglichkeit.

Eigentlich hätten Zustände, wonach Patienten nicht einmal mehr auf Wartelisten bei Psychotherapeuten aufgenommen werden, mit den Anstrengungen der Bundesregierung aus den letzten Jahren gar nicht mehr existieren dürfen. Doch die Realität ist ausgerechnet in Zeiten einer internationalen Katastrophe, in der immer mehr Menschen den seelischen Halt verlieren, eine völlig andere: Bei den mir zugesandten Mails konnte ich eine mittlere Wartezeit von acht Monaten bis zu einem Jahr ermitteln, die es dauert, bis Patienten die Aussicht auf einen Platz beim Psychotherapeuten erhalten. Sie mögen von Einzelfällen reden – doch nicht einmal dann wären solche Zustände tolerierbar. Es ist kein Wunder, dass die Menschen in derartigen Situationen verzweifeln. Und sie suchen sich natürlich anderweitige Hilfe. Die Selbsthilfegruppen der „Anonymen Alkoholiker“ haben jüngst erklärt, in der Corona-Krise einen starken Zulauf an neuen Teilnehmern erhalten zu haben. Viele ehrenamtliche Angebote können im Augenblick aber ebenfalls nicht als Präsenzveranstaltung stattfinden, weshalb auch ich meine Selbsthilfeberatung über Telefon und Mail ausgebaut habe. Doch gleichsam ich merke, dass ich als chronisch kranker Mensch, der seine freiwillige Aufgabe mit viel Herzblut erledigt, zwischenzeitlich an die Grenzen des Machbaren gelange. Natürlich können wir als Betroffene, die oftmals schon jahrzehntelang mit ihrer Erkrankung leben, gerade Patienten, die in dieser Epidemie zum ersten Mal in ihrem Leben mit einem seelischen Leiden konfrontiert sind, mit guten Ratschlägen weiterhelfen, ihnen zuhören und die gröbsten Fragen beantworten. Wir sind aber zu Recht kein Ersatz für das psychotherapeutische Versorgungswesen.

Mir scheint, als wurde der Bedarf an psychologischer Hilfe für die Deutschen über Jahre schleifen gelassen. Ich kann nicht begreifen, wie Patienten in Regionen, die laut Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung oder den Landesärztekammern als „überversorgt“ gelten, trotzdem drei oder vier Monate auf einen psychiatrischen Facharzttermin warten müssen. Haben Sie den Blick auf die Wirklichkeit verloren, Frau Bundeskanzler? Nicht erst seit Beginn des grassierenden Covid-19-Virus befinden sich die Krankentage aufgrund seelischer Erkrankungen auf einem steil steigenden Ast. Und nun droht uns eine heranwachsende Generation von jungen Menschen, die möglicherweise eine Corona-Infektion überstanden hat, jetzt aber mit den langfristigen Konsequenzen von Freiheitsentzug, Bildungsarmut und Emotionslosigkeit umgehen muss – und möglicherweise Jahre in ihrer seelischen Entwicklung zurückgeworfen wird oder gar von chronischen Ängsten, Deprimiertheit und Einsamkeit geplagt ist. Ein Jugendlicher schrieb mir dieser Tage eine Nachricht und schloss sie mit dem Satz: „Sind wir die Corona-Psychos von morgen?“. Ja, ich kann dieser eindeutigen Aussage nichts entgegenstellen, weil ich überzeugt bin, dass es so kommen wird. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich bin ganz weit entfernt von jeglicher „Querdenker“-Rhetorik, von Covid-19-Leugnern oder extremistischen Kräften, die unsere Zeit auf eine Stufe mit der schlimmsten Historie Deutschlands stellen. Aber ich möchte mahnen: Wenngleich wir schon mit der Bewältigung der unmittelbaren Folgen der Pandemie zu kämpfen haben, sollten wir dennoch daran denken, die heute noch unsichtbaren Folgen des – unzweifelhaft notwendigen – politischen Handelns möglichst bald abzufedern. Man muss gestehen: Die Defizite im psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgungssystem sind nicht neu, genauso wenig, wie fehlende Krankenhausbetten oder eine weiter sinkende Zahl an Pflegekräften.

Es wäre müßig, nun viel Zeit damit zu verschwenden, über die Fehler aus zurückliegenden Jahren zu philosophieren. Allerdings muss dennoch die Feststellung erlaubt sein, dass wir dem neokapitalistischen Denken im Sozialwesen über ganze Epochen kritiklos verfallen sind. Die Ökonomisierung der Gesundheit hat uns zum heutigen Zustand geführt, an dem wir unbestritten viel besser dastehen als andere Länder, aber glasklar erkennen müssen, dass der eingeschlagene Weg der Privatisierung von Versorgungsstrukturen ein Fehler war. Ich habe Ihnen in dieser Mail aufgezeigt, wie ich die Auswirkungen von Corona auf die Seele der Menschen erlebe. Ich wünsche mir von Ihnen, aber auch von den Medien – die ich deshalb in den Verteiler meines offenen Schreibens aufgenommen habe –, dass wir abseits der morgendlichen 7-Tage-Inzidenz auch auf dem Schirm haben, wie sehr Millionen von Mitbürgern unter dem momentanen Zustand leiden. Sie brauchen nicht nur heute Hilfe, sondern vor allem perspektivische Begleitung, zu der ich mit meinen bescheidenen Möglichkeiten zweifelsohne einen Beitrag leisten will. Dennoch werde ich ermahnen und zugleich ermutigen, dass die psychischen Folgen von Corona (welche viele Menschen auch als unmittelbare Konsequenz der Infektion erleben) in unserer Wahrnehmung einen viel höheren Stellenwert einnehmen müssen. Zwar leidet die Seele oft still, dafür aber nicht weniger dramatisch als manches Organ bei somatischen Erkrankungen. Neben einer massiv verbesserten Versorgungslandschaft, auch durch Einbeziehung der psychosomatische Intervention durch Hausärzte (vor allem auch auf dem Land), den Ausbau von MVZ und klinischen Außenstellen mit Anschluss von Institutsambulanzen sowie GPZ und SPZ, Stärkung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Facharztausbildung, Zugangserleichterungen zum Psychologie-Studium, einem Umdenken in der Erhebung der Bedarfsanalyse, stärkerer Vernetzung und Bekanntmachung von psychologischen Beratungsstellen oder Selbsthilfeangeboten und einer Unterstützung von Kommunalen Gesundheitskonferenzen bis hin zu Gemeindepsychiatrischen Verbünden, erkenne ich vor allem die Notwendigkeit einer gesamtgesellschaftlichen Sensibilisierung für das Thema der Seelischen Gesundheit und Prävention. Viele Leuchtturmprojekte zeigen, wie das funktionieren kann. Ich denke, in diesen Zeiten braucht es mehr davon…

Herzliche Grüße
Ihr Dennis Riehle

DennisRiehle - 09:03 @ Gesellschaft


Bitte beachten Sie: Auch für den Blog gelten Datenschutz und Disclaimer.

Leider sind Kommentare von Außenstehenden in diesem Blog nicht möglich.